Zunehmende Kriminalität Ägyptens Sehnsucht nach dem starken Mann

Entführungen, Raub und Diebstahl: Die Kriminalitätsrate ist in Ägypten seit der Revolution in die Höhe geschossen. Ein entscheidender Faktor bei der ersten freien Präsidentschaftswahl - die Bürger wollen einen starken Mann an der Spitze, der für Sicherheit, Recht und Ordnung steht.

REUTERS

Aus Kairo berichtet


Das Kairoer Kleine-Leute-Stadtteil Suk al-Had war jahrzehntelang eine Art heile Welt. Kinder spielten bis spät in die Nacht auf dem festgestampften Sandboden der Gassen. In den unverputzten Apartmentblöcken, auf die nach jeder Hochzeit neue Geschosse für die jungen Familien aufgestockt wurden, lebten die Nachbarn so dicht aufeinander, dass es unmöglich war, Geheimnisse zu haben. An den Ecken schoben die Polizisten des Mubarak-Regimes Dienst.

Die berüchtigten Handlanger des Systems waren die einzigen, vor denen die Bewohner sich fürchten mussten. Die Polizeipräsenz schüchterte jeden ein, der sich gegen die Diktatur auflehnen wollte. Sie garantierte aber auch, dass es kaum Kriminalität im Viertel gab, dass Frauen nachts unbehelligt durch stockdunkle Gassen gehen konnten.

Doch das ist Geschichte: Seit dem Aufstand am Nil und dem Sturz des Dauerpräsidenten Hosni Mubarak vor nunmehr 15 Monaten hat Angst Einzug in Suk al-Had gehalten. Wo die Einwohner sich früher vor der Willkür der Sicherheitskräfte hüten mussten, ist es jetzt die Kriminalität, die ihnen das Leben schwer macht. "Unsere Frauen gehen abends nicht mehr vor die Tür, nach dem letzten Gebet bleiben sie zu Hause", sagt Yasser Mustafa, der mit seinem Bruder Mohammed in einer Seitenstraße eine kleine Polsterei betreibt.

Die Frauen fürchteten vor allem Handtaschendiebstähle durch Diebe, die auf Mopeds heranrasen, aber auch Fälle von sexueller Belästigung habe es schon gegeben. Selbst zu Hause fühlten sich viele Nachbarn nicht mehr sicher, sagt Mustafa und deutet auf das nächste Wohnhaus, an dem eine schwere Eisentür den Eintritt verwehrt. "Früher hatten die Häuser bei uns keine Türen zur Straße, jeder konnte einfach ins Treppenhaus hineingehen", sagt der 42-Jährige.

Die trügerische Sicherheit der Diktatur

Auf den Straßen Kairos kursieren heute zahllose Geschichten darüber, wie unsicher die Stadt geworden sei. Jeder Kairoer scheint jemanden zu kennen, dem Schlimmes widerfahren ist, sei es Diebstahl oder Raub. Die Tageszeitungen schüren die Angst, indem sie mit blutrünstigen Nacherzählungen der jüngsten Kindesentführung oder der letzten Vergewaltigung um Leser buhlen.

Nun ist die Lage am Nil bei weitem nicht so schlimm wie in Kriminalitätsmetropolen wie Rio de Janeiro oder dem Taschendieb-Paradies Barcelona. Vielmehr scheint es, dass sich die in Mubaraks Polizeistaat extrem niedrige Kriminalitätsrate derzeit bloß auf dem für eine 20-Millionen-Stadt international üblichen Niveau einpendelt.

Doch den an die trügerische Sicherheit einer Diktatur gewöhnten Ägyptern scheint Kairo plötzlich ein Sündenpfuhl zu sein, und das beeinflusst ihr Wahlverhalten: Bei der Auswahl ihres Kandidaten für die am Mittwoch begonnenen ersten freien Wahl eines Präsidenten gaben viele Ägypter Sicherheitsbedenken als das entscheidende Kriterium an. "Wirtschaft ist auch wichtig, aber ohne Sicherheit gibt es kein Geschäftsleben, Sicherheit kommt zuerst", sagt der Polsterer Mohammed Mustafa. "Wir wählen deshalb Amr Mussa. Er hat versprochen aufzuräumen, sollte er gewinnen." Der ehemalige Chef der Arabischen Liga habe die nötige Erfahrung, die staatlichen Sicherheitsstrukturen wiederherzustellen.

Die Polizei ist aus dem Straßenbild verschwunden

Das zentrale Problem in Sachen Sicherheit in Ägypten ist, dass die früher allgegenwärtige Polizei seit der Revolution fast völlig aus dem Straßenbild verschwunden ist.

  • Verschwörungstheoretiker wittern hinter dem Rückzug der Uniformierten in ihre Kasernen ein abgekartetes Spiel: Die Anhänger des alten Regimes, die nach wie vor mächtig und gut vernetzt seien, hätten den Abzug der Polizei angezettelt, um den Gangstern freie Hand zu geben und ein Klima der Unsicherheit zu schaffen. Wenn die Ägypter erst verstünden, dass die Abwesenheit der Diktatur nur Anarchie bringe, würden sie die Wiedereinsetzung der alten Elite fordern, so der angebliche Plan.
  • Wohlwollendere Beobachter sagen hingegen, dass die von den Ägyptern für die Toten der Revolution verantwortlich gemachten Schutzmänner sich aus Angst vor Racheakten kaum noch auf die Straße trauten. Das Volk und seine Polizei müssten sich aussöhnen, ein neues Vertrauensverhältnis müsse geschaffen werden. Dann werde die Polizei auch wieder ausrücken und die Kriminalität eindämmen.
  • Andere, vor allem Anhänger ultrakonservativer Islamistenparteien, suchen die Schuld für den Verfall der Sitten in der mangelnden Frömmigkeit ihrer Mitbürger. Islamistische Kandidaten wie Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern setzen im Falle eines Wahlsiegs deshalb auf den Koran als Mittel gegen die wachsende Kriminalität. Wenn die Polizei - in islamischer Moral geschult - zurück auf die Straßen ginge, würde sie die auf Abwege gekommenen Ägyptern schnell Mores lehren, so der Plan.
  • Anders die säkularen Kandidaten, sie wollen dem Verbrechen mit harter Hand begegnen. Ahmed Schafik, ein ehemaliger Luftwaffen-Offizier und Mubaraks letzter Regierungschef, hat angekündigt, nach seinem Wahlsieg die "Straßen Kairos in wenigen Stunden aufzuräumen". Die markigen Worte könnten Wirkung gezeigt haben: Trotz seiner Verbindungen zum alten System gilt Schafik als einer der Kandidaten, der es in eine mögliche Stichwahl Mitte Juni schaffen könnte.

Männer greifen zu Selbstjustiz

Bis ein neuer Staatschef für Ordnung sorgen kann, und das wird vermutlich erst nach einer Stichwahl am 16. und 17. Juni geschehen, behelfen sich die Ägypter so gut es geht eben selbst. Yasser und Mohammed Mustafa sind die Helden von Suk al-Had, seit sie vor einigen Monaten zwei Diebe schnappten, die das Moped des örtlichen Friseurs geklaut hatten. Der Coiffeur hatte den Schlüssel stecken lassen, "wie wir das vor der Revolution immer gemacht haben", sagt Mohammed. Per Telefonkette alarmierten die Brüder die Männer der Nachbarschaft, nach zwei Tagen fand einer das fragliche Moped und die Täter.

"Wir haben die Diebe hierher in unsere Polsterei gebracht und die Polizei gerufen", erzählt der 36-Jährige. Die wollte jedoch nicht kommen. "Seit der Revolution verstecken die sich in ihrer Wache." Also griffen die Männer des Viertels zu Selbstjustiz. "Wir haben sie ordentlich geohrfeigt und dann die Hunde auf sie losgelassen", sagt Yasser. Drei Schäferhunde bewachen die im Freien gelagerten Sofas und Sessel, an denen die Brüder arbeiten. "Unsere Hunde haben den beiden Tunichtguten in die Beine gebissen. Danach haben wir sie laufen lassen. Die waren genug gestraft."

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Whitejack 24.05.2012
1.
"Die Polizei, Dein Freund und Helfer" - vermutlich benötigt die Polizei dort ein entsprechendes neues Ethos. Solange die Sicherheitskräfte als Feinde angesehen werden (weil sie es ja auch lange waren), wird man mehr Schwierigkeiten haben als notwendig. Andererseits, der Artikel erwähnt zu Recht, dass die Metropolregion Kairo etwa 20 Millionen Menschen beherbergt. Da ist eine gewisse Kriminalitätsrate normal. In westlichen Städten sorgt man für ein Kriminalitätsgefälle, indem man unterschiedlich wohlhabende Stadtbereiche unterschiedlich scharf kontrolliert. Die Technik besteht darin, Kriminalität nur einzudämmen, d.h. auf die Ghetto-Viertel zu konzentrieren. Das funktioniert auch, hat aber ebenso seinen Preis. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass die gesamte Metropole, die teilweise bis zu 30 km lang ist, komplett von den Sicherheitskräften gesichert werden konnte. Da müssten ja Millionen Polizisten im Einsatz gewesen sein.
flaviussilva 24.05.2012
2. Wunsch nach einem starken Mann !
Zitat von sysopREUTERSEntführungen, Raub und Diebstahl: Die Kriminalitätsrate ist in Ägypten seit der Revolution in die Höhe geschossen. Ein entscheidender Faktor bei der ersten freien Präsidentschaftswahl - die Bürger wollen einen starken Mann an der Spitze, der für Sicherheit, Recht und Ordnung steht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834970,00.html
Warum hat man dann Mubarak verjagt ? Die Kopie kann nur schlechter sein !
MiniDragon 24.05.2012
3. Glück gehabt oder ?
Zitat von flaviussilvaWarum hat man dann Mubarak verjagt ? Die Kopie kann nur schlechter sein !
Öfter mal was Neues! Jedes Volk bekommt früher oder später die Regierung, die es sich verdient hat. Wir haben immerhin Merkel und Gauck: Pastorentochter und ehemaliger flexibler Pastor mit Freigang
hubertrudnick1 24.05.2012
4. Altes beseitigen
Zitat von sysopREUTERSEntführungen, Raub und Diebstahl: Die Kriminalitätsrate ist in Ägypten seit der Revolution in die Höhe geschossen. Ein entscheidender Faktor bei der ersten freien Präsidentschaftswahl - die Bürger wollen einen starken Mann an der Spitze, der für Sicherheit, Recht und Ordnung steht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834970,00.html
Altes zu beseitigen geht oft sehr schnell, wenn auch nur mit viel Leid verbunden ist, aber was danach kommt das weiß man nicht, es kann geschehen dass es noch viel schlimmer kommt, aber wer nichts wagt, der sollte dann auch nicht meckern. HR
tksuper 24.05.2012
5. Die Sehnsucht nach dem Kalifat.
Die Ägypter werden sich in einiger Zeit, noch mit Wehmut, an ihren "alten Diktator" Mubarak erinnern. Auch der Tourismus, wird schließlich durch die Kriminalität geschädigt, was Die, von den Touristen Lebenden, ebenfalls schwer schadet. Letztendlich ist der, eher durch die (imaginäre) Facebook Frühlingsrevolution entstandene, Europäische Freiheitsgedanke (hier in der Presse laut verkündet), für die muslimische Welt kaum von Bedeutung. Eine Umfrage der letzte Tage in Ägypten bestätigt den alten Wunsch der Muslime, Weltweit nach einem Kalifat. Die starke Hand, im Namen des Korans, der Umma und der Scharia. Alle hier in Deutschland, kolportierten Euroislam oder Islamdemokratischen Aspekte, sind schlicht und ergreifen Hirngespinste, der Multikulti Gutmenschen-Philosophen.
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