Präsidentenwahl in Ägypten Muslimbrüder greifen nach der Macht

In Ägypten trifft noch immer das Militär alle politischen Entscheidungen. Nun begehren die umstrittenen Muslimbrüder auf. Entgegen allen Beteuerungen stellen die Islamisten doch einen Kandidaten für die Präsidentenwahl im Mai auf. Eine riskante Strategie.

Muslimbruder Chairat al-Schater: "Der Islam ist die Lösung"
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Muslimbruder Chairat al-Schater: "Der Islam ist die Lösung"

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Kairo - Die stärkste Partei des Landes schickt einen eigenen Kandidaten ins Rennen um das höchste Amt im Staate. Was klingt wie eine Selbstverständlichkeit, hat in Ägypten ein politisches Erdbeben ausgelöst. Am Wochenende verkündeten die Muslimbrüder, ihren bisherigen Vize-Chef Chairat al-Schater als Bewerber bei der Präsidentenwahl Ende Mai aufzustellen. Damit brechen die Islamisten nicht nur ein wiederholt abgegebenes Versprechen, sondern gehen auch auf Konfrontationskurs zum herrschenden Obersten Militärrat.

Seit Monaten hatten die Muslimbrüder bei jeder Gelegenheit betont, sie wollten auf keinen Fall einen eigenen Präsidentschaftskandidaten nominieren, sondern stattdessen einen Bewerber aus einem anderen Lager unterstützen. Als sich Ende vergangenen Jahres der prominente Muslimbruder Abd al-Munaim Abul Futuh selbst zum Kandidaten ausrief, wurde er sogar kurzerhand aus der Bewegung ausgeschlossen.

Hauptgrund für die Kehrtwende der Islamisten ist der sich hochschaukelnde Machtkampf zwischen den Muslimbrüdern und dem herrschenden Militär. Zwar ist der politische Arm der Bruderschaft, die Partei der Freiheit und Gerechtigkeit, seit der Parlamentswahl stärkste Kraft in der Nationalversammlung - das Sagen hat jedoch weiterhin die Armee. Der Vorsitzende des Militärrats, Feldmarschall Mohammed Tantawi, weigert sich beharrlich, die von ihm eingesetzte Regierung von Premierminister Kamal al-Gansuri abzusetzen.

Das Parlament macht das Kabinett für die instabile Sicherheitslage und die Versorgungsengpässe in weiten Teilen des Landes verantwortlich. Die Preise für Benzin und Heizöl haben in den vergangenen Monaten deutlich angezogenen - nach Ansicht vieler die Folge des Missmanagements der Regierung. Laut der geltenden Übergangsverfassung kann das Kabinett jedoch nur selbst zurücktreten oder vom Militärrat entlassen werden, eine Abwahl durch das Parlament ist nicht möglich.

Mubarak steckte Schater in den Knast

Die Armeeführung ignoriert die Forderungen des Parlaments. Für die Muslimbrüder ist das ein weiteres Indiz dafür, dass die Militärs auch nach der Präsidentenwahl die Politik in Ägypten kontrollieren wollen. Genährt wurden diese Befürchtungen von Gerüchten, nach denen die Armee den ehemaligen Geheimdienstchef Omar Suleiman als ihren Wunschkandidaten ins Rennen schicken könnte.

"Der demokratische Übergang in Ägypten ist in Gefahr", begründet Amr Darrag, Führungsmitglied der Muslimbrüder, die Entscheidung seiner Bewegung. "Warum sollten wir warten, bis ein Präsident mit Verbindungen zum Militärrat gewählt wird, nur damit die Generäle im Hintergrund weiter die Fäden ziehen können?"

Deshalb soll nach dem Willen der Islamisten nun Chairat al-Schater der neue starke Mann am Nil werden. Der 61-Jährige ist seit vielen Jahren einer der führenden Köpfe der Bewegung. Als erfolgreicher Möbel- und Textilunternehmer gilt er als einer der Hauptfinanziers der Bruderschaft. Unter Mubarak wurde Schater 2007 zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er Geld für die damals noch verbotene Bruderschaft gewaschen haben soll. Nach dem Sturz des Diktators setzte ihn das Militär im März 2011 vorzeitig auf freien Fuß.

Der Vater von zehn Kindern gilt zwar als führender Intellektueller unter den Muslimbrüdern, ein Charismatiker ist er jedoch nicht. Doch nicht nur deshalb ist seine Kandidatur ein Risiko für die Bruderschaft. Auch wenn die Partei für Gerechtigkeit und Freiheit bei der Parlamentswahl 47 Prozent der Sitze errang, ist ein ähnlicher Erfolg bei der Präsidentenwahl längst nicht sicher. Denn das Lager der Islamisten ist gespalten: Neben Schater konkurrieren hier der ehemalige Muslimbruder Abul Futuh und der streng konservative Salafist Hazem Salah Abu Ismail. Letzterer hat dank üppiger Finanzierung aus den Golfstaaten einen aufwendigen Wahlkampf gestartet - sein bärtiges Konterfei ist im Straßenbild auf Wahlplakaten omnipräsent.

Die Muslimbrüder spielen auf Risiko

Außerdem könnte der Griff der Muslimbrüder nach der Macht dem säkular orientierten Lager neuen Schwung bringen. Monatelang hatte die Bruderschaft immer wieder ausgeschlossen, einen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen, und beteuert, die Politik des Landes nicht dominieren zu wollen. Nun haben sich diese Versprechungen als leere Worte erwiesen.

Jene, die eine Alleinherrschaft der Islamisten in Parlament und Präsidentenpalast fürchten, könnten sich nun nach dem Motto "Bloß kein Muslimbruder" hinter einem Bewerber sammeln. Der ehemalige Außenminister und Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, wäre so ein Kandidat. Sollte Schater bei der Wahl Ende Mai scheitern, wäre der Nimbus der Muslimbrüder als unbesiegbare, unumstrittene politische Macht am Nil dahin.

Doch selbst wenn der Ingenieur zum neuen Staatsoberhaupt gewählt werden sollte, könnte sich der Erfolg schon bald als Pyrrhussieg für die Bruderschaft erweisen. Das Land steht vor gewaltigen Herausforderungen - eine schwächelnde Wirtschaft, ein rasantes Bevölkerungswachstum, eine gewaltige Jungendarbeitslosigkeit. "Der Islam ist die Lösung", lautet das Motto der Muslimbrüder. Als Präsident wird Chairat al-Schater detailliertere Vorschläge vorlegen müssen.

Seit ihrer Gründung 1928 standen die Muslimbrüder stets in der Opposition zu den Herrschenden, konnten für Fehlentwicklungen und Versagen auf die Regierung zeigen - selbst nachdem sie die stärkste Fraktion im Parlament wurden. Wenn ab Juni einer der ihren an der Spitze des Staates stehen sollte, ist es damit endgültig vorbei.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
olicrom 02.04.2012
1. Na wenn eine Muslimbruder versichert, er werde etwas nicht tun....
.... war ja wohl von Anfang an klar, was er am Ende tun wird: genau das.
storchenfreund 02.04.2012
2.
Zitat von sysopAPIn Ägypten trifft noch immer das Militär alle politischen Entscheidungen. Nun begehren die umstrittenen Muslimbrüder auf. Entgegen allen Beteuerungen stellen die Islamisten doch einen Kandidaten für die Präsidentenwahl im Mai auf. Eine riskante Strategie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825261,00.html
Ich wage mal die Prognose, daß die Europäer und die Amis sich in spätestens 2 Jahren Mubarak und Gaddafi zurück wünschen...
dekkers.e 02.04.2012
3. Entgegen allen Beteuerungen ...
... die mal wieder von Journalisten geglaubt wurden.
joppo 02.04.2012
4. Feuern
Zitat von sysopAPIn Ägypten trifft noch immer das Militär alle politischen Entscheidungen. Nun begehren die umstrittenen Muslimbrüder auf. Entgegen allen Beteuerungen stellen die Islamisten doch einen Kandidaten für die Präsidentenwahl im Mai auf. Eine riskante Strategie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825261,00.html
Und jetzt al die Politiker und schlauberger die alle herum gelabert haben dass die Islamisten nie einfluss kriegen ! Schonen gruss von le Pen, Wilders,Fortuyn usw
franzdenker 02.04.2012
5. Der Westen weiß alles besser.
Zitat von sysopAPIn Ägypten trifft noch immer das Militär alle politischen Entscheidungen. Nun begehren die umstrittenen Muslimbrüder auf. Entgegen allen Beteuerungen stellen die Islamisten doch einen Kandidaten für die Präsidentenwahl im Mai auf. Eine riskante Strategie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825261,00.html
Wirklich ein Skandal, dass die politische Partei der Muslimbrüder einen Präsidenten stellen will. Das in vielen europäischen Ländern christliche Parteien regieren, hat man natürlich schon längst vergessen. Wo fanden eigentlich die großen Weltkriege statt? Richtig, im christlichen Europa...
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