Mumbai-Anschläge Indien drängt Pakistan zu Auslieferung von Terrorverdächtigen

Neu Delhi erhöht den Druck auf Pakistan: Die indische Regierung verlangt nach den blutigen Anschlägen von Mumbai die Auslieferung von 20 Terrorverdächtigen. Pakistan schlug Indien einen gemeinsamen Untersuchungsausschuss vor.


Neu Delhi/Islamabad - Bei den Terrorverdächtigen, deren Auslieferung Indien fordert, handelt es sich um insgesamt 20 Menschen aus dem Umfeld von Lashkar-e-Taiba. Die Gruppe steckt nach indischen Angaben hinter den Anschlägen von Mumbai. Die von Indien nun genannten Extremisten stammen von einer Liste von mutmaßlichen Hintermännern eines Anschlags auf das indische Parlament im Jahr 2001, der Indien und Pakistan an den Rand eines Krieges gebracht hatte.

Manmohan Singh: Keine Militäraktion gegen Pakistan
REUTERS

Manmohan Singh: Keine Militäraktion gegen Pakistan

Auf der Liste steht außer dem Chef der Lashkar-e-Taiba, Hafeez Sayeed, auch der meistgesuchte Mann des Landes, die Unterweltgröße Dawood Ibrahim, der eine Attentatsserie in Mumbai 1993 mit rund 300 Toten geplant haben soll. Pakistan hatte bislang eine Auslieferung von Terrorverdächtigen an Indien verweigert. "Wir erwarten jetzt die Antwort Pakistans", sagte Mukherjee. Nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats versicherte er, Indien plane keine Militäraktion gegen Pakistan. Die Beziehungen der beiden Nachbarländer sind wegen der Anschläge in Mumbai äußerst gespannt.

Die pakistanische Regierung schlug Indien eine gemeinsame Kommission zur Aufklärung der Anschläge in Bombay vor. Das Gremium solle so schnell wie möglich zusammenkommen, teilte das pakistanische Außenministerium mit. Zuvor hatte Ministerpräsident Yousuf Raza Gilani Indien noch aufgefordert, Beweise für die behauptete pakistanische Herkunft der Attentäter vorzulegen.

Nach Berichten der US-Fernsehsender CNN und ABC, warnten US-Geheimdienste die indischen Behörden bereits im Oktober vor Anschlägen in Mumbai. Mögliche Ziele seien etwa Hotels, sogar das später angegriffene Luxushotel Taj Mahal sei genannt worden.

Muslimische Geistliche in Mumbai sprachen sich dagegen aus, die Leichen der neun getöteten Angreifer in Indien zu begraben. "Diese Menschen sollten dort beerdigt werden, wo sie herkommen. Für sie ist in unserem heiligen Land kein Platz", sagte der Vorsteher der Koranschule in Mumbai, Sayed Moinuddin Ashraf, vor Vertretern von rund 50 muslimischen Organisationen.

Der von den Anschlägen in Mumbai betroffene EU-Abgeordnete Daniel Caspary (CDU) lobte den Einsatz des deutschen Generalkonsuls. "Der Konsul war in der Nacht unglaublich. Er ist mit seinem Privatauto, ungepanzert, mehrfach durch die Stadt gefahren, um Deutsche aus Restaurants in Sicherheit zu bringen", sagte Caspary am Montagabend in der ARD.

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Bei einer Explosion in einem Personenzug im nordindischen Bundesstaat Assam wurden nach Polizeiangaben mindestens drei Menschen getötet und 30 weitere verletzt. Die Ursache der Explosion war zunächst unklar. Die Region zählt zum Aktionsgebiet der verbotenen Nationalen Befreiungsfront Karbi Longri, die für eine Unabhängigkeit von Indien kämpft.

Für Indiens Ministerpräsidenten Manmohan Singh, der sich bis spätestens Mai einer Wiederwahl stellen muss, stellt die Reaktion auf die Anschläge Beobachtern zufolge einen Drahtseilakt dar: Für das heimische Publikum muss er entschlossen reagieren, um sich keine sicherheitspolitische Blöße zu geben. Zugleich dürfte er aber kein Interesse daran haben, die wackelige regionale Machtbalance zu gefährden.

Der Chef der indischen Marine, Admiral Sureesh Mehta, räumte im Zusammenhang mit den Anschlägen von Mumbai ein "systemisches Versagen" der Sicherheitskräfte und Geheimdienste ein, das nun behoben werden müsse.

asc/AFP/Reuters



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