Moskau Wirrwarr um Todesursache der Geiseln

Erst hieß es, von den 117 getöteten Geiseln in Moskau seien fast alle durch das eingesetzte Gas gestorben, dann teilte die Moskauer Staatsanwaltschaft ausdrücklich mit, 45 Opfer seien an Schussverletzungen gestorben. Jetzt wurde diese Meldung wieder zurückgezogen. Angeblich ein Missverständnis.


Die russische Polizei hatte offenbar einen Kollaborateur der Terroristen in ihren Reihen
REUTERS

Die russische Polizei hatte offenbar einen Kollaborateur der Terroristen in ihren Reihen

Moskau - In einer korrigierten Fassung der russischen Nachrichtenagentur Interfax wurde der Moskauer Staatsanwalt Michail Awdjukow mit der Aussage zitiert, die Zahl 45 umfasse die getöteten tschetschenischen Terroristen, zwei Geiseln und zwei weitere Opfer.

In der ursprünglichen Eilmeldung hatte Interfax Awdjukow eindeutig mit den Worten zitiert, 45 der 117 getöteten Geiseln seien an Schussverletzungen gestorben. Unterstützt wurde die Nachricht durch ein wörtliches Zitat des Staatsanwalts: "In dieser Zahl sind 43 Geiseln enthalten, die Moskauerin Olga Romanowa, die bei dem Versuch, in das Theater an der Dubrowka zu gelangen, von den Terroristen erschossen worden war, und ein Mann, dessen Identität bislang nicht festgestellt wurde und der auf eine mögliche Verbindung mit den Terroristen überprüft wird."

Innenminister Boris Gryslow sagte heute, in Moskau seien mehrere Dutzend Helfershelfer des Tschetschenen-Kommandos festgenommen worden. Zu ihnen gehört auch ein Polizist. Der Mann habe die tschetschenischen Geiselnehmer in dem Theatergebäude per Mobiltelefon über den aktuellen Stand der Polizeiarbeit informiert, berichtete am Montag die Agentur Interfax. Er habe jedoch nicht zum Krisenstab gehört, sondern sei im mittleren Polizeidienst mit anderen Aufgaben im Einsatz gewesen. Die russische Polizei hat seit der gewaltsamen Beendigung des Geiseldramas am Samstagmorgen nach eigenen Angaben mehrere mutmaßliche Komplizen der Terroristen festgenommen.

Unterdessen wird weiter über das mysteriöse Gas spekuliert, das bei der Erstürmung des Gebäudes verwendet wurde. Nach Angaben aus Kreisen des US-Verteidigungsministeriums handelt es sich offenbar um ein Opiat. Die amerikanische Botschaft in Moskau habe herausgefunden, dass ein Opium-Derivat verwendet wurde, erklärten Gewährsleute in Washington. Solche Substanzen lähmen die Sinne, können aber auch zu einem Atemstillstand und damit zum Tod führen. Die russische Regierung hat sich bisher nicht zur Art des eingesetzten Gases geäußert.

Die amerikanische Regierung will den Kreml nicht für den Einsatz des Gases kritisieren. US-Präsident George W. Bush bedaure die zahlreichen Todesopfer, verstehe jedoch, dass die Terroristen für die Tragödie verantwortlich seien, erklärte Regierungssprecher Ari Fleischer am Montag. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher, sagte, die USA und andere Länder hätten von Moskau Aufklärung über das Gas verlangt. "Diese Information wird von den Ärzten gebraucht", erklärte Boucher. "Wir warten auf eine Antwort, die wir bisher nicht haben."

Das gewaltsame Ende des Geiseldramas am Samstag hatte 116 Geiseln das Leben gekostet.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.