Moskaus Atompläne Ausstieg? Njet!

Russland will in den kommenden Jahren Dutzende Reaktorblöcke errichten. Einen davon im Kaukasus, wo die Erdbebengefahr hoch ist. Nach der Havarie in Japan fürchten Kernkraftkonzerne nun Rückschläge für ihre ambitionierten Pläne. Sie warnen vor einer "Panikmache" in der Bevölkerung.
Havarierter Reaktor in Tschernobyl: Atomtechnik made in Russia ist weltweit gefragt

Havarierter Reaktor in Tschernobyl: Atomtechnik made in Russia ist weltweit gefragt

Foto: GLEB GARANICH/ REUTERS

Zum ersten Mal seit dem Reaktorunglück in Fukushima melden Messstationen auch im Hunderte Kilometer entfernten Russland erhöhte Radioaktivität. Laut dem russischen Innenministerium sind die Strahlungswerte in der Pazifikstadt Wladiwostok, die rund 800 Kilometer von den havarierten Reaktoren entfernt liegt, leicht um ein Mikroröntgen erhöht. Das Militär befindet sich in Alarmbereitschaft, um die russischen Inseln Sachalin und die Südkurilen gegebenenfalls zu evakuieren.

Russische Kernkraft-Experten warnen unterdessen vor einem erneuten Auftreten des "Tschernobyl-Syndroms", doch sie meinen damit nicht die Leiden der Menschen, die bei der Reaktorkatastrophe 1986 verstrahlt wurden. Sie meinen das nach dem GAU einsetzende und rund zwei Jahrzehnte währende Siechtum der sowjetischen und später russischen Atomindustrie.

Tschernobyl

Den Neubau von rund 20 Reaktoren ließ der Kreml damals vorerst stoppen. wurde zur Chiffre des Versagens sowjetischer Technik, und für zwei Jahrzehnte schien es, dass unter der Hülle des Betonsarkophags auch Moskaus nukleare Ambitionen beerdigt wurden.

Seit dem Jahr 2005 aber fördert der Kreml massiv die "Wiedergeburt der Atomkraft". Russland, das sich gern selbst als Rechtsnachfolger der Supermacht Sowjetunion sieht, will für eine rund zwei Milliarden Euro teure neue Betonhülle über dem Tschernobyl-Reaktor zwar nur 23 Millionen Euro beisteuern. Deutlich großzügiger zeigt sich Moskau dagegen, wenn es um die Entwicklung der heimischen Atombranche geht. 1,7 Milliarden Euro gab der Kreml allein 2010 für den Bau neuer Kernkraftwerke aus. Zusätzlich zu den bereits 32 betriebenen Reaktoren sollen bis 2020 mehr als ein Dutzend neue Blöcke ans Netz gehen.

Anbruch einer weltweiten "nuklearen Renaissance"

Präsident Dmitrij Medwedew räumt der Nuklearbranche "absolute Priorität bei der Modernisierung der Wirtschaft" ein. Rafael Arutjunjan von der Russischen Akademie der Wissenschaften wähnt gar den Anbruch einer weltweiten "nuklearen Renaissance". Nach dem Willen von Premierminister Wladimir Putin soll sein Land in den kommenden Jahren 25 Prozent des Weltmarkts für Atomenergie erobern, ein milliardenschweres Geschäft.

"Zu Öl und Gas gibt es nur eine reale starke Alternative: Das ist die Atomenergie", hatte Putin einmal gesagt. Ausstiegsszenarien und die Förderungen alternativer Energiequellen wie in Deutschland seien dagegen "Spielereien". Der Anteil des Atomstroms soll bis 2030 von derzeit 16 Prozent auf etwa 33 Prozent wachsen.

Tatsächlich steht Atomtechnik made in Russia auch im Ausland recht hoch im Kurs: Länder wie China, Indien, Taiwan und sogar das erdbebengefährdete Armenien wollen in den kommenden Jahren russische Meiler errichten.

Die Reaktorunfälle von Fukushima bringen die russische Führung nun in eine missliche Lage. Zwar liegt Tschernobyl auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Dennoch weiß kaum eine Nation so gut wie die Russen um die verheerenden Folgen atomarer Unfälle. Laut Schätzungen der Russischen Akademie der Wissenschaften sind allein in Russland an den Folgen der Havarie 60.000 Menschen ums Leben gekommen, darunter viele sogenannte "Liquidatoren", die als Helfer in die Unglückszone abkommandiert worden waren.

Kernenergie als Triebfeder der Modernisierung der russischen Wirtschaft

russischen Wirtschaft

Doch die russische Führung fürchtet auch Rückschläge für ihren Konzern Rosatom - oder gar ein weltweites Ende der Atomtechnologie. Die Kernenergie soll aber eine der Triebfedern für die von Staatschef Medwedew vehement propagierte Modernisierung der werden. Sie ist neben der Rüstungsbranche und der Raumfahrt der einzige Hochtechnologie-Bereich, in dem Russland weltweit konkurrenzfähig und sogar führend ist.

Russlands Reaktionen auf das Fukushima-Unglück fallen deshalb durchweg nüchtern aus - bis hin zur Bagatellisierung der Katastrophe. Premierminister Putin verkündete am Montag, sein Land werde seine "Pläne nicht ändern, aber natürlich Schlüsse daraus ziehen, was im Moment in Japan passiert". Am Dienstag ordnete er immerhin eine Überprüfung der Atompläne sowie Inspektionen in russischen Meilern an.

Vertreter des staatlichen Kraftwerksbetreibers Rosenergoatom gingen in der regierungsnahen Zeitung "Iswestia" noch weiter: Nicht die in Fukushima austretende Strahlung ("keine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit") sei eine Bedrohung, sondern "Panik und Radiophobie" ("die schrecklichsten Faktoren für den Menschen").

In der Küstenregion um die rund tausend Kilometer von Fukushima entfernte Pazifikstadt Wladiwostok ist die Nachfrage nach Strahlenmessgeräten sprunghaft angestiegen, obwohl ein Rosatom-Vertreter versicherte, für russisches Territorium bestehe keine Gefahr. In der Bevölkerung wachsen Zweifel an der Prognosesicherheit ihrer Atom-Experten.

Noch am Sonntag hatte der stellvertretende Rosatom-Chef Alexander Lokschin beteuert, für den dritten Reaktorblock in Fukushima sehe er "schon keine Gefahr" mehr. Doch am Montag stieg plötzlich Rauch über dem besagten Meiler auf. Nach einer heftigen Wasserstoffexplosion.

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