Musharraf-Rede Scotland Yard soll Mord an Bhutto klären

Die Profis aus London sollen es richten: Pakistans Präsident Musharraf macht weiterhin islamische Terroristen für den Tod von Oppositionspolitikerin Bhutto verantwortlich - und holt ein Team von Scotland Yard ins Land. Gerüchte über eine Verschwörung kursieren weiter.


Islamabad - Eine große Tragödie für die pakistanische Nation - so bezeichnet das pakistanische Staatsoberhaupt den Mord an Benazir Bhutto. In einer live im pakistanischen Fernsehen übertragenen Ansprache drückte Präsident Pervez Musharraf sein Mitgefühl für die getötete Oppositionspolitikerin und deren Familie und Anhänger aus. "Ich bete zum allmächtigen Gott, dass er die ewige Seele von Benazir in Frieden hält", sagte Musharraf. Er leide an der furchtbaren Tat genau wie der Rest des Landes.

Präsident Musharraf bei seiner Fernsehansprache: "Ich bete zum allmächtigen Gott, dass er die ewige Seele von Benazir in Frieden hält"
AFP

Präsident Musharraf bei seiner Fernsehansprache: "Ich bete zum allmächtigen Gott, dass er die ewige Seele von Benazir in Frieden hält"

Zu den Hintergründen der Tat erfuhr man wenig neues: "Benazir Bhutto ist in den Händen von Terroristen gestorben", sagte Musharraf. Das ist bisher die offizielle Linie der politischen Führung in Islamabad. Neu ist allerdings die Zuhilfenahme von Scotland Yard: Islamabad hat ein Team von Scotland Yard eingeladen, um die Tat mitaufzuklären. "Ich habe die Bitte an Premierminister Brown geschickt, und er hat die Bitte angenommen", sagte Musharraf.

Vorwürfe erhob Pakistans Präsident gegen diejenigen, die das Attentat für ihre eigenen Zwecke missbrauchten. Es gebe "bestimmte politische Elemente", die nach der Tragödie für Plünderungen und Aufruhr verantwortlich seien. Er rief die Nation zur Einheit und Vernunft auf. Nach dem Attentat auf Bhutto am vergangenen Donnerstag starben in Pakistan bei Ausschreitungen fast 60 Menschen.

Zuvor hatte die Wahlkommission in Islamabad eine Verschiebung der ursprünglich für kommende Woche geplanten Parlamentswahl angekündigt - , die Einhaltung des angesetzten Termins am 8. Januar sei unmöglich. Nun wird die Parlamentswahl am 18. Februar stattfinden. Zur Begründung verwies der Leiter der Wahlkommission, Qazi Mohammed Farooq, auf das Chaos nach der Ermordung von Bhutto.

Der Präsident versprach in seiner Rede "freie, faire, transparente und friedliche" Parlamentswahlen. Gleichzeitig verteidigte er die Verschiebung der Abstimmung. Vor allem in der am schwersten von den Krawallen betroffenen Provinz Sindh seien Wahlen aufgrund der massiven Zerstörungen öffentlicher Einrichtungen derzeit nicht möglich. Musharraf kündigte an, eine Kommission werde die Ausschreitungen untersuchen. Die Drahtzieher würden bestraft.

Wahl auf den 18. Februar verschoben

Die beiden großen Oppositionsparteien haben gefordert, dass die Wahl wie ursprünglich geplant stattfinden sollte. Sie werfen der Regierung vor, mit der Verschiebung eine sonst zu erwartende Niederlage abwenden zu wollen. Viele Beobachter rechnen damit, dass die Pakistanische Volkspartei (PPP) des Attentatsopfers Bhutto bei einer Wahl in der nächsten Woche von einem Sympathieschub profitieren könnte.

Forderungen von Bhutto-Anhängern, die Vereinten Nationen sollten die Ermittlungen übernehmen, lehnte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, der sich derzeit zu einem zweitägigen Kondolenzbesuch in Islamabad aufhält ab. "Ich befürchte, es dürfte schwierig werden, die Uno einzuschalten", erklärte er. Bhutto-Witwer Asif Zardari hatte die Uno-Ermittlungen verlangt - "wie im Mordfall des libanesischen Politikers Hariri". Kouchner sagte, für ein Einschalten der Uno sei die Verwicklung eines weiteren Staates erforderlich, nur dann dürfe die Uno der Uno-Charta zufolge "vermitteln und ermitteln". Im Fall Hariri war das Syrien. Es sei beim Mord an Bhutto aber "sehr unwahrscheinlich", so Kouchner, dass ein dritter Staat darin verwickelt sei.

Musharraf gerät nach Vorwürfen einer Geheimdienstverschwörung immer mehr unter Druck: Gestern hatte die "Times" berichtet, dass Bhutto kurz vor ihrem Tod Beweise veröffentlichen wollte, die ein Komplott des Geheimdienstes und der Wahlkommission belegten. Der tödliche Anschlag am Donnerstagabend in Rawalpindi habe diese Enthüllungen verhindert, sagte Senator Latif Khosa von Bhuttos pakistanischer Volkspartei PPP. Bhutto habe die Beweise in Form eines 160-Seiten-Dokuments auch zwei US-Parlamentariern überreichen wollen, die sich in der vergangenen Woche in Pakistan aufhielten.

"Im Falle dessen, dass während der Wahl ein Oppositionskandidat zu viele Stimmen bekommt, wollten die Unterstützer von Präsident Musharraf Krawalle in den Wahllokalen organisieren und wenn nötig, auch Menschen töten", heißt es in Auszügen aus dem Report, den die Online-Ausgabe von CNN veröffentlichte. Damit sollte die Wahl den Angaben zufolge um mindestens drei bis vier Stunden künstlich verschoben werden.

Die Regierung plante dem Report zufolge außerdem, Wahllisten und Stimmzettel zu fälschen und "Oppositionskandidaten einzuschüchtern". Von den USA geliefertes technisches Equipment sollte dafür missbraucht werden, Telefongespräche zwischen Kandidaten der Gegenseite abzuhören und die Wahlcomputer zu manipulieren. "90 Prozent der technischen Ausrüstung, mit der die USA die pakistanische Regierung im Kampf gegen den Terrorismus ausgestattet hat, wird benutzt, um politische Gegner auszuspionieren", heißt es laut CNN in dem Dossier.

Die pakistanische Regierung wies die Verdächtigungen zurück. Der Sprecher von Präsident Musharraf, Rashid Qureshi, nannte die Vorwürfe "lächerlich" und betonte, die Wahl werde "frei, fair und transparent" ablaufen.

164.000 Dollar für Identifizierung der Attentäter

Die Todesumstände der Oppositionsführerin bleiben eine Woche nach dem Anschlag ein Rätsel: Viele Pakistaner vermuten alte Feinde Bhuttos hinter der Tat - möglicherweise aus dem Umfeld der mächtigen Sicherheitsdienste des Landes. Die Regierung erklärte, Bhutto habe sich während des Anschlags einen Schädelbruch zugezogen. Die Anhänger der Politikerin sagen dagegen, sie sei erschossen worden. Die pakistanische Regierung macht al-Qaida für die Tat verantwortlich. Die Terror-Organisation weist eine Beteiligung jedoch zurück.

Nach der Ermordung Bhuttos schrieben die pakistanischen Behörden eine Belohnung für Hinweise auf die mutmaßlichen Täter aus. Sie veröffentlichten in einer Zeitung das Foto von zwei Männern, die kurz vor dem Mordanschlag in einer Menschenmenge auf einen Wahlkampfauftritt der Ex-Regierungschefin warteten.

Das Foto der beiden Männer war bereits von einem Fernsehsender veröffentlicht worden. Nach Berichten des Senders soll einer der Männer der Selbstmordattentäter sein, der die Bombe zündete. Weitere Fotos und Filmaufnahmen zeigen zudem, wie der andere Mann auf Bhutto schießt.

Auf einer weiteren Aufnahme war der abgetrennte Kopf des mutmaßlichen Selbstmordattentäters zu sehen. Für Hinweise, die zur Bestimmung der Täter führen, sollten 164.000 Dollar gezahlt werden, teilte das Innenministerium der Provinz Punjab mit. In Punjab liegt der Ort Rawalpindi, wo Bhutto am vergangenen Donnerstag bei dem Anschlag starb.

flo/amz/AFP/dpa/AP



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