Nach jüngstem Raketentest In der Nordkorea-Falle

Nordkoreas erneuter Raketentest setzt Donald Trump unter Druck: Der US-Präsident und seine Berater suchen nach einer passenden Antwort. Planen die USA doch einen Präventivschlag?

Von , Washington


Es scheint, als habe "Harvey" über Nacht alle anderen Sorgen und Probleme von Donald Trump weggeblasen. Für ihn gibt es derzeit nur noch den Sturm. Seine Reise in das Krisengebiet ist das überragende Thema in den amerikanischen Nachrichtensendern, dazu laufen die Bilder von überschwemmten Straßen in Endlosschleife. Die Tragödie in Texas und Louisiana dominiert die Titelseiten der großen US-Zeitungen.

Doch die anderen Probleme sind nicht weg, schon gar nicht der drohende Großkonflikt mit Nordkorea. Der neue Raketentest des Regimes in Pjöngjang schreckt Amerikas Verbündete in Ostasien auf, vor allem Japan ist alarmiert. Das Geschoss überflog den Nordosten der Inselgruppe und landete dann im Pazifik. Trump und seine Berater müssen erkennen, dass ihre bisherige Taktik im Umgang mit dem kommunistischen Regime in Nordkorea wohl erst einmal krachend gescheitert ist.

"Feuer und Zorn" hatte Donald Trump dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un nach den letzten beiden Raketentests im Juli angedroht, sollte er es wagen, die USA oder ihre Verbündeten weiter zu provozieren oder sogar anzugreifen. "Dann werden ihnen Dinge widerfahren, die sie niemals für möglich gehalten hätten", wetterte Trump und das klang so, als wolle er Nordkorea mit Atomraketen dem Erdboden gleichmachen.

Dass anschließend zunächst keine neuen größeren Raketentests erfolgten, werteten Trump und seine Berater als gutes Zeichen. Sie fühlten sich darin bestätigt, dass man dem Gegner wohl mit lauten Drohungen beikommen könne. Nordkoreas Diktator habe seine Botschaft verstanden, prahlte Trump noch vorige Woche stolz vor Anhängern. "Ich glaube, er fängt an, uns zu respektieren."

Warum Japan die nordkoreanische Rakete nicht abgeschossen hat

Der neuerliche Test bringt Trump und die Militärs im Weißen Haus um Stabschef John Kelly und Sicherheitsberater H.R. McMaster nun in Verlegenheit. Zwar hat Kim wohlweislich keinen direkten Angriff gegen die USA oder einen Verbündeten gestartet, aber mit dem Raketentest über Japan demonstriert er, was er von Trumps Drohungen hält: nichts.

Besonders ärgerlich war der Raketentest für die USA auch deshalb, weil amerikanische Streitkräfte und japanische Truppen gerade erst ein 18-tägiges Manöver in der Region beendet hatten. Beide Armeen verfügen über Abwehrraketen, die andere Raketen abfangen könnten. Doch offenbar verzichtete man in diesem Fall darauf, einen Abschussversuch zu unternehmen - wohl auch, um die Peinlichkeit eines Fehltreffers zu vermeiden. Die nordkoreanische Rakete überflog Japan in sehr großer Höhe, was einen Abschuss nach Ansicht von Experten erheblich erschwert hätte.

Video zu Japans Reaktion: "Der Schock sitzt tief!"

REUTERS/ KCNA

Im Weißen Haus ist man entsprechend konsterniert: Nach dem Test dauert es fast zwölf Stunden, bis Trump eine dürre Erklärung verbreiten ließ, in der er Nordkoreas Verhalten verurteilte und betonte, "alle Optionen" gegen Nordkorea lägen auf dem Tisch. Auf Drängen der USA und Japans kam der Uno-Sicherheitsrat in New York zu einer vertraulichen Sondersitzung zusammen.

Szenarien für einen Präventivkrieg

Trump und seine Berater wissen nur zu genau, dass sie in einer Zwickmühle sitzen. Hinter verschlossenen Türen werden im Weißen Haus schon seit Wochen Szenarien für einen Präventivkrieg gegen Nordkorea durchgespielt. Doch sie kommen immer wieder zu demselben Ergebnis: Ein Militärschlag der USA gegen den Norden hätte unweigerlich einen Krieg zwischen Nord- und Südkorea zur Folge - mit verheerenden Auswirkungen vor allem für die Millionenmetropole Seoul, die fast unmittelbar an der Demarkationsgrenze zu Nordkorea liegt.

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Nordkoreas Rakete: Flug über Japan

Wollen sie keinen großen Krieg riskieren, bleiben Trump und Co. nur die Möglichkeit, weiterhin über Nordkoreas alte Verbündete China und Russland Druck auf Kim auszuüben. Russland zeigt bislang wenig Interesse daran, den Amerikanern in dem Konflikt zu helfen. China wiederum hat den Druck auf Nordkorea durch Einzelsanktionen bereits deutlich erhöht. Wie es aussieht, ist Peking gewillt, in dieser Frage weiter mit Washington zusammenzuarbeiten. China ist bislang einzige Atommacht in der Region. Es hat kein Interesse daran, dass in der unmittelbaren Nachbarschaft zwischen Nordkorea, Südkorea und Japan ein Wettrüsten einsetzt (mehr zu Nordkoreas Freunden und Feinden lesen Sie hier).

Der nächste Test für Trumps Geduld

Bleibt die Frage, wie lange Trump noch Lust hat, auf eine diplomatische Lösung zu setzen. Dass sein Bluff bislang nicht funktioniert hat, bedeutet bei diesem unberechenbaren Präsidenten nicht, dass er am Ende nicht doch bereit wäre, in einer Kurzschlusshandlung einen Präventivschlag anzuordnen - und sei es nur aus gekränkter Eitelkeit.

Der nächste Test für Trumps Geduld könnte schon unmittelbar bevorstehen: Am 9. September feiert Nordkorea mit viel Pomp den "Gründungstag" der Republik. Bei solchen Gelegenheiten demonstriert Kim gerne Stärke. Zum Beispiel mit einem Raketentest.

insgesamt 199 Beiträge
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ugt 30.08.2017
1. Planen
Planen setzt voraus, dass man sich Gedanken um eine Ma0nahme macht und dabei auch deren Folgen bedenkt. Das dürft der US Regierung sehr schwer fallen. Denn so ein Präventivschlag würde logischer Weise eine Reaktion der Russen und Chinesen auslösen.
Mittelalter 30.08.2017
2. Was ist so schwer daran, ....
... Kim's nächste Rakete nach dem Start vom Himmel zu putzen? Das ist das einzig an alle Seiten wirksame Signal. Der Rest ist albernes Gerede.
fredderfarmer 30.08.2017
3. Kurszschlusshandlung?
Zu welchem Zeitpunkt wäre ein Präventivschlag denn keine Kurzsschlusshandlung mehr!?
jaspertk 30.08.2017
4. Um es mit Goethe zu sagen:
Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Oder: "In die Ecke, Besen, Besen!" Wenn es nur so einfach wäre. Denken vor handeln ... aber das ist DT' Schwäche!
annetteseliger 30.08.2017
5. Warum schreiben Sie nicht einfach was Sache ist Herr Nelles
Südkorea und die U.S.A. haben vor der Haustür der Nordkoreaner eine Militärübung abgehalten. Die Reaktion darauf war die Rakete der Nordkoreaner. Aktion erzeugt Reaktion. Das ist ein altes physikalisches Gesetz. Sie sollten die Leserschaft einfach besser und objektiver informieren. Wie wäre es denn die Nordkoreaner einfach zu ignorieren? Die Nordkoreaner können doch in kein fremdes Land einmarschieren. Was sollten die denn da auch wollen? Wir sollten doch aus Afghanistan gelernt haben. Über 15 Jahre sind die Alliierten in dem Land und haben es bis heute nicht befriedet, geschweige denn demokratische Strukturen aufgebaut. Die Leute dort leben halt lieber traditionell in Stämmen zusammen. Die sollen sich doch einfach einmal alle gemeinsam an einen Tisch zu setzen und über Sache sprechen. Es gibt immer eine Lösung ausser Krieg.
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