Nach Anschlag auf iranischen General Soleimani Außer Kontrolle

Irans Führung inszeniert die Trauer um Qasem Soleimani mit großem Pomp. Wie wird das Regime die Tötung seines Topgenerals durch die USA rächen? Die Angst vor einem verheerenden Krieg im Nahen Osten ist groß.
Demonstranten in Teheran vor Soleimani-Porträt: "Sie alle werden bezahlen"

Demonstranten in Teheran vor Soleimani-Porträt: "Sie alle werden bezahlen"

Foto: Ebrahim Noroozi/ AP

Es sollte aussehen wie ein privater Moment. Das iranischen Fernsehen überträgt ihn in alle Welt: Die Tochter von Qasem Soleimani, dem iranischen Topgeneral, der bei einem Drohnenangriff der USA am Donnerstagabend in Bagdad ums Leben kam, steht dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani gegenüber. Sie fragt: "Wer wird meinen Vater rächen?" "Sorge dich nicht, sie alle werden bezahlen", antwortet Rohani.

Das iranische Regime inszeniert die Trauer um Soleimani mit großem Pomp: Am Samstag nahmen in der irakischen Hauptstadt Bagdad Zehntausende Menschen, darunter Iraks Regierungschef Adil Abd Al-Mahdi, an einem Trauermarsch teil für Soleimani und für den irakischen Milizenführer Abu Mehdi al-Muhandis, der ebenfalls bei dem US-Angriff getötet wurde.

Irans Präsident im Video: "Sie haben einen Fehler gemacht"

SPIEGEL ONLINE

Nun wird der Sarg mit Soleimanis Leichnam nach Maschhad gebracht, eine schiitische Pilgerstätte im Nordosten Irans. Für Montag ist in Irans Hauptstadt Teheran eine staatliche Trauerfeier geplant, ehe Soleimani am Dienstag in Kerman, seiner Heimatstadt, begraben werden soll.

Mit Soleimani ist nicht irgendein Offizier gestorben, sondern der Anführer der Quds-Brigaden, der womöglich zweitmächtigste Mann im Iran und einer der einflussreichsten Figuren im Nahen Osten.

Soleimani steuerte Irans Politik von Irak bis Jemen. Er trug entscheidend dazu bei, dass sich der syrische Diktator Baschar al-Assad an der Macht halten konnte. Wie kein anderer verkörperte der Quds-Chef die skrupellose Kriegsführung des iranischen Regimes, das vor Terror gegen Zivilisten ebenso wenig zurückschreckt wie vor Folter und Hinrichtung von Gegnern im Inland.

Während seine Anhänger in Iran und im Irak um ihn trauerten, feierten deshalb andernorts Menschen seinen Tod auf den Straßen. In der syrischen Provinz Idlib, die seit Monaten von Assad, Russland und Iran unter Beschuss genommen wird, verteilten Bürger Süßigkeiten. "Er wird niemanden mehr töten", titelte die saudi-arabische Zeitung "Arab News".

Die Führung in Teheran machte deutlich, dass sie ihres führenden Generals nicht nur still gedenken werde. Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei kündigte eine "machtvolle Rache" an. Wie genau diese Rache ausfallen wird, wann und wo es dazu kommen wird - all diese Fragen blieben bislang offen.

Soleimani hat ein enges Netz gesponnen zu Milizen im Irak, in Gaza, im Libanon, die Angriffe gegen US-Einrichtungen durchführen könnten. Auch eine weitere Attacke auf Öltanker in der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Seewege der Welt, ist denkbar.

US-Dienste hätten bereits verschiedene Szenarien durchgespielt, berichtet die Nahostexpertin Rukmini Callimachi unter Berufung auf amerikanische Offizielle. Danach halte man Anschläge auf US-Botschaften selbst in Ländern wie Bahrain oder den Vereinigten Arabischen Emiraten ebenso für möglich wie Cyberattacken oder die gezielten Entführungen und Hinrichtungen amerikanischer Staatsbürger. US-Präsident Donald Trump warnte deutlich vor Vergeltungsangriffen.

Die Kritik in den USA wächst - der Ölpreis steigt

Das iranische Regime steht vor einem Dilemma: Es muss einerseits allein aus machttaktischen Erwägungen auf eine Weise auf die Tötung Soleimanis reagieren, die dessen Anhänger als angemessen empfinden. Andererseits will es keinen konventionellen Krieg mit der Supermacht USA riskieren. Die Gefahr, dass Teheran in dieser Situation die Nerven verliert und der Konflikt endgültig außer Kontrolle gerät, ist groß.

US-Außenminister Mike Pompeo schrieb am Freitag auf Twitter, dass Deeskalation das wichtigste Anliegen seiner Regierung sei. Die USA hätten den Angriff nicht verübt, um einen Krieg zu beginnen, sondern zu verhindern, behauptete Präsident Trump. Trotzdem hat er nun 3500 weitere Soldaten in die Region geschickt. "Trump hat versprochen, uns aus den endlosen Kriegen herauszuführen. Nun sieht es leider so aus, als würde er uns stattdessen in einen neuen Krieg hineinführen", kritisierte US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders.

Schon jetzt sind die Ölpreise angestiegen, der Nukleardeal, den Trumps Vorgänger Barack Obama gemeinsam mit den Europäern und Iran geschlossen hat, scheint endgültig Geschichte.

Die Sorge im Irak wächst, in dem Konflikt zerrieben zu werden

Besonders volatil ist die Lage im Irak. In den vergangenen Wochen hatten sich Bürger überall im Irak unter großen Risiken gegen ihre Regierung und auch gegen den Einfluss Irans erhoben. Etliche Menschen wurden bei den Protesten von Sicherheitskräften ermordet. Nun haben viele Iraker das Gefühl, in einem geopolitischen Konflikt zwischen den USA und Iran zerrieben zu werden. Auf dem Tahrir-Platz in Bagdad entspannten Demonstranten ein Banner mit der Aufschrift: "Haltet eure Konflikte fern vom Irak".

Regierungschef Mahdi steht unter Druck, auf die Tötung Soleimanis zu reagieren. Viele Iraker betrachten den Drohnenangriff als einen Verstoß gegen die Souveränität ihres Landes. Das Parlament in Bagdad will in den kommenden Tagen darüber abstimmen, ob den USA das Mandat für den Militäreinsatz im Irak entzogen wird.

Video-Analyse zur Attacke der USA: "Faktisch eine Kriegserklärung

SPIEGEL ONLINE

"Die Ära der Kooperation zwischen den USA und Irak ist vorbei", sagt der Präsident des Council on Foreign Relations und ehemalige US-Diplomat Richard N. Haass. "Das Ergebnis wird sein, dass der Einfluss Irans, Terror und innerirakische Kämpfe zunehmen."

Lobende Worte kommen aus Israel in Richtung Washington

Auch Israel rechnet damit, zum Ziel iranischer Vergeltungsschläge zu werden. Die Sicherheitsvorkehrungen an Israels Botschaften wurden erhöht, Zivilisten dürfen seit Freitag nicht mehr ins Skigebiet auf dem Hermonberg, der auf den von Israel annektierten Golanhöhen liegt.

Premier Benjamin Netanyahu dankte Trump trotzdem für dessen "entschlossenes, kraftvolles und schnelles Handeln". Oppositionsführer Benny Gantz lobte Trumps "kühne Führung".

Israel betrachtete Soleimani als Erzfeind. Aviv Kochavi, Generalstabschef der israelischen Armee, erklärte auf einer Sicherheitskonferenz wenige Tage vor Silvester, "dass die Möglichkeit einer begrenzten Konfrontation - oder mehr als das - zwischen uns und Iran nicht unwahrscheinlich ist." Die Ermordung Soleimanis hat die Wahrscheinlichkeit für eine solche Konfrontation enorm gesteigert.