Frust über EU-Mitgliedschaft Die Niederländer flirten mit dem "Nexit"

Die Niederländer und die EU - Liebe war das noch nie. Rechtspopulist Gert Wilders will das Land am liebsten schon morgen von Brüssel loseisen. Doch was denken die Bürger über den "Nexit"?

Volendam am Ijsselmeer
Fabian Busch

Volendam am Ijsselmeer

Aus Amsterdam und Den Haag berichtet Fabian Busch


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wo Dirk Keizer wohnt, sehen die Niederlande aus wie aus dem Bilderbuch. Draußen schlendern Touristen die Promenade des Küstenstädtchens Volendam entlang. Im Plauderhäuschen, einer Art dauerhaftem Stammtisch, hockt Keizer und schimpft auf Europa. Auf das Geld, das aus den reichen Niederlanden in den armen Süden gehe. Auf die vielen Vorschriften, die den Fischern das Leben schwer machten. Auf den Verlust an Souveränität. "Die regeln alles für uns. Wir sind von Brüssel besetzt", sagt der Rentner mit dem akkuraten Scheitel und modischer Brille.

Werden aus den Mitbegründern der EU die nächsten Aussteiger? Zumindest befeuert das Referendum der Briten auch die Diskussion über den "Nexit". 2005 haben die Niederländer schon einmal mehrheitlich Nein zur EU-Verfassung gesagt, im vergangenen April auch zum Abkommen, mit dem die EU die Beziehungen mit der Ukraine vertiefen will. Und wenn jetzt noch ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft käme? Die Umfragen bleiben vage. Je nach Institut schwankt der Anteil der Austrittsbefürworter zwischen 22 und knapp 50 Prozent.

Im konservativen Volendam, wo in den vergangenen Jahrzehnten viele traditionelle Arbeitsplätze im Fischereiwesen verloren gegangen sind, würde wohl eine klare Mehrheit für den "Nexit" stimmen.

Nur rund 40 Autominuten weiter südlich sieht das schon anders aus.

Rachel Visscher sitzt mit Cappuccino und Zeitung in einem Café auf dem Campus der Universität von Amsterdam. "Europa ist Teil meiner Identität", sagt die Schriftstellerin und Dozentin. Ein EU-Austritt? Für sie unvorstellbar.

Schriftstellerin Rachel Visscher.
Fabian Busch

Schriftstellerin Rachel Visscher.

"Wir sind ein kleines Land. Wir würden es allein gar nicht schaffen." Sie sieht das so, ihre Freunde sehen das so. Aber sie weiß auch, dass nicht jeder Niederländer so denkt. "Die EU-Kritiker haben hier eine laute Stimme. Der Widerspruch ist leiser." Diese Situation ähnelt in beunruhigender Weise jener in Großbritannien in den Monaten und Jahren vor dem Brexit-Referendum. Auch dort gab es einen wachsenden EU-Unmut in der Bevölkerung - und eine stimmschwache Gruppe der Brexit-Gegner.

Nur wenige Niederländer sind der EU emotional verbunden

Die Stimmungslage im niederländischen Volk erforscht Paul Dekker. Der Soziologieprofessor arbeitet unter anderem für das Soziale und Kulturelle Planbüro, ein staatliches Forschungsinstitut. Er ist überzeugt davon, dass man den "Nexit" nicht ausschließen kann. Denn die Gruppe von leidenschaftlichen EU-Fans wie Rachel Visscher sei in den Niederlanden eher klein. "Viele EU-Befürworter sind der Meinung, dass die Mitgliedschaft aus wirtschaftlicher Sicht vernünftig ist. Aber nur wenige sind der Union auch emotional verbunden." Die Niederländer sind ein Volk der Kaufleute und Reisenden. Und ein sehr pragmatisches. An der EU mögen viele in erster Linie den Binnenmarkt. Ähnlich wie die Briten.

Von Dekkers Büro aus kann man über Den Haag schauen. Die Stadt ist niederländischer Regierungssitz - hat aber auch tiefe soziale Gräben. Das historische Regierungsviertel und die modernen Bürotürme scheinen einige Kilometer entfernt schon wieder weit weg. Im Haager Stadtteil Schilderswijk würde wohl der Putz von den Fassaden bröckeln - hätten ihn die Niederländer mit ihren Ziegelbauten nicht eh weggelassen. Wer hier wohnt, hat in der Regel kein Erasmus-Semester im Ausland gemacht. Nicht viele sind je ohne Passkontrolle bis nach Portugal gereist.

Henk Graves (l.) und Derek Sessingh in Den Haag
Fabian Busch

Henk Graves (l.) und Derek Sessingh in Den Haag

Er fände den Austritt besser, meint Henk Graves, ein weißhaariger 75-Jähriger, der mit Nachbarn vor einem geklinkerten Reihenhaus sitzt. "Benelux war doch auch gut", meint er: die Zusammenarbeit der Niederlande mit Belgien und Luxemburg. "Aber uns fragt ja sowieso keiner."

"Viel hängt davon ab, was jetzt in Großbritannien passiert"

Soziologe Dekker findet, dass die niederländische Politik wenig geschickt mit dem Thema Europa umgegangen ist. Nach dem Nein zum EU-Verfassungsvertrag gab es einen nur leicht veränderten anderen Vertrag - und über den dann kein Referendum mehr. Nach dem Nein zum Assoziationsabkommen mit der Ukraine ist noch immer unklar, was die niederländische Regierung in Brüssel damit macht. "Die EU ist für viele Menschen ein Beispiel dafür, dass sie von der Politik nicht gehört werden", sagt Dekker.

Im niederländischen Parlament will bisher nur die rechtspopulistische Freiheitspartei von Geert Wilders den "Nexit" (lesen Sie hier ein Interview mit Wilders).

Rechtspopulist Wilders
DPA

Rechtspopulist Wilders

Aber falls es wirklich zu einem Referendum käme, sei der Ausgang schwer vorherzusagen, meint der Wissenschaftler. Letztendlich würde der Durchschnittsniederländer wohl ganz pragmatisch und rational entscheiden. "Viel hängt davon ab, was jetzt in Großbritannien passiert", sagt Dekker.

Wenn der Brexit für die Briten besser ausgeht als gedacht, werden sich die EU-Gegner auch in den Niederlanden bestärkt fühlen. Wenn es schlecht ausgeht, ist die öffentliche Meinung auch dafür sehr empfindlich. Die Briten sind ein Testfall."


Zusammengefasst: Droht mit den Niederlanden der nächste Abschied aus der EU? Stimmen, die einen "Nexit" fordern, werden lauter. Die Lage ähnelt der Stimmung in Großbritannien vor dem Brexit. Die Umfragen sehen zwar kein Lager klar vorn, aber die Stimme der "Nexit-Gegner" ist die leisere.

Rechtspopulist Wilders zu "Brexit" und "Nexit"

REUTERS


insgesamt 258 Beiträge
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iman.kant 24.07.2016
1. In diesem Fall wäre es für die EU ein
klarer Gewinn wenn die NL Ausscheiden würden. Es gehen Milliarden and Euros für den sozialen Ausbau der EU verloren, da es in den NL die assoziale Möglichkeit gibt Unternehmenssteuern zu sparen, die dann der Bevölkerung in den jeweiligen Ländern fehlen. Also bitte liebe Niederländer - wählt auch schön den Austritt!
joppop 24.07.2016
2. 67
Wir hatten hier in den niederlande schon ein referendum uber lissabonvetrag 67% war da gegen! Und doch hat damals PM Balkende unterschrieben!!
Kerze der Freiheit 24.07.2016
3. Sehr gute Idee
Aus volkswirtschaftlicher Idee wäre ein Austritt der Niederlanden verbunden mit einem Austritt aus dem Euro eine sehr gute Idee, da das Land dann seine Probleme selbstständig und auf seine Wirtschaft angepasst lösen kann. Zudem kann es dann die Zuwanderung besser steuern.
Golda Meier 24.07.2016
4.
Mit einer Nordunion (von Ländern, die kulturell und wirtschaftlich gut zusammenpassen) hätten die Holländer ganz sicher kein Problem. Wenn diese Nordunion dann auch noch sinnvolle Regeln für die Zuwanderung (Punktesystem wie Australien) hätte, könnten sich die Bürger in diese Union sogar verlieben. Ja. Der Brexit wird zum Testfall. Die Tories sind übrigens guter Dinge, daß sie aus dem Brexit eine Erfolgsgeschichte machen. Von einer Depression ist in GB nicht mehr viel zu spüren. Heute kann man im Guardian sogar einen Bericht darüber lesen, daß sich die EU in Sachen Brexit bewegt: GB behält den Zugang zum single market, darf aber über seine Einwanderungspolitik souverän entscheiden. Ich hatte das schon vorausgesehen und in mehreren Posts gesagt. Die Wirtschaftsmacht der Briten ist einfach zu groß, um GB zu "abzustrafen". Das war nur eine verrückte Idee aus der "Zentrale der Weißwütigen" (Juncker und Schulz). Besonders die Holländer werden jetzt also auf den Nachbarn gucken. Und wenn das in GB ordentlich läuft, sind sie auch weg.
sitcom 24.07.2016
5. Wichtig ist...
... Das am Beispiel vom Brexit die Vorteile der EU gezeigt werden... Hierbei sind nicht die Vorteile wie 60 Jahr ohne krieg gemeint sondern die wirtschaftlichen. Keine Schikane aber ganz klar keine Rosinenpickerei aus England... Und bitte kein einknicken vor irgendwelchen Wirtschaftsverbände... MERKEL...
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