Mussa Ibrahim Gaddafi-Sprecher angeblich in Frauenkleidern aufgegriffen

Er gilt als eine der bekanntesten Personen der Gaddafi-Herrschaft: Monatelang verkündete Mussa Ibrahim als Sprecher des Regimes Propaganda-Botschaften für die Öffentlichkeit. Jetzt soll er Aufständischen zufolge in Sirt gefasst worden sein - angeblich verschleiert und in Frauenkleider gehüllt.

Gaddafi-Sprecher Ibrahim (Archivbild): Aufständische melden seine Festnahme
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Gaddafi-Sprecher Ibrahim (Archivbild): Aufständische melden seine Festnahme


Tripolis - Die Truppen des libyschen Übergangsrates haben in der schwer umkämpften Stadt Sirt angeblich Mussa Ibrahim, den Regierungssprecher von Muammar al-Gaddafi, gefangen genommen.

Der Fernsehsender der Aufständischen von Misurata meldete am Donnerstag, Ibrahim sei in der Nacht geschnappt worden, als er versucht habe, zusammen mit einer Gruppe von Zivilisten die Stadt zu verlassen.

Ibrahim habe Frauenkleider getragen und sei verschleiert gewesen. Der Sender kündigte an, er wolle demnächst Bilder von der Gefangennahme zeigen. Am Abend bestätigte ein Kommandeur des Nationalen Übergangsrats die Festnahme Ibrahims. Eine unabhängige Bestätigung für die Angaben gibt es bislang nicht.

Ebenfalls unklar ist der Verbleib von Ibrahims Familie: Der 36-Jährige ist verheiratet mit einer deutschen Staatsbürgerin, beide hatten bis zur Eroberung der Hauptstadt durch Rebellenkämpfer in einem Hotel in Tripolis Quartier bezogen.

Berühmtes Gesicht der Terrorherrschaft

Ibrahim gilt als eines der bekanntesten Gesichter des libyschen Terrorregimes. Während der ersten Monate des Nato-Einsatzes im Wüstenstaat trat er fast täglich vor die Kameras ausländischer Journalisten, um Botschaften des Gaddafi-Regimes vorzutragen.

Die Truppen der neuen Machthaber hatten bereits Mitte September berichtet, Ibrahim sei bei einem Angriff östlich von Tripolis getötet worden - diese Meldungen stellten sich im Nachhinein als falsch heraus. Kurz darauf korrigierten sie sich und meldeten, ein Bruder des Sprechers sei verwundet in ein Krankenhaus gebracht worden.

Ibrahim meldete sich später mit einer Botschaft an die letzten Anhänger von Gaddafi, denen er versicherte, der "Bruder Führer" sei bei bester Gesundheit.

Gaddafi selbst wird in einem Wüstengebiet nahe der algerischen Grenze vermutet. Zwei seiner Söhne sollen sich in den noch umkämpften Städten Bani Walid und Sirt aufhalten.

Rebellen besetzen offenbar Flughafen von Sirt

Die Truppen der Übergangsregierung sollen inzwischen den Flughafen von Sirt erobert haben. Das meldete am Donnerstag ein Reuters-Reporter aus dem Wüstenort.

Seit einer Woche versuchen die Kämpfer der neuen Regierung, Sirt einzunehmen. Zwei Großangriffe waren allerdings gescheitert. Am Dienstag meldeten die Truppen dann erste Erfolge und nahmen den Ostteil der Stadt ein.

Die internationale Polizeiorganisation Interpol hat den Gaddafi-Sohn Saadi unterdessen weltweit zur Fahndung ausgeschrieben. Interpol erklärte, dieser Schritt erfolge auf Antrag der Behörden in Libyen. Es ist das erste Mal, dass Interpol eine sogenannte Red Notice auf Bitten des Übergangsrates herausgibt. Saadi sei zuletzt im Niger gesehen worden, hieß es weiter.

Dem 38-Jährigen wird vorgeworfen, in seiner Zeit als Vorsitzender des libyschen Fußballverbands, Vermögen veruntreut und Gegner mit Waffengewalt eingeschüchtert zu haben. Er steht bereits auf einer Sanktionsliste der Vereinten Nationen, weil er bei der Unterdrückung von Protesten Militäreinheiten befehligt haben soll.

Clan verstreut über mehrere Staaten

Saadi und andere Anhänger des Gaddafi-Regimes hatten vor mehr als zwei Wochen die Grenze zum Niger überquert, nachdem die früheren Rebellen immer weiter vorgerückt waren. Interpol forderte Niger und diejenigen Staaten in denen Direktflügen aus Tripolis landen auf, nach Gaddafi Ausschau zu halten. Gegebenenfalls sollen sie ihn festnehmen und zur Strafverfolgung nach Libyen überstellen.

Die von Interpol am Donnerstag herausgegebene Red Notice ist die höchste Form der Warnung, die die Organisation an ihre Mitgliedsstaaten übermitteln kann. Die Anzeige zwingt die Staaten zwar nicht zur Übergabe von Verdächtigen, sie übt aber starken Druck auf sie aus.

Interpol hatte bereits Anfang September Red Notices für Gaddafi selbst, dessen Sohn Saif al-Islam sowie den früheren Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi ausgestellt und diese zur Fahndung ausgeschrieben.

Die Organisation reagierte damit auf einen Antrag des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag, der die drei Männer wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit sucht. Wo Gaddafi sich derzeit aufhält, ist unbekannt. Seine Frau und seine Tochter sind nach Algerien geflohen.

Die nigerische Regierung machte deutlich, dass eine Auslieferung vorerst nicht in Frage komme. Das betonte Ministerpräsident Brigi Rafini bei einem Frankreich-Besuch. "Saadi Gaddafi ist in Sicherheit, in Sicherheit in (der nigrischen Hauptstadt) Niamey, in den Händen des Staates Niger", sagte er. Solange nicht sichergestellt sei, dass er in Libyen eine faire Chance zu seiner Verteidigung erhalte, werde er nicht dorthin ausgeliefert. Das sei zur Zeit jedoch nicht gegeben.

amz/dpa/Reuters



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