Möglicher Terrorakt Soldatenmord erschüttert London

Ein britischer Soldat wurde in London auf offener Straße auf bestialische Weise getötet, die Briten sind schockiert. Die beiden Täter handelten offenbar aus islamistischen Motiven. Die Regierung behandelt den Mord als Terrorangriff. Muslimische Organisationen fürchten Übergriffe.
Foto: STEFAN WERMUTH/ Reuters

Der Notruf kam um 14.20 Uhr am Mittwochnachmittag. Als die ersten Polizisten kurz darauf in der John Wilson Street im Stadtteil Woolwich im Osten Londons eintrafen, bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick: Ein junger weißer Mann lag blutüberströmt auf der Straße, zwei schwarze Männer standen in der Nähe, einer hatte eine Pistole, der andere ein Schlachtermesser und ein Fleischerbeil in der Hand.

Eine Beamtin eröffnete das Feuer, als die Täter sich ihrem Polizeiwagen näherten. Beide Männer wurden mit Schussverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Für das übel zugerichtete Opfer kam hingegen jede Hilfe zu spät.

Schockierte Augenzeugen berichteten, die beiden Männer hätten ihr Opfer regelrecht abgeschlachtet. "Sie haben auf den armen Kerl eingehackt", sagte ein Passant dem lokalen Radiosender LBC. "So wie auf ein Stück Fleisch." Dutzende Passanten waren zu der Zeit auf der Straße unterwegs, kurze Zeit später zirkulierten Fotos und Videos im Internet.

Fotostrecke

Terror von London: Attentat im Herzen Großbritanniens

Foto: STEFAN WERMUTH/ REUTERS

"Ich dachte erst, es sei ein Autounfall", sagte Anwohnerin Lauren Collins, die im Bus am Tatort vorbeigefahren war. Dann hörte sie, was passiert war. Sie habe ein mulmiges Gefühl, sagte sie der BBC. "Ich hoffe, dass nicht noch mehr passiert."

Der Mord am helllichten Tag gibt viele Rätsel auf. Nach Augenzeugenangaben posierten die Täter für Fotos und machten keine Anstalten zu fliehen. Sie warteten auf die Polizei. Die Identität der beiden Männer und des Opfers wurde zunächst nicht offiziell bestätigt. Laut dem lokalen Unterhausabgeordneten Nick Raynsford handelt es sich bei dem Opfer jedoch um einen Soldaten der nahe gelegenen Kaserne, den Royal Artillery Barracks.

Die Täter schienen an ihrem Motiv keine Zweifel lassen zu wollen. Am frühen Abend strahlte der Fernsehsender ITV ein Video aus, das ein Passant mit seinem Handy aufgenommen hatte. Darin blickt einer der Täter, beide Hände blutverschmiert, Messer in der Hand, direkt in die Kamera und sagt: "Wir schwören bei Allah, dem Allmächtigen, dass wir nie aufhören werden, euch zu bekämpfen. Wir haben dies nur aus dem einzigen Grund getan, dass jeden Tag Muslime sterben. Dieser britische Soldat ist Auge um Auge, Zahn um Zahn."

Cameron beruft Sicherheitsrat ein

Der Mann sprach mit Londoner Akzent, woraus Beobachter schlossen, dass es sich um einen Einheimischen handelte. Er fuhr fort: "Wir bitten um Entschuldigung, dass Frauen das heute mitansehen mussten, aber in unserem Land müssen unsere Frauen das Gleiche sehen. Ihr werdet nie sicher sein. Stürzt eure Regierung. Ihr seid ihr egal."

Die "Sun" zeigte auf ihrer Website weitere Ausschnitte aus dem gleichen Video. Unter anderem fordert der Täter: "Sagt ihnen, die Truppen heimzuholen, damit wir in Frieden leben können." Die Wortwahl erinnert an Bekennervideos von islamistischen Terroristen. Doch war zunächst nicht klar, ob die Täter irgendwelche Kontakte zu einschlägigen Gruppen hatten oder einfach nur Phrasen von sich gaben.

Premierminister David Cameron, der in Brüssel beim EU-Gipfel war und danach gemeinsam mit Frankreichs Präsident Francois Hollande nach Paris fuhr, wurde unterwegs von der Nachricht überrascht. Er rief sogleich den nationalen Sicherheitsrat Cobra in London zusammen. Innenministerin Theresa May, Verteidigungsminister Philip Hammond und Londons Bürgermeister Boris Johnson ließen sich von Scotland Yard sowie den Geheimdiensten MI5 und MI6 über die Lage unterrichten. Das Treffen machte klar: Die Regierung behandelt den Vorfall als ersten islamistisch motivierten Terrorangriff in London seit den U-Bahnanschlägen vom Juli 2005.

"Damit die Kräfte des Hasses nicht siegen"

Es gebe "starke Anzeichen auf einen terroristischen Hintergrund", sagte Cameron bei einer Pressekonferenz im Elysee-Palast. "Wir hatten schon früher solche Attacken in unserem Land, und wir knicken nie vor ihnen ein." Cameron beeilte sich, nach London zurückzukehren. Labour-Oppositionsführer Ed Miliband wollte nicht nachstehen und brach einen Deutschland-Besuch ab.

Die Polizei appellierte an die Bevölkerung, ruhig zu bleiben und "unnötige Spekulationen" zu vermeiden. Offensichtlich befürchtet sie keine weiteren Angriffe, jedenfalls wurde die Terrorwarnstufe nicht erhöht. Allerdings wurden die Polizeistreifen in Woolwich verstärkt - wohl auch, um Straßenunruhen wie im August 2011 zu vermeiden.

Mehrere muslimische Organisationen verurteilten die Anschläge auf das Schärfste. "Dieser barbarische Akt hat nichts mit dem Islam zu tun", erklärte der britische Muslimrat. "Er wird zweifellos die Spannungen auf den Straßen des Vereinigten Königreichs erhöhen." Der Rat rief alle Muslime und Nichtmuslime dazu auf zusammenzuhalten, "damit die Kräfte des Hasses nicht siegen".

Dennoch kam es offenbar zu ersten islamfeindlichen Aktionen. Ein 43-Jähriger wurde festgenommen, als er mit einem Messer in eine Londoner Moschee eindrang, wie ein Abgeordneter auf Twitter berichtete. Ein zweiter Mann wurde wegen Verdachts auf rassistisch motivierte Sachbeschädigung im Südosten des Landes festgenommen.

Mit Material von AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.