Nach Besuch bei Nobelpreisträger Lius Frau soll unter Hausarrest stehen

Wie geht es Liu Xia? Chinas Behörden haben die Frau von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo laut mehrerer Menschenrechtsorganisationen unter Hausarrest gestellt. Zuvor hatte sie ihren Mann im Gefängnis besucht - unter Tränen soll er seine Auszeichnung allen "Märtyrern vom Tiananmen" gewidmet haben.

Lius Frau Liu Xia: Hausarrest in Peking?
AP

Lius Frau Liu Xia: Hausarrest in Peking?


Peking - Die Behörden in China haben nach Angaben von US-Menschenrechtlern die Ehefrau des frisch ernannten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo festgesetzt. Liu Xia dürfe ihre Wohnung in Peking nicht verlassen und auch ihr Mobiltelefon nicht benutzen, teilte die US-Gruppe Freedom Now am Sonntag mit. Eine Straftat werde ihr aber nicht vorgeworfen. "Nach ihrer Rückkehr sagten sie ihr dann, dass sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen darf", hieß es der Organisation zufolge.

Die in New York ansässige Organisation Human Rights in China (HRIC) bestätigte diese Angaben weitgehend. "Beamte der Staatssicherheit hindern Liu Xia daran, mit Medien und ihren Freunden in Kontakt zu treten", teilte HRIC mit. Anders als Freedom Now erklärte die Gruppe, Liu Xia sei gesagt worden, dass sie ihre Wohnung verlassen dürfe - allerdings nur in Begleitung in einem Polizeiwagen.

Eine Reaktion des Regimes auf die Nachricht gab es zunächst nicht. Allerdings schrieb der befreundete Dissident Wang Jinbo auf Twitter, Liu Xia habe ihm mitgeteilt, dass sie streng bewacht werde und Medien und Freunde nicht empfangen könne.

Der Zugang zur Wohnung des Ehepaares in der Hauptstadt Peking wurde am Sonntagabend von einem halben Dutzend Männern blockiert. Journalisten wurde der Zugang verwehrt.

Freedom Now beruft sich bei seinen Angaben auf einen Informanten aus China, dessen Name aber aus Furcht vor dessen Inhaftierung nicht mitgeteilt werde. Xia habe vor ihrer Festsetzung Liu Xiaobo im Gefängnis besuchen und ihm erzählen dürfen, dass ihm der Friedensnobelpreis zuerkannt worden sei, teilte die Organisation mit. Demnach wurde Liu Xia vor dem Treffen das Mobiltelefon abgenommen und ihr mitgeteilt, dass sie festgenommen werde. Die Nachrichtenagentur AP hingegen meldet unter Berufung auf einen engen Freund, Liu Xiaobo habe am Samstagabend von der Gefängnisverwaltung davon erfahren.

Übereinstimmend wird indes berichtet, der 54-Jährige sei in Tränen ausgebrochen und habe erklärt, die Verleihung widme er den "Märtyrern vom Tiananmen" - also den Opfern des Tiananmen-Massakers im Juni 1989.

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Liu Xiaobo: Friedensnobelpreis für den Dissidenten
Die Zufahrt zum Gefängnis in Jinzhou war am Wochenende vorübergehend mit einer Straßensperre abgeriegelt; Medienvertreter durften nicht passieren. Die Sperre und das Aufgebot an Sicherheitskräften wurden am Sonntagnachmittag nach und nach wieder abgezogen.

Nach Angaben von Angehörigen wurde Liu Xia unter Polizeibegleitung nach Jinzhou gebracht. Die Sorge um sie wuchs, je länger sie nicht erreichbar war. "Brüder, ich bin zurück", twitterte sie allerdings inzwischen. "Habe Xiaobo getroffen."

Dem inhaftierten Liu war am Freitag trotz scharfer Warnungen der chinesischen Regierung der Friedensnobelpreis zuerkannt worden. Der 54-Jährige sei seit mehr als 20 Jahren ein starker Fürsprecher für den gewaltfreien Kampf für Freiheit und Menschenrechte, hatte das norwegische Nobelkomitee erklärt.

China hatte empört reagiert und die Auszeichnung als ungerechtfertigt verurteilt. Die Beziehungen zu Norwegen seien belastet, hieß es zudem. Der norwegische Botschafter in Peking wurde für einen offiziellen Protest einbestellt.

Liu wurde 2009 inhaftiert und zu elf Jahren Haft verurteilt. Ihm wird zur Last gelegt, Hauptverfasser der "Charta 08" zu sein - einem Manifest chinesischer Intellektueller und Bürgerrechtler, in dem Redefreiheit und freie Wahlen gefordert werden. Der frühere Literaturprofessor wurde bekannt als einer der Anführer des Hungerstreiks während der Studentenproteste auf dem Platz des himmlischen Friedens - dem Tiananmen-Platz - 1989 in Peking.

ffr/Reuters/dapd



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embyro 10.10.2010
1. Traurig
Obwohl nicht alle Nachrichten aus sicheren Quellen stammen finde ich das einfach nur traurig. Ich sitze hier an meinem PC und kann meine Meinung äußern während in China, und nicht nur dort, Menschen genau dafür ohne Prozess verschleppt, inhaftiert, unter Hausarrest gestellt werden oder sogar schlimmeres mit ihnen passiert. Was hilft da eine oft gepriesene jahrtausende alte Kultur, wenn sie von einer machtbesessenen Clique mit Füßen getreten wird ?
Aljosha123 10.10.2010
2. Held
Danke an Norwegen, finde so eine Person beeindruckend und bin froh das so jemand den Preis bekommt anstatt Dr.Kohl.
shi 10.10.2010
3. "das Gesicht wahren"
Soweit ich weiß, ist es den Chinesen (u.a.) unheimlich wichtig, "das Gesicht zu wahren" und viele (alle?) dieser harten Reaktionen gegenüber dem Westen, z.B. auch die Behauptung, die Preis für Liu sein eine Schande, haben eben jenen Zweck. Aber wem gegenüber meinen sie denn, das Gesicht zu wahren? Gegenüber dem Westen? Wäre es nicht so tragisch, würde ich darüber lachen, daß die Regierung dieses Landes so eine riesige Angst hat. Und ich kann ihr Verhalten nur verachten. Und ich denke, die überwiegende westliche Welt sieht es genauso. So "verliert man sein Gesicht" und "wahrt" es nicht. Engstirnige Hosenscheißer.
janne2109 10.10.2010
4. wundert das jemanden?
Diese Nachricht ist doch nicht verwunderlich, wenn auch sehr bedauerlich.Es war doch abzusehen, dass China so reagieren wird nach der Vergabe des Friedensnobelpreises. Dennoch haben wir Olympische Spiele dort veranstaltet, das war schon ein Fehler. Dennoch tragen wir Klamotten "Made in China" weil Geiz geil ist. Und das wir in Freiheit leben, unsere Meinung äußern dürfen und auch äußern haben viele Menschen bei uns in Deutschland auch bereits vergessen.
normen.kruschat 11.10.2010
5. Demokratie in China
Ich kenne China kaum und finde es eine Welt, die es zu entdecken gilt. Ich glaube, wir können von den Zuwanderern lernen. Doch weiß ich mit diesem Konflikt nicht umzugehen. Wir messen mit unserem europäischen Blick. Für uns sind Staat, Rechtsstaat, Wirtschaft und Demokratie zu etwas geworden, über das man vielleicht in Forscherkreisen diskutiert. Für jeden sind sie schon seit dem 16. Jahrhundert Normalität. China scheint eine etwas andere Tradition zu haben und ich weiß nicht, ob wir mit unserem europäischen Blick China wirklich verstehen. Ein Urteil ist deshalb sehr schwer. Ich kann den Nobelpreis-Träger überhaupt nicht einschätzen, weil ich ihn nicht kenne. Und irgendwie müsste man ihn erst einmal kennenlernen und ein langes Gespräch führen, um wirklich zu verstehen, was in China vielleicht schon Realität ist. Ich vermute, dass das Land schon auf seiner Höhe ist, doch aber das alte Chinas im Sterben liegt und man mit doppeltem Eifer übertüncht, was das neue Gesicht Chinas nur mit halbem Herzen begrüßt mag - es aber eigentlich schon längst erkannt hat. Ich mache es mir aber nicht ganz so einfach. Auch bei uns gibt es nicht für jeden Freiheit. Die Freiheit ist auch hier ein Privileg - das sollte man nicht vergessen. Auch ist es nicht gänzlich zu tilgen, dass die besten Freiheiten nichts bringen, die schönste Pressefreiheit vergebens ist, wenn's die Masse nicht kratzt. Wenn die Probleme des Alltags im Zusammenleben keinen mehr etwas angehen und Menschen leiden und das tun sie in unserer Welt. Es mag zwar Unterschiede geben - aber es ist auch für uns selbst - jeden persönlich - ein Ereignis, dass überdenken lassen sollte. Gerade wenn man sieht, was so viele chinesische Einwohner auf dieser Welt bewirken und bewegen. Ich will es mir nicht ganz so einfach machen... auch wir haben unsere Dissidenten, nur leben die auf der Platte und haben keine Chance - meistens. Für diese Menschen ist das Leben umso gnadenloser...
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