Musharrafs Afghanistanpläne "Werden die neuen Herrschenden Freunde oder Feinde sein?"

Seit dem 11. September hat sich Pakistans Präsident Pervez Musharraf - trotz Widerständen im eigenen Land - eindeutig auf die Seite der USA geschlagen. Nicht ohne Hintergedanken.

Von Dominik Baur


Pakistan-Besucher Powell bei Musharraf
AFP

Pakistan-Besucher Powell bei Musharraf

Was kommt nach den Taliban? Diese Frage stand auch im Zentrum des Treffens des US-Außenministers mit dem pakistanischen Präsidenten. Musharraf dürfte die Äußerungen Powells, er sei für eine Einbindung der Taliban in eine künftige Regierung, dabei als Erfolg verbucht haben. Hatten sich doch bereits zunehmende Meinungsverschiedenheiten über die Frage abgezeichnet, wie eine Nach-Taliban-Regierung aussehen könnte. Ein Thema, das Pakistan im gegenwärtigen Konflikt mehr interessiert als jedes andere. Aslam Syed bringt die Frage auf den Punkt: "Werden die neuen Herrschenden Freunde oder Feinde Pakistans sein?" Diese Frage sei für Pakistan essenziell, so der Geschichtsprofessor von der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad, der derzeit als Gastdozent an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt. "Das ist so wichtig, weil wir auf der anderen Seite Indien haben."

Pakistan hat große Sorge, dass die Amerikaner den kurzfristig einfachsten Weg wählen könnten: die Taliban und mit ihnen die Bin-Laden-Getreuen mit Hilfe der Nordallianz von ihrem Thron zu bomben - und damit die Talibangegner aus dem Norden auf selbigen zu hieven. Eine solche Regierung, die lediglich ethnische Minderheiten vertreten würde, hätte aber kaum Chancen, langfristig Stabilität für das Land zu sichern. Außerdem zählt die Nordallianz nicht gerade zu Pakistans Freunden. Schließlich hatte die Regierung in Islamabad seinerzeit mit Hilfe der USA und ihrer Milliarden die Taliban im Kampf gegen die Sowjetunion erst an die Macht gebracht.

Deshalb hofft Musharraf auf eine Regierung in Afghanistan, die alle ethnischen Gruppen vereint. Vor allem sollen die von den Taliban repräsentierten Paschtunen mit von der Partie sein. Historiker Syed hat dazu genaue Vorstellungen: "Wenn wir ein paar der gemäßigten Taliban nehmen - und davon gibt es viele - und dann eine Regierung auf einer breiten Basis bilden, die auch Nicht-Paschtunen beinhaltet, hätten wir ein ideales Kabinett." Syed hält es auch für gut möglich, dass es schon bald innerhalb der Taliban zu einer Revolution kommt und der afghanische Führer, Mullah Omar, von gemäßigten Kräften gestürzt wird.

Brennende Strohpuppen

Noch ist jedoch unklar, ob es Musharraf gelingen wird, das Land auf seinen Kurs zu trimmen. Dem 58-jährigen General wird nachgesagt, er sage immer das Richtige, vermöge es aber selten durchsetzen. Die Bilder von wütenden Demonstranten in Peschawar und Karatschi gingen um die ganze Welt: Dabei verbrannten sie nicht nur Strohpuppen, die US-Präsident George W. Bush darstellen sollten, sondern auch solche ihres eigenen Präsidenten. Eine zu vernachlässigende Minderheit, meint Syed. Dass die Demonstranten in der Medienberichterstattung dennoch einen so großen Raum einnähmen, führt er lediglich darauf zurück, dass die Radikalen auf eine sehr gute Infrastruktur und Propagandamittel zurückgreifen können - auch das als Folge der amerikanischen Unterstützung zu Zeiten des Kalten Krieges.

Demonstranten verbrennen in Peschawar eine Musharraf-Puppe
AFP

Demonstranten verbrennen in Peschawar eine Musharraf-Puppe

Das Volk stehe in großer Mehrheit hinter ihm, sagt Musharraf und kündigte bereits ein entschiedenes Vorgehen gegen die islamischen Extremisten im eigenen Land an. Auch einer möglichen Spaltung innerhalb der Streitkräfte will der General zuvorkommen. So wurde beispielsweise der Chef des Geheimdienstes ISI, General Mehmood, abgelöst. Der ISI gilt als Förderer, wenn nicht Vater des Taliban-Regimes. Zwar wird die Zahl der Islamisten in der Armee auf bis zu 30 Prozent geschätzt, ein Putsch scheint aber wenig wahrscheinlich. Die Disziplin ist groß, und mit Blick auf den indischen Rivalen hat die Armee bisher darauf geachtet, keine Zweifel an ihrer Geschlossenheit aufkommen zu lassen.

Dennoch, das gibt auch Syed zu, geht von den Islamisten im eigenen Land eine Gefahr aus. Wenn sie bei Wahlen auch nur auf wenige Stimmen hoffen könnten, so haben sie dennoch ausreichend Macht, um dem Musharraf-Regime das Leben schwer zu machen. Sollte die Zahl der bei den amerikanischen Luftangriffen getöteten Zivilisten eine gewisse Zahl erreichen, könnten die Extremisten weit über ihre eigene Anhängerschaft hinaus Menschen mobilisieren, vermutet Syed. Einen Bürgerkrieg hält der Professor für unwahrscheinlich.

Das Erinnerungsvermögen der Amerikaner

Doch auch Streiks oder gewaltsame Ausschreitungen könnten die Position des pakistanischen Machthabers schwächen. Bei ihren Aktionen könnten die Extremisten auch auf eine breitere öffentliche Meinung zurückgreifen, die nicht immer amerikafreundlich ist. "Viele Pakistaner haben seit dem Golfkrieg den Eindruck, dass die Amerikaner auf unsere Hilfe zurückgreifen, wenn sie uns gerade brauchen", meint Syed, "uns dann aber im entstandenen Chaos allein lassen." Deshalb seien die Demonstrationen auch weniger als pro-talibanische Aktionen zu sehen, sondern vielmehr als anti-amerikanisch.

Umso mehr hofft das am Rande des Bankrotts stehende Land darauf, dass sich die neue Rolle als treuer Verbündeter der Vereinigten Staaten am Ende auch auszahlt. "Was die Amerikaner noch lernen müssen", so der Historiker, "ist, aus der Geschichte zu lernen. Bisweilen tendieren sie dazu, sehr wichtige Kapitel in der Geschichte ihrer internationalen Beziehungen zu vergessen." Auch wenn es offiziell kein Junktim gibt, bleibt auch den Amerikanern selbstverständlich nicht verborgen, dass es die pakistanische Unterstützung nicht umsonst bekommt. Vor allem auf wirtschaftliche Unterstützung bis hin zu einem Schuldenerlass hofft das verarmte Land.

US-Außenminister Powell hat bei seinem Besuch klar signalisiert, dass er sich dessen bewusst ist. "Kühn und mutig" nannte er Musharraf dafür, dass er sich der internationalen Anti-Terror-Allianz angeschlossen hatte, und versprach gleichsam im Nebensatz finanzielle Hilfen. Auch langfristige Unterstützung deutete der Amerikaner an: "Wir freuen uns, unsere Zusammenarbeit in einer umfassenden Reihe bilateraler und regionaler Angelegenheit auszubauen." Inwieweit Pakistan bei seinem dringendsten Anliegen, der Lösung des Kaschmir-Konflikts zu seinen Gunsten, auf Amerika zählen kann, ist freilich fraglich. Aber auch bei diesem Thema gab sich Powell in den letzten Tagen auffällig wortkarg. Sein Statement, auch hier müsse die internationale Anti-Terror-Front eingreifen, ließ er durch einen Sprecher relativieren: Nicht alle Separatisten in Kaschmir seien Terroristen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.