Mursi unter Druck Foltervorwürfe gegen Ägyptens Militär

Sie verschleppten, folterten und töteten die Gegner des Regimes Mubarak: In einem Untersuchungsbericht zum Arabischen Frühling in Ägypten werden schwere Vorwürfe gegen das angeblich so neutrale Militär erhoben. Der noch nicht veröffentlichte Report setzt auch Präsident Mursi unter Druck.

Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo: Was passierte mit den Vermissten?
DPA

Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo: Was passierte mit den Vermissten?


Hamburg - Radia Atta sah ihren Mann Ayman Issa zuletzt am 30. Januar 2011, als er sich frühmorgens von ihrem Haus in Aschment, einem Dorf in der ägyptischen Provinz Beni Suef, zur Arbeit aufmachte. Nachmittags rief ein Nachbar an: Atta sei an einer Straßensperre von Soldaten festgenommen worden.

Als Radia Atta sich zu dem Kontrollpunkt aufmachte, sah sie mehrere Menschen an Händen und Füßen gefesselt auf dem Boden liegen. Von ihrem Mann keine Spur. Offiziere schickten sie zu einer Polizeiwache in Gizeh. Dort sah sie, wie Soldaten Verhaftete misshandelten. Ein Soldat überreichte ihr den Ausweis ihres Mannes - er habe sich an Angriffen auf das Militär beteiligt und verwies sie an Militärstaatsanwälte. Doch als Radia Atta die Erlaubnis bekam, Ayman Issa in einem Gefängnis in Hykestep im Osten Kairos aufzusuchen, konnte er nicht mehr gefunden werden.

Was Ayman Issa Atta passierte, ist offenbar vielen Ägyptern zugestoßen, die sich vor drei Jahren am Aufstand gegen das Regime des damaligen Präsidenten Husni Mubarak beteiligten. Das geht aus einem noch nicht veröffentlichten Untersuchungsbericht für seinen Nachfolger Mohammed Mursi hervor. Der britische "Guardian" veröffentlichte jedoch schon erste Details aus dem Report. Während der Aufstände waren ägyptische Soldaten demnach an Verschleppungen, Folter und Tötungen von Gegnern des Regimes beteiligt. Dabei hatte sich das Militär damals während der Revolution offiziell als neutral bezeichnet.

In den 18 Tagen während der Aufstände wurden damals laut dem Bericht rund tausend Menschen als vermisst gemeldet. Viele von ihnen tauchten später in Leichenhallen wieder auf - erschossen oder mit eindeutigen Anzeichen für Folter.

Eine große Anzahl von Zivilisten soll nach Erkenntnissen der Ermittler auch an einem Kontrollpunkt südlich von Kairo festgehalten worden sein. Auch von ihnen gibt es bis heute keine Spur. Im Ägyptischen Museum in der Hauptstadt sollen zudem Demonstranten festgehalten und gefoltert worden sein, bevor auch sie wie Ayman Issa Atta in ein Militärgefängnis transportiert wurden. Mindestens einer von ihnen wurde laut dem Bericht getötet.

Das beschuldigte Militär spielt auf Zeit und weigert sich, umgehend zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Eine Antwort werde bis zu drei Wochen dauern.

Für Staatschef Mursi ist der Untersuchungsbericht des Komitees unangenehm. Denn den Behörden wird empfohlen, Ermittlungen gegen führende Militärs aufzunehmen, um herauszufinden, wer Anordnungen für ein hartes Vorgehen gegen Regimegegner gegeben habe. Doch Mursi hat es bislang abgelehnt, Offiziere strafrechtlich verfolgen. Er hatte die Macht in Ägypten nach seiner Wahl vom Obersten Militärrat übernommen.

Mursi selbst soll die Unterlagen noch nicht gesehen haben, hieß es laut "Guardian" aus dem Umfeld des Präsidenten. Erst danach werde der insgesamt 800-seitige Bericht der Kommission veröffentlicht.

als



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
voltaire001 11.04.2013
1. Wer foltert heute?
Der "Arabische Frühling" ist einem "Arabischen Winter" gewichen. Triumphiert haben die Islamisten, die nun den Ton angeben. Israel ist gefährdeter, als es unter Mubarak der Fall war.
das-schwert 11.04.2013
2. Geistig im Mittelalter
Was ist an den Erkenntnissen der Kommission so besonderes? Die Menschen in den arabischen Ländern wurden systematisch auf dem Bildungsniveau des Mittelalters gehalten und haben gleichzeitig die Waffen der Jetzt-Zeit. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn diese Moslembrüder auch gefoltert/gemordet hätte oder dies noch täten.
zitzschenkind 11.04.2013
3. Eigentor
Die Euro Staaten haben sich mit der Unterstützung der sogenannten Freiheitskämpfer ein Eigentor geschossen. Nun sind die Islamisten an der Macht. Mubarak läßt grüßen.
ein anderer 11.04.2013
4. ...
Zitat von sysopDPASie verschleppten, folterten und töteten die Gegner des Regimes Mubarak: In einem Untersuchungsbericht zum "Arabischen Frühling" in Ägypten werden schwere Vorwürfe gegen das angeblich so neutrale Militär erhoben. Der noch nicht veröffentlichte Report setzt auch Präsident Mursi unter Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mursi-unter-druck-foltervorwuerfe-gegen-aegyptens-militaer-a-893750.html
Was hat man anderes erwartet von einem Militär das die Diktatur stützte? Natürlich waren sie nie neutral, sie schauten zu sich selbst. Als dann klar wurde, dass die Revolution keineswegs die Fleischtöpfe des Militärs anzutasten drohte, konnten sie in den Hintergrund treten. Und falls Mursi nun gegen das Militär vorgehen soll, werden sie womöglich eine Conterrevolution durchführen. Mursi ist bekanntlich nur deshalb noch an der Macht weil er die Wünsche des Militärs in der Verfassung berücksichtigte.
ein anderer 11.04.2013
5.
Zitat von zitzschenkindDie Euro Staaten haben sich mit der Unterstützung der sogenannten Freiheitskämpfer ein Eigentor geschossen. Nun sind die Islamisten an der Macht. Mubarak läßt grüßen.
In Ägypten war die Unterstützung der Freiheitskämpfer nur eine theoretische Angelegenheit. Diese Revolution wurde von innen heraus geführt, ohne Hilfe von aussen. Ausgenommen die von Nichtregierungsorganisationen geförderten Kurse für eine gewaltlose Revolution, nach Gene Sharp.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.