Mysteriöse Erkrankung Neuer Giftanschlag auf Kreml-Kritiker?

Eine Tasse Tee, ein Obstsalat - dann brach der frühere russische Regierungschef zusammen, aus seiner Nase floss Blut. Nach dem Kollaps vor einer Woche hat sich Jegor Gaidars Zustand stabilisiert, doch die Ursache ist unklar: Die Tochter glaubt, ihr Vater wurde vergiftet.


London/Moskau - "Das war eine politische Vergiftung", sagte Jegor Gaidars Tochter Maria heute im britischen TV-Nachrichtensender BBC News 24. Die Ärzte in Moskau sähen "keinen anderen Grund" für seine plötzliche Erkrankung am 24. November auf einer Konferenz in Irland. Über drei Stunden blieb Gaidar bewusstlos, er wurde in eine Moskauer Klinik gebracht. Die Ärzte sollen zeitweise um sein Leben gefürchtet haben.

Früherer russischer Regierungschef Gaidar: Opfer eines Giftanschlags?
REUTERS

Früherer russischer Regierungschef Gaidar: Opfer eines Giftanschlags?

Die Tochter zog eine Verbindung zum vergifteten Ex-Agenten Alexander Litwinenko, ohne dabei ins Detail zu gehen. Der russischen Zeitung "Noviye Izvestia" berichtete sie, ihr Vater habe kurz vor seiner plötzlichen Erkrankung Tee getrunken und Obstsalat gegessen. Später sei er zusammengebrochen. "Er lag bewusstlos auf dem Boden. Aus seiner Nase floss Blut, er spie Blut. Das dauerte länger als eine halbe Stunde", sagte Gaidars Tochter.

Auch Waleri Natarow, ein Berater Gaidars, vermutete nach Rücksprachen mit den Ärzten einen Giftanschlag. "Das war definitiv keine Vergiftung durch irgendwelche verdorbenen Lebensmittel", sagte Natarow nach Angaben der Agentur Ria Nowosti. Bei Gaidar wurden nach Angaben seiner Ärzte allerdings keine radioaktiven Spuren festgestellt. Nach vorläufigen Untersuchungsergebnissen vermuteten die Mediziner, dass die Vergiftungserscheinungen des Kreml-Kritikers durch eine unbekannte Substanz ausgelöst worden seien, sagte Natarow. Allerdings lasse sich noch nicht sagen, ob es sich dabei um ein Gift handle. Eine offizielle Diagnose des Krankenhauses werde es nicht vor Freitag geben, sagte Natarow.

Der 50-jährige Gaidar gilt als Kritiker der russischen Wirtschaftspolitik, aber im Gegensatz zu Litwinenko nicht als erklärter Gegner von Präsident Wladimir Putin. Litwinenko war vergangene Woche vermutlich an einer Vergiftung mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 gestorben. Vom Sterbebett aus hatte er Putin beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Russland wies die Vorwürfe zurück.

Gaidar befindet sich derzeit auf dem Weg der Besserung. Seine Tochter äußerte die Hoffnung, dass ihr Vater Anfang kommender Woche aus dem Krankenhaus entlassen werde. "Er hängt noch am Tropf, fühlt sich aber schon viel besser", sagte sie.

Putin hat inzwischen Gaidar im Krankenhaus angerufen. Er habe Gaidar gute Besserung gewünscht, erklärte Putins Büro heute in Moskau.

Gaidar, inzwischen Leiter eines Wirtschaftsforschungsinstituts, hatte 1992 unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin die russische Regierung geführt und die umstrittene Freigabe aller Preise angeordnet. Diese Schocktherapie hatte zu einer weit verbreiteten Armut in Russland geführt, die viele Menschen den Reformpolitikern um Gaidar bis heute persönlich anlasten.

hen/dpa/Reuters/AFP



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