Mossul-Offensive "Jeder, der versucht zu fliehen, wird erschossen"

Die Offensive auf Mossul ist aus Sicht der beteiligten Streitkräfte gut gestartet. Doch in der irakischen Stadt sind viele Menschen eingeschlossen. Sie leben zwischen Angst und Hoffnung.

Peschmerga-Kämpfer rücken näher auf Mossul vor
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Peschmerga-Kämpfer rücken näher auf Mossul vor


Noch stehen die Truppen kilometerweit entfernt von den Stadtgrenzen Mossuls, aber sie rücken offenbar schneller vor als geplant. Nach eigenen Angaben haben die irakische Armee und die kurdische Peschmerga-Miliz in den ersten 24 Stunden ihrer Offensive gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) 20 Dörfer erobert. (Lesen Sie hier eine Analyse zur Offensive auf die irakische Stadt)

Die irakischen Soldaten rücken von Süden und Südosten auf Mossul vor, die Peschmerga-Kämpfer vom Osten aus. Unterstützt wurden sie von einer Militärkoalition unter Führung der USA. Nach Angaben der Peschmerga griffen Kampfflugzeuge der Koalition an ihrem Frontabschnitt 17 IS-Stellungen an.

Im Norden und Nordosten Mossuls hätten kurdische Kämpfer zudem einen beachtlichen Teil der 80 Kilometer langen Straße von Mossul nach Arbil unter ihre Kontrolle gebracht. Außerdem seien in dem stark verminten Gelände um Mossul mindestens vier Autobomben zerstört worden.

Ein Sprecher der kurdischen Peschmerga-Einheiten teilte mit, seine Truppen würden nun eine Pause einlegen, nachdem sie mehrere Dörfer nahe Mossul erobert hätten. Masoud Barzani, Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, sagte laut "Al Jazeera" ein Gebiet von 200 Quadratkilometern um Mossul herum sei bereits befreit. Informationen über Opfer gab es weder in der irakischen noch in der kurdischen Mitteilung.

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Mossul ist die letzte IS-Hochburg im Irak

Nach Angaben aus Washington sind die beteiligen Streitkräfte damit schneller vorgerückt als geplant. Erste Anzeichen deuteten darauf hin, dass die irakischen Soldaten "bislang ihre Ziele erreicht haben und am ersten Tag vor dem Zeitplan waren", sagte Pentagon-Sprecher Peter Cook.

Zugleich sagte der Ministeriumssprecher, dass es sich bei dem Einsatz um eine schwierige und langwierige Mission handle, die einige Zeit dauern werde. Schon kurz nach Beginn der Großoffensive auf die Hochburg der Miliz Islamischer Staat (IS) hatte ein US-General erklärt, die Rückeroberung von Mossul werde Wochen oder womöglich länger dauern.

Mossul ist die letzte Hochburg der Terrormiliz im Irak. Bevor die Dschihadisten die zweitgrößte Stadt des Landes im Sommer 2014 binnen 48 Stunden einnahmen, hatten dort rund zwei Millionen Menschen gelebt. Hunderttausende flüchteten vor dem IS, heute wohnen noch zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Einwohner in Mossul und den Vororten.

Sehnsucht nach Befreiung

Zivilisten schilderten dem "Guardian" Szenen aus Mossul. Ein 35-jähriger Mann sagte der britischen Zeitung, in der Stadt würden bewaffnete IS-Kämpfer auf Motorrädern herum fahren. Die Extremisten würden sich verstärkt unter die Zivilbevölkerung mischen, etwa Munition in Wohngebieten lagern. Man habe Angst davor, dass die gezielten Luftangriffe auf die Terrormiliz auch Zivilisten treffe. Eine Flucht vor der Offensive aber sei fast unmöglich, so der Mann aus Mossul gegenüber dem "Guardian". Um das Stadtgebiet seien Gräben gezogen worden. Ein anderer Mann sagte: "Jeder, der versucht zu fliehen, wird erschossen."

Er berichtete weiter, der IS verbrenne im Stadtzentrum Autoreifen, um den genauen Standort seiner Stellungen zu vernebeln. Die Bevölkerung, so einer der Zivilisten aus Mossul, wünsche sich die Befreiung vor dem IS. "Wir haben zu viele Enthauptungen gesehen, Menschen, die in Käfigen ertränkt oder von Dächern geworfen wurden." Viele Menschen würden den richtigen Zeitpunkt abwarten, um sich gegen die IS-Herrschaft zu stellen. Es gäbe bereits erste Anzeichen: So würden die Leute ihre Mobiltelefone wieder in der Öffentlichkeit nutzen, obwohl der IS das verboten habe.

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anr/AFP/AP/Reuters

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