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Eskalation im Irak Feindliche Übernahme

Apokalyptische Bilder kommen aus Mossul: Dschihadisten haben die zweitgrößte Stadt des Irak ins Chaos gestürzt. Vom Mittelmeer bis zum Kaspischen Meer entsteht ein Korridor kaputter Staaten.

Es war einmal, da galt das schöne Mossul als Modellstadt für die Zukunft eines neuen Irak, ja: eines neuen Arabien. Muslime und Christen lebten Tür an Tür, Kurden und Araber studierten gemeinsam an der Universität, und die Amerikaner, die im Frühjahr 2003 für kurze Zeit die Macht übernahmen, waren noch nicht verhasst. Sie fuhren in offenen Humvees herum und saßen ohne Helme in Teestuben. Es war eine andere Zeit.

Elf Jahre später, heute, kommen aus Mossul apokalyptische Bilder. Die zweitgrößte Stadt des Irak ist neuerlich gefallen, ins Chaos gestürzt von Dschihadisten, die davon träumen, Kalifate zu begründen, in denen die allerprimitivste Auslegung der islamischen Lehren gelten soll. Die talibanesken Terroristen werden mit diesem Projekt auf irakischem Boden auf Dauer scheitern, weil mit der leidlich aufgeklärten Gesellschaft des Irak ein Gottesstaat nicht zu machen ist. Aber nun wird sich die quälende Zeit des Kämpfens und Sterbens und Flüchtens verschärft fortsetzen, es ist zum Verzweifeln.

Wo Gefahr wächst, im Nahen Osten, da wächst anscheinend das Rettende nicht. Wer dieser Tage einen kleinen Schritt zurücktritt, das Rauschen der Nachrichten für einen Moment stumm schaltet und sich den Zustand der Region nüchtern besieht, muss erschrecken über die weiteren Aussichten auf das 21. Jahrhundert.

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Massenflucht aus Mossul: Terror im Irak, Sorge in den USA

Foto: STR/ AP/dpa

Vom östlichen Mittelmeer bis fast zum Kaspischen Meer entsteht ein Korridor kaputter Staaten und todkranker Nationen. Der Irak ist jetzt, allein schon mit seiner Armee, die bislang noch in jedem Ernstfall desertiert ist, auf geradem Weg in den "failed state". Das große, alte Syrien gleich daneben wirkt wie ein Land ohne Zukunft, eine Wiege künftigen Hasses, eine schwärende Wunde. An der irakisch-syrischen Grenze entsteht jenes mörderische Kalifat, das sich im schlechtesten Fall zu einem von obskuren Stämmen und Terroristen bevölkerten Niemandsland entwickelt und schon jetzt an die "tribal areas" von Pakistan erinnert, in denen keine Staatsmacht gilt.

Überall wird gekämpft

Auch alle anderen Nachbarn kämpfen: Der tapfere, kleine Libanon wird vom Ansturm der syrischen Flüchtlinge über kurz oder lang ruiniert, Jordanien spürt diese Last, auch der Südosten der Türkei. Wenn es derart rumort in der Region, dann spüren immer auch Israel und Palästina die tödliche Gefahr, die in ihrem Fall einfach Instabilität heißt. Eine instabile Zone vom Mittelmeer zum Kaspischen Meer würde zur Gefahr für den Weltfrieden.

Inwieweit dies nun alles eine Folge des unter Vorwänden geführten Irakkriegs von 2003 ist, zählt eigentlich zu den nachrangigen Fragen. Die Antwort darauf wird in den kommenden Tagen und Wochen trotzdem wieder Thema eines erbitterten Streits sein, zu dem sich doch nur sagen lässt: Es stimmt, dass der große Plan Amerikas, den gebeutelten Völkern Arabiens Freiheit und Demokratie zu bringen, nicht aufgegangen ist. Es stimmt aber auch, dass die Despoten, Scheichs und Diktatoren für Chaos und Terror in der Region gerne selbst sorgen.

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