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23. März 2014, 09:30 Uhr

YouTube-Video "My Revolution"

"Die subversive Kraft des Internets"

Der brennende Maidan, selbstgebaute Schutzschilde, Scharfschützen: Der YouTube-Film "My Revolution" setzt aus Handy-Filmen und Skype-Interviews ein subjektives Bild vom Aufstand in Kiew zusammen. Regisseur Stephan Lamby schwärmt von den urdemokratischen Möglichkeiten des Internets.

SPIEGEL: Sie haben das Video "My Revolution - Video Diary from Kiev" auf YouTube veröffentlicht, die Geschichte der Ereignisse auf dem Maidan in Kiew. Wie kam es dazu?

Stephan Lamby: Wir beschäftigen uns seit einiger Zeit mit der Frage, wie wir soziale Medien für uns als Journalisten nutzen können. Damit haben wir vor drei Jahren während der Naturkatastrophe in Japan begonnen. Reporter kamen damals nicht gleich ins radioaktiv verseuchte Gebiet. Wir sahen aber, was Anwohner mit ihren Handys filmten und ins Netz stellten. Mit ihnen nahmen wir Kontakt über Facebook und Skype auf. Das war wegen der Zeitverschiebung, der Sprache und wegen Stromausfällen nicht leicht, ist aber gelungen.

SPIEGEL: Der Maidan-Film erzählt nun die Geschichte der Ereignisse von den Anfängen im November mit patriotischen Gesängen und Popkultur bis zum 20. Februar, als Heckenschützen einige Demonstranten ermordeten.

Lamby: Die Entscheidung, den Film zu machen, fiel direkt nach dem 20. Februar. Einige meiner jungen Mitarbeiter, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, haben über Facebook und YouTube Kontakt mit Augenzeugen aufgenommen, die ihre Video-Schnipsel über meist nur zehn, zwölf Sekunden ins Netz gestellt hatten. Wir haben sie gefragt, ob sie uns ihr ganzes Material zur Verfügung stellen und ihre Erlebnisse über Skype erzählen würden. Sie wussten, dass wir daraus einen Film machen wollten. Daraus ist eine gute Zusammenarbeit erwachsen. Einer der Video-Blogger ist sogar noch auf die Krim gefahren und hat russische Truppen gedreht.

SPIEGEL: Dank der sozialen Netzwerke können die Betroffenen ihre Geschichte selber schreiben. Aber deren Sicht ist zwangsläufig einseitig.

Lamby: Das ist wahr, aber wir wollen unseren dokumentarischen Journalismus keineswegs ersetzen, sondern ergänzen. Was Augenzeugen und Aktivisten über ihr Erleben schildern, haben wir gefiltert. Wir nahmen auch manches heraus.

SPIEGEL: Was zum Beispiel?

Lamby: Einer der Interviewpartner nennt die Russen Nazis. Als er unseren Film sah, beklagte er sich darüber, dass wir diesen O-Ton weggelassen hatten. Wir wollten aber nicht Propaganda-Medium dieser Bewegung sein. Wir sind und bleiben unabhängige Journalisten. Deshalb ließen wir auch Spekulationen über die Herkunft der Heckenschützen nur dann zu, wenn deutlich gemacht wurde, dass es die Meinung des Interviewpartners war.

SPIEGEL: Die Stärke des Films liegt in der Unmittelbarkeit: Der Zuschauer erlebt mit, wie Verletzte weggeschleift werden, er sieht Blutspuren auf dem Pflaster, er sieht die Heckenschützen im Hintergrund rennen und schießen. Wer da aber schießt, ob es Russen sind oder ukrainische Spezialeinheiten, wissen wir auch nach dem Anschauen des Films nicht.

Lamby: Immerhin sehen und hören wir sie und haben damit einen Videobeleg dafür, worüber sonst nur geredet wird. Mehr aber wissen wir auch jetzt noch nicht.

SPIEGEL: Bei gründlicher Durchsicht des Materials lässt sich vielleicht etwas darüber herausfinden, wer die Heckenschützen sind.

Lamby: Das ist schwierig. Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden. Wir wollen selber nach Kiew reisen, mit Augenzeugen reden und Antworten auf die Fragen finden, die Sie zu Recht stellen.

SPIEGEL: Also Rückkehr zum klassischen Journalismus?

Lamby: Wir wollen beides, denn soziale Netzwerke bieten große Vorteile. Klassisches Fernsehen operiert national, "My Revolution - Video Diary from Kiev" aber wirkt international. Die Sprache des Films ist Englisch, wir haben ihn in die ukrainischen Netzwerke gestellt. Innerhalb weniger Tage gab es viele tausend Klicks, wobei die meisten Reaktionen aus der Ukraine, Russland und Polen kamen. Für uns steckt darin eine neue Möglichkeit. Das Netz bietet urdemokratische Möglichkeiten. Es ist kein Zufall, dass der türkische Ministerpräsident die subversive Kraft des Internets fürchtet und Twitter abschaltet. Bei aller berechtigten Kritik am Überwachungswahn der NSA sollten wir die Chancen des Netzes nicht aus dem Auge verlieren.

Das Interview führte Gerhard Spörl

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