Nach Sarkawis Tod Al-Qaida weist Verratsvorwurf zurück

Der Tod Abu Mussab al-Sarkawis: Nichts als ein Glückstreffer der US-Luftwaffe. So jedenfalls stellt es die irakische al-Qaida in einem neuen Kommunique dar. Beim Ausschalten des Terrorchefs habe Verrat ebenso wenig eine Rolle gespielt wie westliche Geheimdienste.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Fast täglich melden sich die irakische Qaida-Filiale und das von ihr dominierte "Ratgebegremium der Mudschahidin" derzeit zu Wort. Seit ihr Anführer Abu Mussab al-Sarkawi am vergangenen Donnerstag bei einem US-Luftangriff nahe Baakuba ums Leben kam, läuft ein paralleler Prozess von Legendenbildung und Machtkampf ab. Heute betonten die Terroristen, die USA hätten bei Sarkawis Tod nichts als schieres Glück gehabt.

Todesort al-Sarkawis: War der Leibwächter als erster vor Ort?
DPA

Todesort al-Sarkawis: War der Leibwächter als erster vor Ort?

"Wenn nämlich die Kreuzfahrer vorher wussten, dass der Scheich in der Nähe sein würde, wieso haben sie die Gegend dann nicht belagert und ihn verhaftet?", heißt es in dem Dokument, das die "Informationsabteilung" des "Ratgebergremiums der Mudschahidin" heute veröffentlichte und das SPIEGEL ONLINE vorliegt. "Die Kreuzfahrer wussten gar nichts von seiner Anwesenheit des Scheichs und waren sehr überrascht", behaupten die Dschihadisten. Diese Behauptung ist ein Versuch, Unterstellungen der US-Armee zu kontern, denen zu Folge der Terrorchef von seinen eigenen Leuten verraten wurde.

Als "eine weitere große Lüge" bezeichnen die Terroristen die Behauptung, dass die irakische Polizei als erstes am Ort des Geschehens angelangt sei. Einer der persönlichen Leibwächters des Qaida-Anführers sei nämlich in der Nähe, gerade außerhalb des Hauses, gewesen. Nach dem Bombeneinschlag habe er den Leichnam al-Sarkawis unter den Trümmern gefunden, dieser sei "entspannt" gewesen. Damit greifen die Verfasser des Kommuniques einen islamischen Topos auf, dem zu Folge Märtyrer stets mit einem Lächeln aus dem Leben scheiden. Erst nach dem Abzug des Leibwächters seien die "Kreuzfahrer" gekommen.

Irakisch oder panislamistisch?

Die Details von al-Sarkawis Tod sind noch unklar. Einer Autopsie der US-Armee zu Folge starb er etwa eine Stunde nach den Luftschlägen an einer Lungenverletzung. Zeitweise hatten Gerüchte kursiert, er sei zu Tode getreten worden, aber die USA erklärten, sie hätten dafür keine Hinweise. Die irakische al-Qaida hat den Tod al-Sarkawi zu keinem Zeitpunkt bestritten, sondern bereits nach wenigen Stunden bestätigt. Die heutige Erklärung ist aber die erste, in der versucht wird, den Tathergang zu rekapitulieren. Dass es dabei auch darum geht, die Legende al-Sarkawis zu pflegen und sich vom Verratsverdacht frei zu sprechen, ist klar.

Zu einem gewissen Grad dürften die zahlreichen Kommuniques aus dem Irak auch der Herstellung einer Hackordnung zwischen den Stellvertretern und potenziellen Nachfolgern al-Sarkawis dienen. Erst gestern hatte al-Qaida im Irak den vollkommen unbekannten "Abu Hamza al-Muhadschir" zum offiziellen Nachfolger ausgerufen; doch ob dieser den Kämpfern vor Ort überhaupt ein Begriff und bei ihnen beliebt ist, blieb ebenso offen wie al-Muhadschirs biografischer Hintergrund.

Mit der irakischen al-Qaida und dem "Beratergremium" äußern sich derzeit zudem gleich zwei Organisationen zu Konsequenzen aus dem Ableben al-Sarkawis. Noch ist also nicht ganz klar, ob die zuvor von al-Sarkawi zusammen gehaltenen Dschihadisten künftig mit einer oder mehreren Stimmen sprechen werden.

Das "Ratgebergremium", eine Art Terrordachverband von sechs Gruppen unter Führung der al-Qaida, wurde erst vor wenigen Monaten gegründet und wird von einem Iraker geführt. Das "Gremium" war der Versuch al-Sarqawis, sein Image aufzupolieren, indem er sich mehr als Iraker gerierte. Die irakische al-Qaida dagegen ist, ganz im Sinne des internationalen Dschihads von Osama Bin Laden, prinzipiell eher internationalistisch eingestellt. Auch al-Sarqawi war nie auf den Irak allein fixiert. Deshalb ist es möglich, dass die Diadochenkämpfe hinter den Kulissen auch um die Frage kreisen, wie irakisch oder panislamistisch das Engagement des Sarkawi-Netzwerks künftig sein soll.



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