Nach Hamas-Sieg Israel im Schockzustand

In Israel jagt seit dem überwältigenden Wahlsieg der Hamas eine Krisensitzung die andere, denn auf diesen Ausgang war man völlig unvorbereitet. In einer Umfrage sprach sich fast die Hälfte der Israelis für Gespräche mit den Radikal-Islamisten aus - im Gegensatz zur Regierung.


Tel Aviv - Für Gespräche mit der Hamas sprachen sich bei der Befragung der Zeitung "Jediot Ahronot" 48 Prozent aus, 43 Prozent waren dagegen. Die Zeitung hatte die Israelis vor Bekanntgabe des Ergebnisses der Wahlen in den palästinensischen Gebieten befragen lassen.

Hamas-Gegner vor Fotos von Anschlagsopfern aus Israel: "Tragisches Scheitern"
REUTERS

Hamas-Gegner vor Fotos von Anschlagsopfern aus Israel: "Tragisches Scheitern"

Ähnlich reagierten die Leser auch bei einem Vote der Zeitung "Haaretz". Knapp die Hälfte der Teilnehmer lehnte Kontakte mit der Hamas ab - der Rest sprach sich dagegen für Gespräche mit den Radikalislamisten aus, entweder ohne Vorbedingungen oder unter der Voraussetzung, dass Israel anerkannt werde und sich die Hamas entwaffne.

In Israel war damit gerechnet worden, dass die Hamas allenfalls als Juniorpartner in der neuen palästinensischen Regierung vertreten sein werde. In den Kommentaren und Meinungsbeiträgen der Zeitungen spiegelt sich die Unsicherheit wider. "Ist Frieden ohne den Islam möglich?" fragt provokant Menachem Fruman, Rabbi von Tokea im Westjordanland, in der "Haaretz". Die israelische Regierung müsse den Rabbis die Möglichkeit geben, sich in den Friedensprozess im Heiligen Land einzuschalten.

In Anspielung auf die Farben der Hamas ist einem Kommentar auch von einer "zunehmenden grünen Dämmerung" die Rede. Zwar behaupte die israelische Regierung, der Sieg der Hamas sei auch eine Quittung der Wähler für die Korruption in den palästinensischen Gebieten. Aber der Triumph der Hamas bedeute eben auch, dass in der Bevölkerung die Islamisten akzeptiert würden.

In Tel Aviv kamen die Führung der Armee und hohe Beamte des Außenministeriums zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Krisensitzungen gab es auch beim Likud-Block und bei der Arbeitspartei.

Israel werde mit einer Hamas-Regierung nicht verhandeln, stellte Interimsministerpräsident Ehud Olmert klar. "Der Staat Israel wird nicht mit einer palästinensischen Regierung verhandeln, der eine bewaffnete terroristische Organisation angehört, die zur Zerstörung Israels aufruft", sagte Olmert, der für den schwer erkrankten Ariel Scharon die Amtsgeschäfte führt. Israel werde "unter allen Umständen mit eiserner Faust überall den Kampf gegen den Terrorismus fortsetzen".

Netanjahu: "Hamas wird sich nicht ändern" Der Vorsitzende der konservativen Likud-Partei, Benjamin Netanjahu, forderte in im BBC-Fernsehen erhöhten internationalen Druck auf die künftige Hamas-Regierung. Nur durch Maßnahmen wie Wirtschaftssanktionen werde man diese zu einer friedlicheren Politik bewegen. Netanjahu schloss zum gegenwärtigen Zeitpunkt Verhandlungen mit der Hamas ebenfalls aus: Solange die "Helfer Irans" in Kindergärten Selbstmordattentäter heranzüchteten und Terror verbreiteten, seien sie keine legitime Regierung.

Der Likud könnte bei der Parlamentswahl am 28. März vom Triumph der Hamas profitieren. "Dies ist ein tragisches Scheitern im Krieg gegen die Hamas", sagte der rechtsgerichtete Abgeordnete Juval Steinitz. "Wir allein ließen Wahlen mit der Beteiligung einer Terrorgruppe zu, die zu unserer Zerstörung aufruft."

Ähnlich äußerte sich auch Ex-Außenminister Silvan Schalom. Die Welt werde mit der Hamas "sprechen und sagen, dass sie demokratisch gewählt wurden", sagte er. "Wenn wir sie an der Beteiligung an der Wahl gehindert hätten, wäre das nicht passiert."

Der Politikwissenschaftler Hanan Crystal geht nach Angaben der Nachrichtenagentur AP davon aus, dass der Hamas-Sieg das Hauptthema im israelischen Wahlkampf sein werde. Dies werde vor allem Likud nutzen. Denn Likud hatte gegen den von Scharon initiierten Abzugsplan aus dem Gaza-Streifen protestiert, wo die Hamas ihre Hochburg hat.

Netanjahu warnte, dass sich die palästinensische Autonomiebehörde in der Hand der Hamas zu einem radikalen islamischen Regime verändern werde. "Es ist gleichgültig, mit wie viel Makeup sie die Hamas schminken, sie wird sich nicht ändern", sagte der frühere Ministerpräsident. "Wir können keine Verständigung mit der Hamas herbeiführen, weil ihr Ziel die Zerstörung Israels ist."

Der frühere Geheimdienstoffizier Israel Hasson plädierte für Gespräche: "Sobald die Hamas mit uns spricht, ist sie nicht mehr die Hamas."

Der Kommentator der "Jerusalem Post" sah in der Abstimmung in Palästina zwar die "wahrscheinlich demokratischsten Wahlen in der arabischen Welt", beklagt jedoch zugleich, dass diese eine islamistische Regierung herbeigeführt haben. Doch auch in der Türkei sei die Wahl einer islamistischen Regierung zunächst schockierend gewesen, sie habe sich jedoch als harmloser als befürchtet erwiesen. Die türkische Regierung habe - auch um eines möglichen EU-Beitritts willen - viel getan, um nicht isoliert und von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert zu werden.

Die Zeitung führt Joram Meital ins Feld, den Vorsitzenden der Fakultät für nahöstliche Studien an der Universität Ben Gurion. "Man muss die Frage stellen, ob sich Hamas wie die Islamisten in der Türkei entwickeln wird und sein Programm den Wünschen der Bevölkerung anpassen wird", wird Meital zitiert. Er rechnet damit, dass der radikale, militärische Flügel der Hamas darauf bestehen werde, Krieg gegen Israel zu führen. Möglicherweise führe das jedoch dazu, dass die Radikalen die Hamas verlassen und sich dem Islamischen Dschihad anschließen werden. "Hamas wird der palästinensischen Öffentlichkeit beweisen wollen, dass sie keine Fanatiker sind und gemäßigt sein können", vermutet der Intellektuelle.



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