Mysteriöser Mord Litwinenkos Gifttod alarmiert britischen Sicherheitsrat

Der mysteriöse Tod des früheren russischen Spions Litwinenko beschäftigt jetzt das höchste britische Sicherheitsgremium. Inzwischen hat Scotland Yard in einer Londoner Sushi-Bar und in mehreren anderen Gebäuden Spuren der radioaktiven Substanz gefunden, mit der Litwinenko vergiftet wurde.

London - Was sind die Hintergründe für den Gifttod von Alexander Litwinenko, wer trägt die Verantwortung? In Großbritannien ist der Tod des russischen Ex-Spions zu einem Fall für das höchste britische Sicherheitsgremium geworden. Das Sonderkomitee Cobra (Cabinet Office Briefing Room A) habe sich in der Angelegenheit beraten, bestätigte ein Regierungssprecher heute in London, ohne Einzelheiten zu nennen. Dem Cobra-Komitee gehören der Innenminister, ranghohe Vertreter der Polizei sowie die Leiter der Geheimdienste an. Das Gremium war beispielsweise nach den Bombenanschlägen in London 2005 und Bekanntwerden der vereitelten Anschlagspläne auf Transatlantikflüge zusammengetreten.

London hat inzwischen Russland um tatkräftige Mithilfe bei der Aufklärung des mysteriösen Todes gebeten. Eine Sprecherin des britischen Außenministeriums sagte heute, dem russischen Botschafter sei am Nachmittag eine entsprechende Bitte vorgetragen worden. Die Regierung in Moskau sei aufgefordert worden, Material zu schicken, das bei den Polizeiermittlungen hilfreich sein könnte. Die Gesundheitsbehörde sprach von einem beispiellosen Fall in Großbritannien.

Der 43-jährige Ex-Agent ist nach Erkenntnissen der britischen Behörden in London durch eine hohe Konzentration der radioaktiven Substanz Polonium 210 vergiftet worden. Scotland Yard intensivierte die Fahndung nach den unbekannten Tätern und durchsuchte dabei auch mehrere Gebäude sowie die Wohnung Litwinenkos. Dabei fanden Spezialisten Spuren des radioaktiven Materials in der Wohnung Litwinenkos sowie in einem Sushi- Restaurant und einem Hotel, in dem sich Litwinenko aufgehalten hatte.

Nach Behördenangaben war Litwinenko vor drei Wochen mit Polonium 210 vergiftet worden, er starb in der Nacht zum Freitag. Er habe die Substanz entweder mit der Nahrung aufgenommen, inhaliert oder sie sei über eine Wunde in seinen Körper eingedrungen. Ermittler gehen davon aus, dass ihm ein bislang noch unbekannter Täter das Polonium am 1. November heimlich verabreichte. An dem Tag hatte er mehrere Treffen, darunter mit zwei anderen Russen. Britischen Berichten zufolge gehen die Ermittler unter anderem Hinweisen darauf nach, dass Litwinenko die radioaktive Substanz in ein Getränk gemischt wurde. Nach Angaben eines Freundes hatte er mit den zwei Russen in einem Hotel Tee getrunken. Einer der Männer soll ein früherer KGB-Mitarbeiter gewesen sein.

Polonium 210 wirkt hochgiftig, wenn es in den Körper gelangt. Polonium ist ein radioaktives silberweiß glänzendes Metall, das Krebs auslösen kann. Es gehört zu den seltensten chemischen Elementen und ist in geringen Mengen in Uranerzen enthalten. Ein Teil der zahlreichen Polonium-Arten (Isotope) entsteht bei natürlichem radioaktivem Zerfall von Uran oder Thorium. Künstlich wird Polonium in Kernreaktoren erzeugt. Das Element wurde 1898 von der polnischen Chemikerin und späteren Nobelpreisträgerin Marie Curie entdeckt.

Der Ex-Agent hatte wenige Tage vor seinem Tod in einer Botschaft, die erst heute veröffentlicht wurde, Putin scharf angegriffen: "Sie mögen Erfolg damit haben, einen Mann zum Schweigen zu bringen, doch die Protestschreie aus der ganzen Welt werden Ihnen, Herr Putin, bis ans Lebensende in den Ohren klingen", erklärte Litwinenko. Der einstige Agent des Sowjetgeheimdienstes KGB sowie dessen Nachfolger FSB war nach dem Versagen innerer Organe gestorben. Die Mediziner am University College Hospital, in dem Litwinenko behandelt worden war, wussten nach eigenen Angaben bis zuletzt nicht, welche Substanz für seinen rasanten körperlichen Verfall gesorgt hatte. Erste Vermutungen, es handle sich um Thallium, hatten sich als falsch erwiesen.

In seiner Erklärung, die Litwinenko nach Angaben der Familie am vergangenen Dienstag diktierte, warf er Putin vor, sich als "genauso barbarisch und unbarmherzig erwiesen" zu haben, wie die meisten seiner Kritiker dies behauptet hätten. Er fügte hinzu: "Gott möge Ihnen vergeben, für das, was Sie mir und dem geliebten Russland und seinem Volk angetan haben." Freunde und Verwandte Litwinenkos hatten Moskau bereits zuvor öffentlich beschuldigt, die Vergiftung des Regimekritikers befohlen zu haben. "Dieses Regime ist eine tödliche Gefahr für die Welt", sagte Litwinenkos Vater Walter in London.

Der russische Präsident erklärte am Rande einer EU-Konferenz in Helsinki: "Ich bedauere den Tod und spreche der Familie mein Bedauern aus." Putin fügte hinzu: "Leider werden tragische Ereignisse wie dieser Tod für Provokationen ausgenutzt." Er hoffe, dass "die britischen Behörden nichts tun, um politische Skandale anzuheizen".

Russland sei bereit, "bei Ermittlungen der britischen Behörden jede nur mögliche Hilfe zu leisten". Putin sagte, auch in vielen anderen europäischen Ländern gebe es politische Morde, die bisher nicht geklärt worden seien: "Schauen wir doch nur mal die Lage der Mafia innerhalb der EU an."

Litwinenko lebte seit 2000 in London im Exil. Vor kurzem hatte er die britische Staatsbürgerschaft bekommen. Er hatte zuerst 1998 Schlagzeilen gemacht, als er behauptete, vom FSB, dessen Chef damals Putin war, den Befehl zur Ermordung des russischen Milliardärs Boris Beresowski bekommen zu haben. Später behauptete er, es sei der FSB gewesen, der 1999 mehrere Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland verübt habe, um einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Krieg zu haben. Zuletzt beschäftigte sich Litwinenko mit Recherchen zur Ermordung der regimekritischen russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Sie war am 7. Oktober in Moskau erschossen worden.

hen/dpa/AFP/AP/Reuters