Mullah Omar Vorliebe für Pepsi und Pink

Der Palast Mullah Omars am Rande von Kandahar bietet interessante Einblicke in das Leben des Talibanführers. Der islamische Fanatiker hat offensichtlich ein Faible für amerikanische Softdrinks und kitschige Badearmaturen.


Residenz des Mullah Omar: Pepsi-Dosen im Garten
AFP

Residenz des Mullah Omar: Pepsi-Dosen im Garten

Ein schwer bewaffneter Mann mit Turban und einem gewaltigen Schießprügel steht inmitten einer kargen Berglandschaft auf Ruinen. In der Hand hält er einen kleinen Weltempfänger und lauscht versonnen den Nachrichten. "BBC Paschtu-Service. War alles verboten", sagt der Soldat und grinst. Träge genießt er die wärmenden Sonnenstrahlen an diesem Wintertag in Kandahar, hinter seinem Rücken ragt ein Berggipfel himmelwärts, Baba's Mountain.

Die Trümmer sind die zerstörten Teile der Residenz von Mullah Mohammed Omar, Anführer des untergegangenen Reiches der islamistischen Taliban. Sein Wohnsitz war eines der ersten Ziele amerikanischer Präzisionswaffen. Nach dem Fall von Kandahar am Freitag vorvergangener Woche zogen Kämpfer der Anti-Taliban-Allianz in die geheimnisumwitterte Feste ein.

Die Sieger plünderten nach der Flucht des einäugigen Mullahs so ziemlich alles, was die Wunderwerke menschlicher Vernichtungskunst noch heil gelassen hatten. Und wo Omar einst über die höchste Vollendung des Werkes Allahs auf Erden meditierte, riecht es jetzt nach Fäkalien. Mancher Anti-Taliban-Krieger erleichterte sich mit Inbrunst im ehemaligen Hort der Macht.

Erinnerungen an den trüben Charme der DDR

Das Anwesen des obersten Steinzeit-Islamisten liegt in einem hoch gelegenen Endtal am Rande der Stadt. Abgeschieden herrschte er dort, autark und schwer bewacht. Das Areal heißt Kotal Imorcha ("Felsenbunker"), es ist so groß wie zehn Fußballfelder und umgeben von einer erdfarbenen Mauer. Sie versperrt den Blick auf die Residenz jenes Bauernsohnes, der sich 1996 den Mantel des Propheten Mohammed umhängte und zum Befehlshaber der Gläubigen aufstieg.

Die Bomben des Erzfeindes Amerika und die Krieger der Anti-Taliban-Front beendeten Mullah Omars Mission, die für die Menschen in Afghanistan zur Hölle wurde. Er muss geahnt haben, dass es einmal so kommen würde: Die Gebäude, die er mit seinen drei oder vier Frauen bewohnte, hatten meterdicke Stahlbetonwände, sie waren als Bunker konzipiert und wecken, bei allem Protz und Gigantismus, Erinnerungen an den trüben Charme der DDR.

Dem Durchschnittsbürger, der zwischen einem und fünf Dollar im Monat verdient, wäre das Leben hinter diesen Mauern märchenhaft erschienen. Es gab Kühlschränke und Tiefkühltruhen, Eiswürfelmaschinen und Wasserkühler. In den mit Klimaanlagen versehenen Stallungen außerhalb des Wohntraktes hatten sogar die Kühe eigene Wasserhähne. "Dem Vieh ging es besser als uns", klagt ein Sieger ­ denn während die Taliban-Führung dem Volk Verzicht auf jegliche Annehmlichkeiten predigte, lebte sie selbst in ziemlich üppigem Stil.

Überall auf dem weitläufigen Gelände liegen leere Pepsi-Cola-Dosen herum. Der Mullah, sagen die Leute hier, liebte Pepsi. Und noch ein Faible hatte er offenbar: für Keramik und Armaturen in Pink. Die finden sich in nahezu jedem Badezimmer. Immer wieder dasselbe Bild: Pepsi und Pink. Willkommen in Absurdistan.

  • 1. Teil: Vorliebe für Pepsi und Pink
  • 2. Teil


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