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Ergebnis der Wahlkommission Muslimbruder Mursi wird ägyptischer Präsident

Eine Woche mussten die Ägypter warten, nun steht das Ergebnis der Stichwahl fest: Mohammed Mursi, Kandidat der Muslimbruderschaft, ist der neue Präsident Ägyptens. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo feiern Tausende seiner Anhänger den Sieg. Israel hofft auf Einhaltung der Friedensabkommen.

Kairo - Beide Kandidaten hatten sich selbst zum Sieger erklärt, nun steht das offizielle Ergebnis fest: Mohammed Mursi ist der neue Präsident Ägyptens. Der Kandidat der Muslimbruderschaft habe in der Stichwahl eine Mehrheit von 51,7 Prozent der Stimmen erreicht, gab die Wahlkommission am Nachmittag bekannt.

Es war die erste Präsidentenwahl in Ägypten seit dem Sturz des langjährigen Staatschefs Husni Mubarak im Februar 2011. Mursis Konkurrent Ahmed Schafik, ein früherer Premier des alten Regimes, ist demnach mit 48,3 Prozent knapp gescheitert. Die Wahlbeteiligung lag den Angaben zufolge bei 51 Prozent.

Auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos haben sich seit dem Vormittag Tausende Anhänger Mursis versammelt. Als das Ergebnis um kurz vor 16.30 Uhr Ortszeit verkündet wurde, brach frenetischer Jubel aus: Die Muslimbrüder tanzten, schwenkten Fahnen, warfen Knallkörper in die Luft und riefen "Allah ist groß".

Zuvor wurde ihre Geduld wieder einmal auf die Probe gestellt. Als die Wahlkommission vor die Kameras trat, wurde zunächst die Nationalhymne abgespielt. Dann sprach Kommissionschef Faruk Sultan rund eine Stunde lang, bevor er zu den entscheidenden Zahlen kam. Seine Worte wurden live zum Tahrir-Platz übertragen. Als das Ergebnis endlich feststand, gab es kein Halten mehr.

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Wahl in Ägypten: Jubel auf dem Tahrir-Platz

Foto: AP/Egypt State TV

Die Muslimbrüder hatten sich seit Tagen immer wieder im Zentrum Kairos versammelt, um ihren Kandidaten zu unterstützen und gegen den Militärrat zu protestieren. Die herrschenden Generäle stehen massiv in der Kritik, weil sie nach der Auflösung des von muslimischen Abgeordneten dominierten Parlaments weitreichende Befugnisse von der Volksvertretung übernommen hatten.

Auch die Macht des Präsidentenamts wurde beschnitten: So ist der Staatschef nicht mehr der Oberbefehlshaber der ägyptischen Streitkräfte. Den Krieg erklären oder die Streitkräfte im Landesinneren einsetzen, kann er nur mit vorheriger Zustimmung des Militärrats.

Dem Präsidenten ist außerdem die Kompetenz entzogen worden, Ernennungen und Beförderungen im Militär vorzunehmen. Auch auf den Umgang mit den Finanzen in den Streitkräften hat er keinen Einfluss.

Das Ergebnis der Wahl hätte eigentlich bereits am Donnerstag bekanntgegeben werden sollen. Das musste jedoch aufgrund zahlreicher Beschwerden wegen Wahlbetrugs verschoben werden.

Auch die Anhänger Schafiks waren in den vergangenen Tagen immer wieder für ihren Favoriten auf die Straße gegangen. Nun werden neue Ausschreitungen befürchtet: Die Sicherheitsvorkehrungen wurden vor der Bekanntgabe des Ergebnisses massiv verstärkt. Polizei und Armee waren in Kairo mit einem Großaufgebot auf Straßen und Plätzen unterwegs. Hubschrauber überflogen die Innenstadt.

Palästinenser feiern Mursis Wahlsieg

Die radikalislamische Hamas hat den Triumph Mursis mit Begeisterung aufgenommen. Dessen Sieg bedeute Unterstützung für den Kampf gegen die israelische Besatzung, sagte Hamas-Führer Mahmud al-Sahar. Im Gaza-Streifen strömten die Menschen nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses auf die Straßen, feuerten Freudenschüsse ab und zündeten Feuerwerkskörper.

Der gestürzte ägyptische Staatschef Mubarak hatte sich an der israelischen Blockade des Autonomiegebiets beteiligt. Die Palästinenser hoffen nun, dass der neue Präsident Mursi die Beziehungen zum Gaza-Streifen verbessern wird.

Israel bekräftigte die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Ägypten. Basis sei "der Friedensvertrag zwischen beiden Ländern, der im Interesse beider Völker ist und zur Stabilität in der Region beiträgt", hieß es in einer Stellungnahme des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. "Israel schätzt den demokratischen Prozess in Ägypten und respektiert seine Ergebnisse."

Auch die US-Regierung gratulierte Mursi zum Sieg und sprach von einem Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie. Es sei wichtig, dass der neue Präsident bei der Regierungsbildung auf alle Wählerschichten eingehe und die Rechte aller Ägypter beachte, heißt es in einer Stellungnahme des Weißen Hauses.

hut/Reuters/dpa/AFP
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