Mumbai-Anschläge Polizei befreite mehr als 600 Menschen aus der Gewalt der Terroristen

Mindestens 195 Tote, knapp 300 Verletzte - das ist die schreckliche Bilanz des Terrorangriffs auf Mumbai. Dabei hätte die Opferzahl noch viel höher ausfallen können: Die Polizei sagt, sie habe in zwei Hotels und dem Jüdischen Zentrum mehr als 600 Menschen befreit.


Hamburg/Mumbai - 60 Stunden dauerte der Nervenkrieg - dann setzten indische Elitetruppen dem Terrordrama von Mumbai ein Ende. Sie stürmten in den frühen Morgenstunden des Samstags das bis zuletzt von Terroristen besetzte Luxushotel "Taj Mahal" - und töteten die verbliebenen drei Angreifer des Terrorkommandos.

Die traurige Bilanz seit Mittwochabend: Mindestens 195 Menschen starben, mehr als 600 wurden verletzt. Bisher ist die Rede von 18 ausländischen Toten, darunter drei Deutsche. Doch die Opferzahl hätte noch viel drastischer ausfallen können: Die indischen Sicherheitskräfte haben eigenen Angaben zufolge mehr als 600 Menschen aus den zuletzt besetzten Gebäuden befreit. Aus dem "Taj Mahal" hätten Eliteeinheiten 300 Menschen in Sicherheit gebracht, sagte der Staatssekretär für Innere Sicherheit, M.L. Kumawat, am Samstag bei einer Pressekonferenz in Neu Delhi. Aus dem Hotel "Oberoi Trident" seien 250 Menschen gerettet worden; aus dem Jüdischen Zentrum Nariman waren es weitere 60 Menschen.

Der Sturm der Eliteeinheiten auf die im "Taj Mahal" verschanzten Terroristen war mit schweren Waffen vorbereitet worden. Es gab heftige Explosionen, ein Teil des Hotels mit 595 Zimmern fing Feuer. Orangerote Flammen und schwarzer Rauch stiegen aus dem Gebäude auf.

Der Mumbaier Polizeichef Hasan Ghafoor teilte schließlich mit: "Die Operation ist vorbei." Der Chef der Kommandoeinheit der Nationalen Sicherheitsgarde, J.K. Dutt, sagte: "Dort waren drei Terroristen, wir haben sie getötet." Auch ein Major seiner Einheit sei getötet worden. Insgesamt wurden nach Behördenangaben mindestens elf Extremisten getötet, ein Mann wurde verhaftet. Bei dem Festgenommenen handelt es sich nach Angaben des Innenministeriums um einen Pakistaner. Anderen Angaben zufolge waren es allerdings bis zu 40 Terroristen, die Mumbai am Mittwoch attackierten.

Attentäter waren schwerbewaffnet

Nach den Worten des Vize-Ministerpräsidenten des Bundesstaats Maharashtra haben die Sicherheitskräfte auch zahlreiche Handgranaten und Bomben sichergestellt. Zwei Kisten mit je acht Kilogramm RDX, einem hochexplosiven Plastiksprengstoff, seien nahe dem am Samstag gestürmten Hotel "Taj Mahal" gefunden worden. Die Terroristen hätten moderne Technik wie GPS und Satellitentelefone benutzt.

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Die Sicherheitskräfte fahnden in der Zwischenzeit fieberhaft nach den Drahtziehern der Angriffswelle mutmaßlich muslimischer Extremisten. Zu Beginn bekannte sich eine bis dahin unbekannte Gruppe namens Deccan Mudschahidin zu der Gewaltaktion. Indische Regierungsvertreter deuteten unterdessen eine ihrer Ansicht nach bestehende Verwicklung Pakistans an.

Der Nachbarstaat, mit dem Indien seit der Unabhängigkeit drei Kriege führte, wies eine Verwicklung zurück und sicherte seine Kooperation bei den Ermittlungen zu. Die Zusage, den Geheimdienstchef zu den Ermittlungen nach Indien zu senden, zog Islamabad am Samstag aber zurück. Ein Sprecher des pakistanischen Ministerpräsidenten Yousuf Raza Gilani sagte der Nachrichtenagentur AP in Islamabad, es werde nun ein Geheimdienstbeamter mit niedrigerem Rang nach Indien geschickt. Damit könnten sich die Spannungen zwischen den beiden Atommächten weiter verschärfen.

Gleichzeitig kündigte Pakistans Präsident Asif Ali Zardari ein entschlossenes Vorgehen gegen mögliche Hintermänner der Mumbai-Anschläge aus seinem Land an. Er werde umgehend handeln, wenn Beweise gegen irgendeine Person oder Gruppe aus Pakistan auftauchten, sagte Zardari am Samstag dem indischen Fernsehsender CNN-IBN.

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
Die amerikanische Bundespolizei entsandte ein Ermittlerteam nach Indien, um bei der Aufklärung der Hintergründe der Terrorwelle zu helfen. Die englischen Behörden untersuchen unterdessen mögliche Verbindungen aus der Terroristengruppe nach Großbritannien. Grund seien Berichte, wonach sich auch britische Staatsbürger unter den Attentätern befunden hätten. Dem Sender zufolge stehen britische Sicherheitskreise deswegen in Kontakt mit ihren indischen Kollegen. Allerdings seien aus Indien noch keine Beweise für die Beteiligung von Briten eingegangen. Die Regierung in London hatte nach eigenen Angaben keine Hinweise auf Verbindungen ins Königreich.

Grausige Entdeckungen der Behörden

Stunden vor dem Angriff auf die militanten Extremisten im Taj Mahal hatten Elitekommandos bereits das Hotel "Oberoi" und das Jüdische Zentrum gestürmt. In beiden befreiten Gebäuden machten die Sicherheitskräfte grausige Entdeckungen: Im Chabad-Lubavitch-Zentrum fanden sie sechs tote Geiseln, darunter der Rabbiner und seine Frau. Im "Oberoi" wurden 24 Leichen gefunden.

In einem verlassenen Fischerboot vor der Küste von Mumbai entdeckte die indische Marine eine Leiche. Marinesprecher Manohar Nambiar erklärte am Samstag, es werde untersucht, ob das Boot zur Vorbereitung der Terroranschläge benutzt wurde. Örtliche Medien berichteten, die Attentäter hätten das Fischerboot entführt, das im pakistanischen Karachi losgefahren sei. Bei dem Toten handele es sich um den Skipper.

Inzwischen gibt es schwere Vorwürfe gegen das Vorgehen der indischen Behörden - die in Neu Delhi regierende Kongresspartei sieht sich harscher Kritik ausgesetzt: Die Terrorangriffe von Bombay stehen am Ende einer langen Serie von schweren Anschlägen in den vergangenen Jahren. Die hindu- nationalistische Opposition wirft der Kongresspartei vor, die innere Sicherheit sträflich vernachlässigt zu haben.

flo/AP/Reuters/dpa



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