Mutmaßliche Spione Russland hofft auf Agententausch mit Washington

Der Vorschlag erinnert an die Zeiten des Kalten Kriegs: Russland drängt offenbar auf einen Tausch der mutmaßlichen Agenten, die in den USA festgenommen wurden. Moskau bietet im Gegenzug einen inhaftierten Nuklear-Experten, der streng geheime Dokumente an die CIA geliefert haben soll.

REUTERS

Moskau - "Schuldig des Staatsverrats", so lautete das Urteil gegen den russischen Wissenschaftler Igor Sutjagin vor sechs Jahren. Der Nuklearwaffen-Experte soll Top-Secret-Daten über Militärjets und atomgetriebene Unterseeboote an den Westen verkauft haben. Ob Moskau damals Schaden entstanden ist, bleibt unklar. Nun will Russland ihn anscheinend für sich nutzen.

Offenbar will der Kreml Sutjagin gegen die zehn mutmaßlichen Agenten tauschen, die Ende Juni in den USA festgenommen wurden - das berichten russische Web-Seiten wie Kommersant.ru, Gazeta.ru und andere. Den Verdächtigen in den USA wird vorgeworfen, für Russland spioniert zu haben. Sutjagins Anwältin Anna Stawiskaja sagte der Agentur Reuters, die Tauschaktion solle bereits am Donnerstag stattfinden.

Der Fall wirkt - mitsamt Agententausch - wie ein Thriller aus dem Kalten Krieg. Jahrzehntelang sollen die Männer und Frauen amerikanische Politiker mit moderner Technik ausspioniert haben. Die Verdächtigen sollen als Durchschnittsbürger getarnt in den USA gelebt haben - die meisten von ihnen in amerikanischen Vorstädten. Eine Ausnahme bildet Anna Chapman, die zum Gesicht des Vorfalls geworden ist - und von US-Zeitungen schon als "Sexbombe" und "Femme fatale" tituliert wurde. Amerikas Presse berauscht sich an Details aus dem Leben der angeblichen russischen Agentin.

Moskau hatte bereits angekündigt, die zehn mutmaßlichen Spione zu unterstützen. Sie würden diplomatische Unterstützung erhalten, falls sie es wünschten. Von einem Austausch war bislang jedoch nicht die Rede.

Gegen wen der Verdächtigen Sutjagin nun ausgetauscht werden soll, war zunächst nicht klar. Der Wissenschaftler war im April 2004 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden, weil er Militärgeheimnisse an die britische Firma Alternatives Futures verraten hatte. Hinter dem Unternehmen steckte nach Ansicht des russischen Gerichts die CIA. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte den Prozess damals als "unfair und manipuliert" bezeichnet.

Keiner der Verdächtigen wird vorerst auf Kaution freigelassen

Im Fall des mutmaßlichen Spionagerings in den USA hat bislang noch kein Prozess begonnen. Die zehn Verdächtigen wurden nach ihrer Festnahme in New York, Boston und Virginia lediglich dem Haftrichter vorgeführt. Neun von ihnen wird neben des Verdachts auf Agententätigkeit auch Geldwäsche zur Last gelegt. Ihnen drohen bis zu 25 Jahre Haft. Spionage wird ihnen nicht vorgeworfen.

Nur der in Peru geborenen Journalistin Vicky Pelaez wurde vergangene Woche von einem Richter zugestanden, dass sie gegen eine Kaution von 250.000 Dollar freigelassen werde. Doch dazu kommt es vorerst nicht: Die US-Staatsanwaltschaft legte am Dienstag Berufung gegen diese Entscheidung ein. Die Strafbehörde blockierte damit die mögliche Entlassung, da nun ein Richter über die Berufung entscheiden muss.

Einem weiteren Mann gelang auf Zypern die Flucht - nachdem er zunächst festgenommen und dann auf Kaution freigelassen worden war. Die USA verdächtigen ihn, den mutmaßlichen Agentenring in Amerika mit Geld versorgt zu haben.

Drei Verdächtige - Michail Kuzik, Natalja Perewerzewa und Michail Semenko - sollen am Mittwoch vor einem Gericht in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia angehört werden. Kuzik und Perewerzewa lebten mit ihren beiden Kindern unter den Namen "Michael Zottoli" und "Patricia Mills" in einer Wohnung in Arlington. Sie hatten in der vergangenen Woche ihre tatsächliche Identität als russische Staatsbürger zu erkennen gegeben. Ein Richter entscheidet nun, ob der Fall vor Gericht kommt oder die Vorwürfe fallengelassen werden.

kgp/Reuters/AFP

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Seite 1
Shivon 07.07.2010
1. mhhh
Ehrlich gesagt hoffe ich, dass beide Seiten ihre Leute austauschen. Natürlich ist Spionage eine herbe Straftat, besonders wenn der Russe in Amerika erwischt wird, aber menschlich gesehn finde ich den tausch besser, als die Leute in den Knast zustecken.
promedico 07.07.2010
2. Aha!
Zitat von ShivonEhrlich gesagt hoffe ich, dass beide Seiten ihre Leute austauschen. Natürlich ist Spionage eine herbe Straftat, besonders wenn der Russe in Amerika erwischt wird, aber menschlich gesehn finde ich den tausch besser, als die Leute in den Knast zustecken.
Und wenn "der Ami in Russland erwischt wird"....das ist "nicht so herb? Es ist mir völlig neu, dass Amerikaner so was überhaupt machen - glaub' ich nicht!
Rawls 07.07.2010
3. dummdreist
Das ist praktisch für den Kreml. In Rußland sitzen jede Menge russische Wissenschaftler, Menschenrechtler und Politaktivisten unschuldig ein, wie auch Igor Sutjagin, der nun gegen die überführten russischen Spione ausgetauscht werden soll. Halten wir fest: ein unschuldiger Russe, der in Rußland seit Jahren im Knast sitzt, soll gegen 10 schuldige Russen, die in Amerika verhaftet wurden, ausgetauscht werden. Vielleicht will Sutjagin aber gar nicht auswandern nach Amerika. Oder seine Familie. Das Angebot des Kreml ist eine Dummdreistigkeit, wie sie sich in der heutigen Welt nur noch die unzivilisiertesten Schurkenstaaten herausnehmen. Der Kreml sollte sollte schon mal vorab ein paar weitere Menschenrechtler kidnappen, die er dann in Zukunft gegen russische Spione austauschen kann. Die Amis werden vermutlich nicht auf dieses dummdreiste Angebot eingehen, bzw. als Rechtsstaat dürfen sie es nicht. Denn der Wissenschaftler Igor Sutjagin hat sich nichts zu schulden kommen lassen, sitzt seit Jahren unschuldig im sibirischen Straflager. Rußlands Diktator Putin hat ihn dorthin verbannt. Wie so manch anderen kritischen Geist, z.B. Chodorkowskij.
Shivon 07.07.2010
4. ...
Zitat von promedicoUnd wenn "der Ami in Russland erwischt wird"....das ist "nicht so herb? Es ist mir völlig neu, dass Amerikaner so was überhaupt machen - glaub' ich nicht!
Oh doch natürlich ist das nicht gut. Ich dachte eher grad in den Moment an den Kalten Krieg, der eig schon vorbei ist :) . Und ich schrieb schon in einem anderem Faden hier, dass die Amis auch überall spionieren, wenn die denken da gibt es etwas wertvolles. Nur ich halte es für menschlich wenn man die Spione austauscht. Meine einfache Meinungen :)
Baracke Osama, 07.07.2010
5. --
Zitat von RawlsDas ist praktisch für den Kreml. In Rußland sitzen jede Menge russische Wissenschaftler, Menschenrechtler und Politaktivisten unschuldig ein, wie auch Igor Sutjagin, der nun gegen die überführten russischen Spione ausgetauscht werden soll. Halten wir fest: ein unschuldiger Russe, der in Rußland seit Jahren im Knast sitzt, soll gegen 10 schuldige Russen, die in Amerika verhaftet wurden, ausgetauscht werden. Vielleicht will Sutjagin aber gar nicht auswandern nach Amerika. Oder seine Familie. Das Angebot des Kreml ist eine Dummdreistigkeit, wie sie sich in der heutigen Welt nur noch die unzivilisiertesten Schurkenstaaten herausnehmen. Der Kreml sollte sollte schon mal vorab ein paar weitere Menschenrechtler kidnappen, die er dann in Zukunft gegen russische Spione austauschen kann. Die Amis werden vermutlich nicht auf dieses dummdreiste Angebot eingehen, bzw. als Rechtsstaat dürfen sie es nicht. Denn der Wissenschaftler Igor Sutjagin hat sich nichts zu schulden kommen lassen, sitzt seit Jahren unschuldig im sibirischen Straflager. Rußlands Diktator Putin hat ihn dorthin verbannt. Wie so manch anderen kritischen Geist, z.B. Chodorkowskij.
Woher wissen Sie, dass Herr Sutjagin (und Andere) unschuldig ist? Also, wenn Sie meinen, dass Chordokoswski unschuldig ist, Russland als unzivilisiertes Schurkenstaat bezeichnen in gleichem Atemzug allerdings USA als Rechtssaat bezeichnen, dann kann man Ihnen nur noch gute Besserung wünschen. Noch so ein Experte, der sich mit Einzelheiten in deisen Fällen auskennt und Propaganda-Bashing gegen Russland betreibt. Wir brauchen mehr von solch guten Menschen wie Chordokowsi und weniger von diesen Tyrannen und Diktatoren wie Putin (Ironie aus).
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