Abgefangener syrischer Jet Putin sagt Türkei-Reise ab

300 Kilo Waffenmaterial für Syrien soll ein Passagierjet aus Moskau an Bord gehabt haben, der von der Türkei zur Landung in Ankara gezwungen wurde. Jetzt eskaliert der Streit um den Zwischenfall, Russlands Präsident Wladimir Putin sagte eine Türkei-Reise ab.
Präsident Putin: Russland fordert Erklärung von Ankara

Präsident Putin: Russland fordert Erklärung von Ankara

Foto: AFP

Moskau/Ankara - Der syrische Airbus 320 durfte längst wieder vom Flughafen in Ankara abheben, aber die Zwangslandung der ursprünglich in Moskau gestarteten Maschine hat einen heftigen Streit zwischen Syrien und der Türkei ausgelöst - und strapaziert das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden Länder.

Syriens Verkehrsminister Mahmud Said warf der Regierung in Ankara laut einem TV-Bericht jetzt "Piraterie" vor. Das Abfangen des Verkehrsflugzeugs durch die türkische Luftwaffe verletze internationale Verträge über die zivile Luftfahrt, zitierte der libanesische Sender al-Manar den Minister. Das russische Außenministerium forderte am Donnerstag eine Erklärung der Türkei für das Vorgehen. Russland sei besorgt, dass Leben und Sicherheit der 17 russischen Bürger, die sich an Bord der Maschine befanden, gefährdet worden seien. Die türkischen Behörden sollten erklären, wie es zu der erzwungenen Landung kommen konnte und wie sich ähnliche Vorfälle in Zukunft verhindern ließen, forderte Ministeriumssprecher Alexander Lukaschewitsch.

Zugleich sagte Kreml-Chef Wladimir Putin eine für Montag geplante Türkei-Reise ab, wie sein Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag mitteilte.

Nach offiziellen Angaben kann sich Putin wegen anderer Termine nicht mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan treffen. Die Zeitung "Wedomosti" zitierte indes einen Kreml-Beamten mit den Worten, Putin wolle sich in dem eskalierenden Konflikt zwischen Damaskus und Ankara nicht auf eine Seite stellen.

"Brutale Massaker an der Zivilbevölkerung"

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu hatte zuvor erklärt, dass die Fracht des zur Landung gezwungenen Airbus untersucht und teilweise beschlagnahmt worden sei. Nach Geheimdienstinformationen habe sich "nicht-zivile Fracht" an Bord befunden, sagte der Außenminister, ohne weitere Details zu nennen. Davutoglu warf Russland indirekt vor, die syrische Führung von Machthaber Baschar al-Assad mit Waffen zu beliefern und dafür Zivilflugzeuge zu missbrauchen. "Wir sind entschlossen, Waffenlieferungen an ein Regime zu kontrollieren, das solch brutale Massaker an der Zivilbevölkerung verübt", sagte der Minister.

Türkischen Presseberichten zufolge fanden Ermittler 300 Kilogramm militärische Güter an Bord des Flugzeugs. Adressat der von der Türkei beschlagnahmten Fracht sei das syrische Verteidigungsministerium gewesen, berichtete die Zeitung "Star". Das Onlineportal ntvmsnbc meldete, dass sich an Bord des Airbus Teile von Raketensystemen befunden hätten. Der Zeitung "Hürriyet" zufolge wurde auch Funkausrüstung, darunter Störsender, sichergestellt.

Streit auf dem Flughafen

Laut "Hürriyet" löste die Untersuchung der Fracht auf dem Flughafen von Ankara einen Streit zwischen türkischen Behördenvertretern und russischen Diplomaten aus. Die russischen Vertreter protestierten demnach gegen die Öffnung von Behältern, die als diplomatisches Gepäck deklariert und versiegelt waren. Die mutmaßlichen militärischen Güter seien in separaten Paketen innerhalb dieser Behälter gefunden worden - eine offizielle Stellungnahme der türkischen Behörden lag nicht vor.

Dagegen zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax eine nicht näher genannte Quelle, wonach sich an Bord des Flugzeugs keinerlei militärisches Material befand.

Die Beziehungen zwischen Ankara und Damaskus sind höchst angespannt. Die Türkei stellt sich im Syrien-Konflikt offen auf die Seite der Aufständischen und hat rund 100.000 Flüchtlinge und wichtige Oppositionelle aufgenommen. Im Juni schoss Syrien einen türkischen Kampfjet ab. Seit rund einer Woche schlagen im türkischen Grenzgebiet immer wieder Granaten aus Syrien ein, die Türkei feuert zurück. Erst am Mittwoch hatte die Türkei angekündigt, "mit größerer Wucht" zurückzuschlagen, sollten die Attacken kein Ende haben.

Die syrische Führung warf der Türkei vor, sie habe die jüngsten Angriffe an der Grenze selbst inszeniert. Die regierungsnahe syrische Tageszeitung "al-Watan" schrieb am Mittwoch, Ziel dieser Taktik sei es, die Einrichtung eines "befreiten Gebietes" im Norden der syrischen Provinz Idlib durchzusetzen.

hen/dpa/Reuters/dapd