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23. April 2007, 15:50 Uhr

Moskau

Russlands Ex-Präsident Jelzin ist tot

Der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin ist verstorben. Ein Kreml-Sprecher teilte mit, der frühere Staatschef sei im Alter von 76 Jahren gestorben. Nach Angaben aus Ärztekreisen war die Todesursache ein plötzlicher Herzstillstand.

Moskau - Während Kreml-Sprecher Alexander Smirnow keine näheren Angaben zu den Umständen des Todes von Boris Jelzin machte, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf behandelnde Ärzte, der ehemalige Präsident habe einen plötzlichen Herzstillstand erlitten. Der 76-Jährige hatte in den 90er Jahren mehrere Bypässe erhalten.

Russlands Ex-Staatschef Jelzin (Archivbild von 1997): Gestorben im Alter von 76 Jahren
AP

Russlands Ex-Staatschef Jelzin (Archivbild von 1997): Gestorben im Alter von 76 Jahren

Jelzin, dessen Karriere als KPdSU-Funktionär in der Sowjetunion begann, war nach deren Zerfall 1991 erster demokratisch gewählter Präsident der unabhängigen Russischen Föderation.

Jelzins Gesundheitszustand hatte sich vor allem in seiner zweiten Amtszeit verschlechtert, oft wirkte er abwesend. Bis zu Bestätigung seiner Herzkrankheit stellten ihn politische Gegner als Alkoholiker hin und verwiesen auf missglückte Besuche im Ausland, darunter eine "Dirigenteneinlage" bei der Verabschiedung russischer Truppen in Berlin. Nach einer Bypass-Operation wurden Jelzins Krankenhaus- und Sanatorienaufenthalte länger und er zeigte sich immer weniger in der Öffentlichkeit. In seiner Neujahrsansprache am Silvestertag 1999 erklärte er schließlich seinen Rücktritt zu Gunsten Wladimir Putins.

Jelzin wurde am 1. Februar 1931 im Dorf Butka im Ural geboren. 1961 trat der spätere Bauingenieur in die KPdSU ein. Sein Weg führte ihn 1975 an die Spitze der Partei in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. KPdSU-Chef Michail Gorbatschow holte ihn zu Beginn der Perestroika-Zeit nach Moskau und machte ihn dort zum Parteichef.

Ende 1987 musste Jelzin, der radikalere Reformen forderte, sein Amt aufgeben. Mit 89 Prozent der Wählerstimmen im Rücken zog er 1989 jedoch in den Kongress der Volksdeputierten und anschließend in den russischen Volksdeputiertenkongress ein, der ihn im Mai 1990 zu seinem Vorsitzenden machte. Aus der Partei trat er bald aus.

Nach der Wahl zum ersten Präsidenten Russlands im Juni 1991 brachte Jelzin im August durch seinen Widerstand den Putsch orthodoxer Kommunisten gegen Gorbatschow zum Scheitern. Mit den Staatschefs Weißrusslands und der Ukraine löste er im Dezember 1991 die Sowjetunion auf.

Einen weiteren Putsch des kommunistischen Parlaments ließ er 1993 niederschlagen. 1996 schaffte Jelzin die Wiederwahl. In diese zweite Amtszeit fielen die schwere Herzoperation im November 1996 und die immer häufigeren Krankheiten, die seine politische Aktivität praktisch zum Stillstand brachten.

Jelzin hatte als Präsident seines Landes stets für ein starkes Russland gekämpft. Die Erfüllung seines Traumes erlebte der Sohn eines Bauern nicht mehr. Zumindest hat er seinen Nachfolger Putin einige Jahre bei der Fortsetzung seines Lebenswerks beobachten können.

"Ein tragisches Schicksal"

Ex-Präsident Gorbatschow würdigte heute die Verdienste Jelzins. "Ich spreche der Familie des Toten mein Beileid aus. Er hat dem Land große Dienste geleistet, aber auch große Fehler gemacht", sagte Gorbatschow nach Angaben der Agentur Interfax. "Ein tragisches Schicksal."

Jelzin sei eine "historische Figur während einer Zeit großen Wandels und Herausforderungen für Russland" gewesen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses für nationale Sicherheit, Gordon Johndroe, in Washington. Er sprach der Witwe Jelzins, seinen Angehörigen und "ganz Russland" sein Beileid aus.

phw/dpa/reuters/AFP/AP

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