Moskaus Nato-Botschafter "Russlands Hilfe in Afghanistan hat ihren Preis"

Russland will die Nato in Afghanistan unterstützen - plädiert aber für einen energischeren Kampf gegen Drogen. Warum Moskau sich von afghanischem Heroin bedrohter fühlt als von den Taliban, erklärt Nato-Botschafter Rogosin im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Er warnt vor einem Scheitern des Westens.
Bundeswehr-Soldaten am Hindukusch: "Wofür riskieren Deutsche in Afghanistan ihr Leben?"

Bundeswehr-Soldaten am Hindukusch: "Wofür riskieren Deutsche in Afghanistan ihr Leben?"

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Afghanistan

SPIEGEL ONLINE: Herr Rogosin, seit acht Jahren operieren Koalitionstruppen unter amerikanischer Führung in , also direkt an Russlands Südflanke. Stört Sie das nicht?

Dmitrij Rogosin: Uns beunruhigt, dass der Einsatz schon so lange dauert - er ist bereits mit dem jahrelangen Einsatz des sowjetischen Militärs vergleichbar. Alarmierend ist, dass die vereinten Kräfte der westlichen Koalition nach einem fast zehnjährigen Einsatz keine ernsthaften Erfolge im Kampf gegen al-Qaida und die Taliban erzielt haben. Schlimmer noch: Nach unseren Informationen konnten die Taliban in den letzten Jahren ihr Einflussgebiet sogar erweitern.

SPIEGEL ONLINE: Warum unterstützt Russland die Nato in Afghanistan?

Rogosin: Lassen Sie mich zunächst hervorheben: Unsere Unterstützung ist auch an Bedingungen geknüpft. Es ist keine blinde Hilfe. Die Taliban sind für Russland keine direkte militärische Bedrohung. Ein großes Problem aber stellt das afghanische Heroin dar, dem jedes Jahr 30.000 Menschenleben in Russland zum Opfer fallen. Deswegen verlangen wir von unseren Partnern ebenfalls Unterstützung im Kampf gegen Drogenanbau und vor allem den Drogenhandel in Zentralasien. Hier muss die Nato endlich Worten Taten folgen lassen. Das habe ich meinen Nato-Partnern in Brüssel auch sehr klar gesagt. Vergessen Sie nicht: Wir helfen der Nato, weil wir glauben, dass die Allianz auch uns helfen könnte. Und wir möchten, dass die Nato unsere Stimme hört und achtet. Leider müssen wir heute erkennen, dass der Westen so gut wie alle Fehler der Sowjetunion wiederholt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann der Westen denn aus den Erfahrungen der Sowjetunion am Hindukusch lernen?

Rogosin: Man darf sich niemals auf einen langfristigen militärischen Einsatz in Afghanistan einlassen. Wenn Truppen eingesetzt werden, dann nur, um klar definierte Aufgaben zu erledigen. Danach sollten sie sich unverzüglich zurückziehen. Man darf sich auch auf keinen Fall in die internen Ränke zwischen den verschiedenen Klans hineinziehen lassen und sich auf bestimmte Politiker festlegen. Und das wichtigste: Um den religiösen Extremismus wirksam zu bekämpfen, muss man den Menschen Alternativen bieten. Sie können Extremismus nicht mit Gewalt vernichten, sie müssen den Menschen eine Perspektive bieten.

Man muss also in zivile Infrastruktur investieren, in Bildung und Ausbildung. Ich war nie Kommunist, aber eines weiß ich bestimmt: In den zwanziger Jahren haben die Sowjets die extremistische Bewegung der Basmatschi in Zentralasien sehr erfolgreich bekämpft, indem sie in Usbekistan und Tadschikistan Schulen errichtet hat. So hat man den Sieg errungen.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit dem Ziel einer Demokratisierung des Landes?

Rogosin: Das ist doch eine ganz andere Welt, das funktioniert nicht so. Man darf dort weder die westliche Demokratie, noch den sowjetischen Kommunismus ins Land "einschleusen". Eines ist klar: Eine militärische Lösung des Afghanistan-Problems gibt es nicht. Nur vereinte wirtschaftliche, zivile und politische Bemühungen können eine effektive Staatsmacht in Afghanistan schaffen und das Land befrieden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Interessen verfolgen Deutschland und der Westen in Ihren Augen in Afghanistan?

Rogosin: Genau darüber habe ich einmal mit Hans-Ulrich Klose von der SPD debattiert. Ich hab ihn gefragt, ob er erklären könne, warum deutsche Soldaten heutzutage in Afghanistan kämpfen. Was für Interessen verfolgt denn Deutschland in Afghanistan? Ich habe keine Antwort bekommen, leider. Man hört nur immer wieder: Wir sind Mitglied der Nato, wir sind Partner, al-Qaida und die Taliban stellen ein Problem dar. Meinetwegen. Aber was für ein Problem ist das für die Sicherheit Deutschlands? Mir scheint, dass ein solcher Einsatz von der Bevölkerung nicht akzeptiert sein kann, solange die Politiker nicht imstande sind, ihrem Volk klar die Ziele und Aufgaben zu benennen für die ihre Soldaten das Leben riskieren.

Für die Sowjetunion war Afghanistan immerhin ein Nachbarland. Den Sowjetideologen fiel es daher leichter zu erklären: Die Staatsgrenze sei bedroht. Aber Deutschland hat keine Grenze zu Afghanistan, ebenso wenig die USA. Und solange es keine schlüssigen Argumente gibt, warum sich die Nato in Afghanistan engagiert, wird dieser Einsatz immer unbeliebter werden. Viele sprechen schon davon, dass dieser Krieg nur einen Zweck hat: Die militärische Präsenz der Vereinigten Staaten in einer Region zu sichern, die reich an Rohstoffen ist. Ich glaube nicht, dass diese Sichtweise der Wirklichkeit entspricht oder berechtigt ist, aber sie ist verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde sich ein Scheitern in Afghanistan auf die Region und Russland auswirken?

Rogosin: Niemand wünscht sich in Russland ein Scheitern des Westens. Heute kämpfen in Afghanistan Seite an Seite mit den Taliban auch Tausende freiwillige Kämpfer aus anderen Ländern. Siegen die Aufständischen, fürchte ich, dass die Kämpfer in andere zentralasiatische Länder einsickern, um dort eine islamische Revolution anzuzetteln. Das ist ein Problem auch für Russland, denn in der Region leben viele Russen.

SPIEGEL ONLINE: Noch vor kurzem konnte man in den Beiträgen russischer Kommentatoren zur Lage in Afghanistan eine gewisse Häme vernehmen.

Rogosin: Ich denke, es geht um etwas anderes. Wir haben nicht vergessen, dass die USA, vor allem die CIA einst intensiv die Mudschahidin finanzierten in deren Kampf gegen die Sowjetunion. Offenbar hat niemand daran gedacht, dass Kinder dieser Mudschahidin sich später gegen den Westen wenden könnten. Ich wiederhole noch mal: Wir wollen der Nato helfen. Aber wir werden nicht vergessen, was passiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Weichenstellungen erwarten Sie von der Londoner Konferenz?

Rogosin: Jetzt, wo weder ein Sieg noch substantielle Fortschritte erkennbar sind, beteiligen sich sehr viele Staaten an dem Einsatz. Die Last und auch die Verantwortung für einen Fehlschlag soll geteilt werden. Daran haben wir keinerlei Interesse. Diese Konferenz muss aber die Bedeutung von wirtschaftlichen sowie zivilen Maßnahmen für die Stabilisierung Afghanistans unterstreichen. In London sollten auch Weichen in der Drogenbekämpfung gestellt werden. Wir sind bereit, dem Westen einen Schritt entgegenzukommen, um dessen Niederlage in Afghanistan zu verhindern. Aber wir gehen davon aus, dass alles einen Sinn und einen Preis hat. Wir wollen, dass man uns über die Ziele und Aufgaben informiert, welche der Westen in Afghanistan verfolgt. Und wir wollen, dass unsere Interessen berücksichtigt werden.

Das Interview führte Benjamin Bidder