Moskauer Anschlagserie Brisanter Zucker für Putins Wiederwahl

246 Tote forderten vor mehr als fünf Jahren die Sprengstoffanschläge auf Moskauer Wohnhäuser. In Verdacht kamen umgehend tschetschenische Täter. Das Gerichtsurteil gegen zwei Verdächtige zieht nun aber eine alte Affäre um Präsident Putin und seltsame Ungereimtheiten über Zucker ans Licht.
Von Fritjof Meyer

Hamburg - Alles ist gerichtet für die Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten Russlands am 14. März. Kein Ernst zu nehmender Rivale bewirbt sich. Sicherheitshalber wurde sogar die Haft des charismatischen Wirtschaftskapitäns Michail Chodorkowski bis eine Woche nach der Präsidentenwahl verlängert, man kann ja nie wissen. Das Parlament ist zum Ein-Parteien-Gesangverein gleichgeschaltet, das Fernsehen fest im Griff der Regierung. Einziges Risiko ist nur noch eine Wahlbeteiligung unter 50 Prozent, womit die Abstimmung ungültig würde.

Nur noch ein Flecken im schönen Bild ist zu beseitigen: Putins Wahl zum Präsidenten im März 2000 war ein glatter Gang nachdem das ganze Land in Schrecken geraten war. In Moskau und im südrussischen Wolgodonsk flogen im September 1999 drei Wohnhäuser in die Luft. 246 Tote förderten den Ruf nach einem starken Ordnungshüter, einem Mann eben wie Putin. Er ortete sogleich Tschetschenen als Täter und begann seinen blutigen Feldzug im Kaukasus, der bis heute währt.

Der Verdacht

Im Dezember 1999 wurden acht Verdächtige festgenommen, von denen man aber nie mehr etwas hörte. Sicherheitsmann Sergej Iwanow, heute Verteidigungsminister, meldete für eine Vorbereitung der Sprengsätze in Tschetschenien "handfeste Beweise", die aber nie vorgelegt wurden.

Doch dann kam ein Verdacht auf, den Jelena Bonner, die Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow, ebenso wie der Oligarch Boris Beresowski hegten - und der durch Recherchen der Moskauer Tageszeitung "Nowaja Gaseta" gestützt wurde: Putins Hausmacht, die Geheimpolizei FSB (vormals KGB), habe die Bomben werbewirksam für ihren Kandidaten selbst gelegt.

Die brisante Anschuldigung soll jetzt rasch aus der Welt: Am Montag, über fünf Jahre nach dem Massenmord, wurden endlich die Namen von zwei Attentätern bekannt: Ein Moskauer Stadtgericht verurteilte einen Adam Dekuschew und einen Jusuf Krimschamchalow für die Bombenanschläge zu lebenslangem Zuchthaus. Beides sind keine Tschetschenen, sondern russische Staatsbürger aus der nordkaukasischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien, die in Georgien verhaftet wurden.

Ausschluss der Öffentlichkeit

Allerdings ermangelte die Gerichtsverhandlung jener Öffentlichkeit, welche als Grundbedingung jeglicher Rechtsfindung schon vom Zaren Alexander III. in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, übrigens unter dem Namen "Glasnost", einem Begriff, mit dem Reformer Michail Gorbatschow das gesamte Sowjetsystem entblößte: einfach durch Transparenz.

Die fehlte im Moskauer Geheimprozess. Fünf der 90 Aktenbände wurden sogar als Staatsgeheimnis versiegelt. Nur die Urteilsverkündung fand öffentlich statt. Das Gericht erklärte, sechs der Täter seien gestorben, darunter die beiden arabischen Drahtzieher Chattab und Abu Umer. Mittäter Atschemes Gotschijajew, der die Räume für das Dynamit gemietet hatte, konnte fliehen.

Der ehemalige, nach London emigrierte FSB-Offizier Litwinenko will Gotschijajew in seinem Versteck getroffen und eine eidesstattliche Versicherung erhalten haben, dass Gotschijajew gutgläubig für einen Freund den Tatort angemietet habe - und der Freund sei ein FSB-Mann gewesen. Diese Hintergründe machte der gleichfalls emigrierte Oligarch Beresowski publik.

Aus dem Gerichtssaal drang, dass die zwei Verurteilten bestritten, von der Vorbereitung irgendwelcher Attentate gewusst zu haben. Sie sprachen von Manipulationen des Gerichts: "Viele Vorwürfe gründeten sich auf Lügen." Die beiden sollen freilich laut Urteil auch nicht direkt an den Anschlägen teilgenommen, sondern nur - in Begleitung eines bestochenen Polizisten - die sechs Tonnen Sprengstoff transportiert haben, getarnt als Zucker. Dieser Punkt nun beflügelt den einst geäußerten Verdacht.

Hexogen im Tee

Während der Attentatsserie im September 1999 stieß nämlich der Busfahrer Alexej Kartofelnikow abends auf dem Weg in seine Wohnung Nr.19 eines zwölfstöckigen Mietshauses in Rjasan, 150 Kilometer hinter Moskau, auf einen Pkw mit verdeckter Moskauer Nummer, der auf den Hof fuhr.

Kartofelnikow rief die Polizei, die im Keller des Hauses drei Säcke mit weißem Pulver und einen auf 5.30 Uhr eingestellten Zeitzünder fand. Der Polizei-Experte Jurij Tkatschenko prüfte den Stoff mit einem teuren und hochsensiblen Gasanalysator - und ermittelte den Sprengstoff Hexogen. Über dieses Teufelszeug verfügen nur Militär und FSB. Der russische Innenminister und auch der Rjasaner FSB-Resident triumphierten ob der Vereitelung eines weiteren Attentats. Premier Putin lobte Kartofelnikows Wachsamkeit.

FSB-Leute aus Moskau nahmen die Säcke mit. Die Rjasaner Polizei hatte offenbar auch die Pkw-Insassen identifiziert. Denn am nächsten Tag verkündete FSB-Chef Patruschew in Moskau, in den Säcken sei nur Zucker gewesen, es habe sich um eine FSB-Übung gehandelt, um die Einsatzbereitschaft der Polizei zu prüfen.

Vergeblich suchte der bekannte Menschenrechtler Sergej Kowaljow gerichtlich den FSB zur Herausgabe der Akten zu der "Übung" zu zwingen. Und die "Nowaja Gaseta" zitierte den Gefreiten Alexej Pinjajew, der im Herbst 1999 in einer Kaserne des 137. Fallschirmjäger-Regiments bei Rjasan Zentnersäcke mit der Aufschrift "Zucker" fand und sich für seinen Tee bediente. Das Zeug schmeckte so seltsam, dass der Regiments-Feuerwerker es untersuchte. Es war Hexogen.

Dunkles Kapitel

Rasch erschienen FSB-Vernehmer wegen der "Aufdeckung von Staatsgeheimnissen". Sie erklärten den Soldaten: "Ihr Burschen habt ja keine Ahnung, wo ihr eure Nase hineingesteckt habt." Sie rieten den Fallschirmjägern, die Sache "für immer zu vergessen". Die Einheit wurde nach Tschetschenien versetzt, Pinjajew nach der Veröffentlichung festgenommen.

Der frühere Vize-Chefredakteur der "Nowaja Gaseta" und Duma-Abgeordnete Jurij Schtschekotschichin, 53, recherchierte im vorigen Sommer noch einmal in Rjasan, was ihm aber nicht bekam: Er starb an einem allergischen Schock.

So taugt der Moskauer Prozess hinter verschlossenen Türen nicht gerade dazu, die Sache für immer zu vergessen. Die "Neue Zürcher Zeitung" urteilt: "Damit haben die Justizorgane eine riesige Chance vertan, endlich Licht in eines der dunkelsten Kapitel der neueren russischen Geschichte zu bringen." Die Anwälte der beiden Verurteilten legen Berufung ein. Russlands höhere Gerichte sind unabhängig.

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