Mubaraks Anhänger Für ein Handgeld in den Schlägertrupp

Sie kämpfen mit Eisenstangen, Messern und Knüppeln: Für ein paar Euro Lohn ziehen arme Saisonarbeiter in den Straßenkampf für Husni Mubarak. Hinter ihnen stecken Parteisoldaten, Beamte, Sicherheitskräfte - und reiche Geschäftsleute mit üppigen Staatsaufträgen.
Mubarak-Unterstützer (nach Festsetzung durch Regimegegner): Die Privilegierten des Regimes machen sich die Hände nicht schmutzig, zu Tausenden rekrutieren sie Handlanger

Mubarak-Unterstützer (nach Festsetzung durch Regimegegner): Die Privilegierten des Regimes machen sich die Hände nicht schmutzig, zu Tausenden rekrutieren sie Handlanger

Foto: AMR ABDALLAH DALSH/ REUTERS

Die blutigen Zusammenstöße in Kairo zeigen, dass längst nicht alle 80 Millionen Ägypter Präsident Husni Mubarak stürzen und mit Wahlen einen Neustart wollen. Viele sind dem herrschenden System stark verhaftet und bereit, dafür zu kämpfen - mit aller Brutalität. Am Donnerstagnachmittag stürmten einem Bericht des Fernsehsenders Al-Arabija zufolge Anhänger Mubaraks Hotels in Kairo und machten Jagd auf Journalisten.

Am Mittwoch waren die Proteste zwischen Gegnern und Anhängern des Mubarak-Regimes erstmals eskaliert, beide Seiten lieferten sich stundenlange Schlachten auf dem Tahrir-Platz und in den Seitenstraßen. Mubarak-Anhänger stürmten in die Menge, bewaffnet mit Messern, Knüppeln und Steinen. Aus dem Sattel von Pferden schlugen sie mit Eisenstangen auf die Köpfe der Demonstranten ein.

Im Kairoer Arbeiterviertel organisierten sie eine große Demonstration mit Autokorso und Motorrädern. "Mubarak, wir knien vor dir" und "Ja zu dem Präsidenten des Friedens" sind ihre Slogans. Unter ihnen waren auch Mitglieder von Gewerkschaften und Genossenschaften sowie Angestellte der staatlichen Betriebe, die offenbar von ihren Vorgesetzten zur Teilnahme aufgefordert wurden.

Hinter der Bewegung stehen Geschäftsleute mit üppigen Staatsaufträgen, Beamte, Sicherheitskräfte und Parteifunktionäre, denen die Ungewissheit der jüngsten Zeit Angst macht. Ihnen allen ist daran gelegen sicherzustellen, dass sich möglichst wenig ändert, egal was nach Mubarak kommt. Es sind Anhänger und Abgeordnete der drei Millionen Mitglieder zählenden Staatspartei NDP, die, sollte es zu freien demokratischen Wahlen kommen, um ihren Machtverlust fürchten. Neureiche, die vor allem durch Korruption und Verbrechen zu einem riesigen Vermögen und Einfluss kamen, zudem Immunität genießen.

Fotostrecke

Aufstand in Ägypten: Chaos und Gewalt in Kairo

Foto: Khalil Hamra/ AP

Sie haben alles zu verlieren - und setzen auf Leute, die nichts mehr zu verlieren haben. Denn persönlich machen sich die Privilegierten des Regimes in den Protesten nicht die Hände schmutzig. Zu Tausenden rekrutieren sie Handlanger aus ländlichen und halbländlichen Regionen, vornehmlich aus zwei Provinzen im Norden Kairos: Bahtim und Qaljub. Die Armen des Landes, die die Mehrheit der Bevölkerung bilden, sind leichte Beute. Viele misstrauen den Motiven der Demonstranten und befürchten, dass die Bewegung heimlich andere Ziele verfolgt.

"Hunde des Paschas"

In allen Provinzen gibt es Parteibüros, direkt von dort aus werden vor allem Saisonarbeiter eingesammelt, für schmales Geld abgeworben, um für Mubaraks Machterhalt in die blutige Straßenschlacht zu ziehen. Zu dieser Jahreszeit gibt es nicht viel Arbeit auf dem Land. Bettelarme Analphabeten, "Hunde des Paschas", wie sie auch genannt werden, rücken gegen ein Handgeld von umgerechnet zehn bis fünfzehn Euro für ihre Auftragsgeber aus. Sie sind billig, sie sind verzweifelt, sie stellen keine Fragen. Tausende machen mit, genaue Zahlen sind schwer zu schätzen - am Mittwoch sollen es Augenzeugen zufolge 4000 Gegendemonstranten gewesen sein, die sich in Kairo und Alexandria in die Menge stürzten.

Mubaraks Getreue greifen zu perfiden Maßnahmen, um die Proteste der Regimegegner zu sabotieren und ein Schauspiel für die internationalen Beobachter zu inszenieren. Dutzende Haftanstalten, darunter Wüstengefängnisse, wurden in den vergangenen Tagen geöffnet. Insgesamt 14.000 Insassen, darunter Mörder und Schwerbrecher, kamen auf einen Schlag frei - ihnen wurde Haftverschonung in Aussicht gestellt, wenn sie für Chaos sorgen: eine Lizenz zum Plündern, Töten und Brandschatzen.

Vier bis Fünftausend der Gefängnisinsassen sollen Kairo erreicht haben, wenige hundert stellten sich freiwillig. Ein Großteil will über den Sinai in den Gaza-Streifen fliehen, in der Hoffnung, von der radikal-islamistischen Hamas aufgenommen zu werden. Bislang hat die Hamas zu den Vorgängen in Ägypten nicht Stellung bezogen. Allerdings wird angenommen, dass sie Mubarak wenig freundlich gesinnt ist, weil dieser die von Israel betriebene Blockade des Gaza-Streifens unterstützte. Die Hamas gilt außerdem als Verbündeter der in Ägypten offiziell verbotenen (wenngleich geduldeten) Muslimbruderschaft.

Die Opposition will am Freitag erneut gegen den alternden Präsidenten demonstrieren, geplant ist ein Sternmarsch auf Kairo. Und Anhänger der Pro-Mubarak-Lagers werden vermutlich wieder mobil machen - mit blutigen Folgen.

Mitarbeit: Annett Meiritz, mit dapd
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.