Fotostrecke

Prominente Kandidaten: Die kenn ich doch...

Foto: PATRICK SEEGER/EPA-EFE/REX

Prominente Kandidaten Eine Köchin, ein Astronaut und ein Tennisrüpel - sie wollen ins EU-Parlament

Im EU-Parlament sitzen nur farblose Karrieristen? Von wegen: Diese Wahl könnte hochinteressante Charaktere ins Amt bringen - von Sarah Wiener bis Yanis Varoufakis.

EU-Politiker, so heißt es oft, kennt außerhalb von Brüssel und Straßburg kaum jemand. Für einige der kommenden Mitglieder des Europaparlaments gilt das allerdings nicht. Die Wahl, die vom 23. bis 26. Mai stattfindet, wird voraussichtlich diverse Menschen mit bekannten Namen in die EU-Volksvertretung bringen.

Den vielleicht bekanntesten trägt Caio Giulio Cesare Mussolini. Der 51-jährige Italiener ist nicht nur ein Urenkel von Benito Mussolini, er steht dem einstigen faschistischen Diktator und Hitler-Verbündeten auch ideologisch nicht allzu fern: Mussolini kandidiert für die rechtsnationale Partei Fratelli d'Italia. Seinen Namen sieht er keinesfalls als Makel, sondern als Vorzug. "So viele wollen 'Mussolini' auf ihre Wahlzettel schreiben", sagte der Politiker der Zeitung "Il Messagero". Deshalb hat er seinen Namen sogar zum Motto seiner Kampagne gemacht: "Scrivi Mussolini" ("Schreib Mussolini").

Aus Italien kommt noch ein weiterer prominenter Kandidat fürs EU-Parlament: Silvio Berlusconi. Der ehemalige Dauerministerpräsident ist inzwischen 82 Jahre alt, hält sich aber offensichtlich weiterhin für unentbehrlich. "Aus Verantwortungsgefühl" trete er noch einmal im Wahlkampf an, sagte er. Nötig hätte er es zumindest finanziell nicht: Berlusconi ist Medienmogul und vielfacher Millionär. Die von ihm angeführte Partei Forza Italia aber hat schon bessere Zeiten gesehen, in Umfragen liegt sie mitunter im einstelligen Prozentbereich. Ob er das ändern kann, ist offen. Sicher scheint indes, dass es in einem Europaparlament mit Berlusconi seltener langweilig wird als ohne ihn.

Fotostrecke

Prominente Kandidaten: Die kenn ich doch...

Foto: PATRICK SEEGER/EPA-EFE/REX

Mit Beata Szydlo strebt eine weitere ehemalige Regierungschefin den Gang in die EU-Zentrale an. Sie war von 2015 bis 2017 Ministerpräsidentin Polens, wenn auch von Gnaden Jaroslaw Kaczynskis, des starken Manns in Warschau. In Brüssel hat man aus dieser Zeit wenig gute Erinnerungen an Szydlo: Die resolute Nationalkonservative geriet immer wieder heftig mit der Spitzen der EU und ihrer Mitgliedsländer aneinander, vor allem wegen des Demokratieabbaus in ihrem Heimatland.

Ein Regierungschef war er zwar nicht, trotzdem ist er mindestens so bekannt: Yanis Varoufakis gilt seit der Finanzkrise als einer der weltweit prominentesten, wenn nicht gar als der prominenteste griechische Politiker der Gegenwart. Seine Streitgespräche mit dem damaligen deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble sind in Brüssel bis heute Legende. Selbst als Griechenland kurz vor dem Rauswurf aus der Eurozone stand, hielt der Wirtschaftsprofessor den EU-Finanzministern in nächtlichen Krisensitzungen noch Vorträge über linke Theorien. Bei der Europawahl tritt Varoufakis ausgerechnet in Deutschland an - als Spitzenkandidat der Vereinigung Demokratie in Europa, dank seines Berliner Wohnsitzes. Varoufakis wird wissen, warum: Deutschland gehört zu den wenigen EU-Ländern ohne Sperrklausel für Kleinstparteien.

Davon dürfte auch Martin Sonneborn erneut profitieren. Der Satiriker und Mitherausgeber des "Titanic"-Magazins hat es mit seiner Partei "Die Partei" bereits 2014 überraschend ins EU-Parlament gebracht und steht auch dieses Mal auf deren erstem Listenplatz. Auf Rang zwei steht dort übrigens Kabarettist Nico Semsrott, der sonst unter anderem in der ZDF-Satiresendung "heute-show" zu sehen ist.

Österreich schickt ebenfalls TV-Prominenz ins Rennen. Die Fernsehköchin Sarah Wiener steht bei den Grünen ihres Landes auf dem zweiten Listenplatz. Die können eine TV-Persönlichkeit gut gebrauchen, denn im Wiener Parlament sind sie seit 2017 nicht mehr vertreten. Im Europaparlament verfügen sie derzeit noch über drei Abgeordnete. Laut Umfragen droht bei der Wahl aber ein dermaßen dürftiges Ergebnis, dass es selbst für Wiener auf dem zweiten Listenplatz eng werden könnte.

Aus der Entertainmentbranche kommt in gewissem Sinne auch Ilie Nastase: Der Rumäne stand immerhin 40 Wochen lang auf Platz eins der Tennisweltrangliste. Das Publikum unterhielt er nicht nur mit spielerischem Können, sondern auch mit mal rüpelhaftem, mal witzigem Auftreten, was ihm den englischen Spitznamen "Bucharest Buffoon" einbrachte - was so viel heißt wie der "Kasper aus Bukarest". Das ist inzwischen fast ein halbes Jahrhundert her, doch sein Temperament hat der heute 72-Jährige offenbar behalten. 2017 fiel er als Kapitän der rumänischen Frauenmannschaft mit rassistischen und sexistischen Sprüchen auf, weshalb der Weltverband ihn bis 2021 sperrte. Vergangenes Jahr lieferte sich Nastase eine Schlägerei mit Polizisten, nachdem er erst wegen Trunkenheit am Steuer den Führerschein verloren hatte und Stunden später Auto fahrend erwischt worden war.

Und die Briten? Nehmen auch noch einmal an der Europawahl teil - Brexit hin oder her. Zwar mag es sich im restlichen Europa so anfühlen, als würde außer dem notorischen EU-Feind Nigel Farage kein weiterer Brite einen Europawahlkampf führen. Doch es gibt noch einen weiteren prominenten Namen: Johnson. Rachel Johnson. Die Zeitungskolumnistin ist die Schwester von Boris Johnson, einem der führenden konservativen Brexit-Hardliner. Allerdings hat sie mit den politischen Ansichten ihres Bruders wenig gemein: Sie tritt für die neue EU-freundliche Partei Change UK an. Nur hat die, sehr zum Leidwesen vieler auf dem Kontinent, wenig Aussichten auf ein gutes Wahlergebnis, ebenso wie die anderen Pro-EU-Parteien Großbritanniens.

Manch britischer EU-Freund mag sich deshalb schon jetzt außer Landes wünschen oder gar die Erde verlassen wollen, zumindest zeitweise. Immerhin gibt es auch dafür demnächst wohl einen Experten im Europaparlament: Ivan Bella. Der Kandidat der fremdenfeindlichen Partei "Wir sind Familie" flog vor 20 Jahren als erster und bisher einziger Slowake ins All.

Mit Material von dpa