Mumbai-Anschläge Polizei verhört überlebenden Terroristen

Fast 200 Tote und 300 Verletzte hat der Stadtkrieg von Mumbai gefordert. Einen Terroristen fasste die Polizei lebend: Der 21-jährige angebliche Pakistaner soll nun den Ermittlern helfen, die Drahtzieher der Anschläge und Geiselnahmen zu finden. Offenbar ist der junge Mann bereit zu reden.

Aus Mumbai berichtet


Mumbai - Fast hätten sie ihn in die Leichenhalle abtransportiert. Weil man ihn für tot hielt. Doch dann stellte jemand fest, dass der junge Mann mit dem schwarzen Sweatshirt und der beigen Cargohose noch atmete.

Ein unscharfes Foto von ihm ging durch die Presse: wie er eine Maschinenpistole in der Hand hält, den Finger am Abzug, den Blick in die Halle des Hauptbahnhofs Chhatrapati Shivaji gerichtet, auf der Suche nach seinem nächsten Opfer. Er trägt einen Rucksack. Passanten, die fliehen konnten, erzählen, er habe darin und in den Hosentaschen Mandeln, Schokolade und Wasserflaschen gehabt.

Nahrung, um einen mehrtägigen Kampf zu überstehen.

Und Azam Amir Kasav hat gekämpft. Oder vielmehr gemordet, 48 Stunden lang, Touristen, Hotelpersonal - wie viele Menschenleben er auf dem Gewissen hat, ist unklar. Mindestens 195 Leichen haben die Sicherheitskräfte bisher insgesamt an verschiedenen Orten Mumbais gefunden, von knapp 300 Verletzten ist die Rede.

Laut Behörden sind die Kämpfe inzwischen allerdings beendet.

Nach Angaben der Polizei von Mumbai ist Kasav der einzige Terrorist, den sie nach dem Ende der Angriffsserie lebend erwischte. "Wir haben ihn, und ihm geht es gut genug, dass er unsere Fragen beantworten kann", sagte ein Polizeisprecher am Samstag SPIEGEL ONLINE.

Kasav, 21, soll demnach aus Faridkot in Pakistan stammen, er spricht fließend Englisch. "Man könnte ihn als einen gebildeten jungen Mann bezeichnen", sagt der Polizeisprecher.

Kasav schoss im Hauptbahnhof um sich

Zusammen mit einem Komplizen soll Kasav den Kampf in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag am Bahnhof begonnen haben, wo er das Feuer auf die Menschenmenge eröffnete. Mehrere Stunden hielt er sich hier auf, verschanzte sich, als die ersten Polizisten eintrafen und floh anschließend mit seinem Mittäter in einem gestohlenen Auto, nach Angaben der "Times of India" einem Skoda, in Richtung Girgaum Chowpatty, einem kleinen Strand nahe der Innenstadt. Doch einem Polizeiteam gelang es, die Fahrt per Straßensperre zu beenden. Wieder eröffnete Kasav das Feuer und erschoss einen Polizisten. Dazu sagt der Polizeisprecher: "Wir bestätigen in tiefer Trauer den Tod unseres Kollegen Tukaram Umbale."

Auch der Komplize von Kasav wurde bei der Schießerei getötet, eine Kugel traf Kasav in die Hand.

Ob er ohnmächtig wurde oder sich tot stellte, darüber wird derzeit unterschiedlich berichtet. Die Polizei hatte jedenfalls am Donnerstagabend den Tod zweier Terroristen gemeldet. In Kasavs Rucksack fand sie sieben Gewehrmagazine, einige davon leer, ein Satellitentelefon und einen detaillierten Plan des Hauptbahnhofs.

Noch beim Abtransport der beiden Körper stellten die Sicherheitskräfte fest, dass einer der Männer noch am Leben war. Sie brachten beide ins nächstgelegene Krankenhaus.

Doch Kasav weigerte sich zunächst, zu reden. Erst der Anblick des blutigen Leichnams seines Komplizen brach den Widerstand. "Ich will nicht sterben", sagte er laut Krankenhauspersonal und Polizei. Man möge sein Leben retten, dann werde er der Polizei helfen.

Auch der Terror-Chefplaner soll aus Pakistan stammen

Nach Polizeiangaben hat Kasav inzwischen "wertvolle Hinweise" gegeben. Der Chefplaner der Anschläge sei demnach vor einem Monat aus Pakistan nach Mumbai gekommen, habe Fotos und Videoaufnahmen von "strategisch wichtigen Plätzen" gemacht. Wie der Terrorchef heißt, will die Polizei nicht mitteilen. Mittwochnacht erst habe er demnach den angereisten Kämpfern Aufgaben für die Anschlagserie zugewiesen. Jeder Kämpfer habe bis zu sieben Magazine mit jeweils fünfzig Patronen erhalten, außerdem ein Gewehr AK-47, eine Pistole, acht Handgranaten und ein Paket mit Mandeln und Trockenfrüchten. Der Chef der Terroristen habe ihnen gezeigt, wie man mit den Waffen umgeht und wie man eine Handgranate zündet.

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
Neben dem Chefplaner sollen mehrere Terroristen allerdings schon zuvor längere Zeit in Mumbai gewesen sein, so berichtet es die "Times of India". Demnach haben einige der Attentäter die indische Finanzmetropole vor einigen Monaten besucht und dort als Studenten getarnt gelebt. Neun der Täter hätten eine Wohnung im Bezirk Colaba in der Innenstadt in der Nähe der späteren Anschlagsorte gemietet. Die Gruppe habe oft die beiden Luxushotels besucht, die unter den Zielen der Anschlagsserie vom Mittwoch waren. Die Extremisten, von denen die meisten aus Pakistan stammten, hätten sich als Malaysier ausgegeben.

Die Ermittler sehen sich durch Kasavs Angaben jedenfalls darin bestätigt, dass die Drahtzieher des Terrors aus Pakistan stammen. "Kasav hat ausgesagt, dass eine Gruppe von Kämpfern per Boot von der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi nach Mumbai gekommen sei", sagt der Polizeisprecher. Um wie viele Kämpfer es sich handelt, will die Polizei nicht verraten. Von gut zwei Dutzend wird berichtet. Am Samstagmorgen ist allerdings auch die Rede von zehn Terroristen, von denen alle bis aus Kasav tot seien.

Die "Times of India" schreibt, die Terroristen seien vor dem Angriff bis an die Küste des nordwestindischen Bundesstaates Gujarat gefahren und hätten dort ein Boot der Küstenwache mit zwei indischen Offizieren überwältigt. Einen der Offiziere töteten sie demnach mit einem Schnitt durch die Kehle, den anderen zwangen sie, sie mit dem unauffälligen Boot der Küstenwache bis nach Mumbai zu fahren. Vier Seemeilen von der Stadt entfernt standen Schlauchboote für sie bereit. Dann töteten sie den zweiten Offizier, stiegen in die kleinen Boote um und legten damit das letzte Stück zurück.

24 Stunden später begann der Alptraum von Mumbai.

Azam Amir Kasav geht es inzwischen wieder gut, die Ärzte haben die Kugel aus seiner Hand entfernt. Er ist nun im Gewahrsam von Anti-Terror-Einheiten - wo, hält die Polizei geheim.

Sie hofft, dass sie mit seiner Hilfe die ganze Wahrheit über die Anschläge von Mumbai erfährt.

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