Rapper unterstützen Proteste in Moskau Die Opposition trifft den Takt

Die Proteste in Moskau für freie Wahlen gehen in die nächste Runde: Die Opposition bringt 50.000 Menschen auf die Straße - weil jetzt auch Rapper auftreten.

"Schlaf ein, meine Kalaschnikow". Rapper "Face" in Moskau
Tatyana Makeyeva / REUTERS

"Schlaf ein, meine Kalaschnikow". Rapper "Face" in Moskau

Von , Moskau


Russlands Opposition steht immer wieder neu vor der Frage, zu welcher Form von Demonstrationen sie aufrufen soll. Ruft sie zu ungenehmigten Protesten auf, dann riskieren ihre Anhänger Haftstrafen. Hält sie sich dagegen an alle Vorgaben der Behörden, dann macht sie sich zum Spielball des Kreml. Die Opposition ist uneins, wie sie vorgehen soll.

An diesem Sonnabend zum Beispiel hatten Moskauer Oppositionspolitiker zu einer genehmigten Demonstration auf dem Sacharow-Prospekt aufgerufen. Der Prospekt ist kein beliebter, aber ein durchaus üblicher Ort für Großkundgebungen - eine gesichtslose Durchgangsstraße mit viel Platz und wenig Charme.

Größte Demonstration seit Jahren

Es wurde trotz kaltem Regenwetter mit rund 50.000 Teilnehmern die größte Protestkundgebung in der Hauptstadt seit Jahren. Das hatte allerdings auch damit zu tun, dass die Opposition eine Auflage der Behörden missachtete - die nämlich, auf der Bühne dürfe nur gesprochen, keinesfalls aber gesungen werden. Diese bizarre Auflage hatten die Behörden im letzten Moment verkündet, als klar geworden war, dass prominente Rapper die Kundgebung unterstützten würden. Sie fürchteten zu Recht, dass die Veranstaltung ein neues, jüngeres Publikum anlocken werde. "Dieses Mikrofon", so spottet der Journalist Leonid Parfjonow auf der Bühne und hält das Gerät hoch, "ist sozusagen nur für Prosa lizenziert."

Die Zehntausenden Demonstranten mussten erst durch den Security-Check
Evgenia Novozhenina / REUTERS

Die Zehntausenden Demonstranten mussten erst durch den Security-Check

Es zeugt von der derzeitigen Empörung vieler Russen, dass eine politische Protestkundgebung nun auch prominente Musiker anzieht, die auf solchen Kundgebungen bisher fehlten. Mit dem Ursprung der Proteste - dass unabhängige Kandidaten von den Wahlen zum Stadtparlament ausgeschlossen wurden - hat diese Empörung gar nicht so viel zu tun. Sie wurde angefacht, als die ersten Proteste brutal niedergeschlagen wurden, mit zweieinhalbtausend Festnahmen an nur zwei Wochenenden und einem absurden Strafverfahren wegen angeblicher "Massenunruhen". Die Demo an diesem Samstag fordert beides: Zulassung zu den Wahlen, Freilassung aus der Haft. "Zulassen" und "Freilassen" skandieren die Teilnehmer.

Rapper "Face" unterstützt die Oppostion

Und so treten neben Politikern und neben den Freunden und Verwandten von Festgenommenen auch ungewohnte Figuren auf. "Ich verfüge über keine starke politische Kompetenz", sagt in steifer Wortwahl ein junger Mann mit tätowiertem Gesicht, während ihm die Menge zujubelt. Das ist "Face" alias Iwan Drjomin, Rapper und Verfasser von Liedern wie "Salaam, meine Brüder" oder "Baju-baj, schlaf ein, meine Kalaschnikow". Viele in der Menge singen mit.

Kurz zuvor ist noch Ljudmila Ulizkaja aufgetreten, die Schriftstellerin, mit einem frisch verfassten Gedicht über Polizeigewalt. Der Wechsel von der Lyrik der 76-jährigen Ulizkaja zur der des 22-jährigen "Face" ist abrupt. Hinter der Bühne wartet schon der nächste bekannte Rapper: Anton Tschernjak von "Krowostok". Einen Schritt hinter ihm stehen ständig zwei schweigsame Polizisten. Sind die dazu da, ihn am Auftritt zu hindern? "Weiß ich nicht", sagt Tschernjak und zuckt mit den Schultern.

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Die Polizei greift nicht ein. Dafür sind "Face" und "Krowostok" und die Gruppe "IC3PEAK", die hier auftreten, zu bekannt. Aber die Polizei greift später ein, als ein Mitstreiter des Oppositionskandidaten Iwan Schdanow (der selbst im Gefängnis sitzt) von der Bühne aus vorschlägt, doch einen Spaziergang hin zur Präsidialverwaltung am Alten Platz zu unternehmen. Tatsächlich beginnt so gleich im Anschluss an die genehmigte Kundgebung doch noch der ungenehmigte Protest. Es kommt zum üblichen Katz- und Maus-Spiel in der Innenstadt, wie an den Wochenenden zuvor.

Moskau will mit Festival von Demo ablenken

Und so wächst gegen Abend doch wieder die Zahl der Festnahmen - 245 zählt die Gruppe OVD-Info in Moskau. Schon vor der Kundgebung war außerdem die Oppositionskandidatin Ljubow Sobol festgenommen worden. Und auch in den Regionen gab es Solidaritätsveranstaltungen; in Petersburg kam es zu 81 Festnahmen.

Nach der offiziellen Demo kam es zu Dutzenden Verhaftungen
YURI KOCHETKOV/EPA-EFE/REX

Nach der offiziellen Demo kam es zu Dutzenden Verhaftungen

Vergeblich hatte die Moskauer Stadtverwaltung mit einem Musik- und Gastro-Festival von der Oppositionskundgebung abzulenken versucht. Auch das scheint allerdings Tradition zu werden - nach "Schaschlik live" am Wochenenende zuvor gab es diesmal "Meat & Beat".

Thematisch näher am Thema Proteste ist eine andere Veranstaltung - Russlands Justizvollzugsbehörde FSIN organisierte an diesem Samstag in Moskau einen Geschicklichkeitswettbewerb für die Fahrer von Gefangenentransportern.



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