Nachkriegsordnung Angst vor den Schiiten

Die Alliierten hatten auf Aufstände in der schiitisch dominierten Zivilbevölkerung des Irak gehofft. Doch die trauen nach Jahrzehnten der Unterdrückung niemandem mehr und planen für sich selbst. Das lässt nichts Gutes ahnen für eine Nachkriegsordnung.


Irak: Gefechte um Basra
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Irak: Gefechte um Basra

Berlin - Die US-Soldaten im Süden des Irak reiben sich nicht nur wegen des Wüstensandes die Augen. Einen freundlichen Empfang durch die Zivilbevölkerung hatte man dort erwartet, gerne auch einen umfassenden Aufstand der Menschen gegen Saddams Kämpfer. Doch der Kampf um die Städte auf dem Weg nach Bagdad gestaltet sich schwierig und Meldungen von revoltierenden Zivilisten gegen Saddams Soldaten sind nur vereinzelt zu hören.

Das kann zum einen daran liegen, dass Saddams Unterdrückungsapparat immer noch funktioniert. Nach Angaben der Oppositionsgruppe Sciri, die irakische Schiiten vertritt und im Iran ihren Sitz hat, sind in Basra sieben Mitglieder der regierenden Baath-Partei hingerichtet worden, weil sie ihren militärischen Pflichten angeblich nicht ausreichend nachgekommen seien. Der Befehl zu den Exekutionen sei von Saddams Cousin, Hassan Ali al-Madschid, erteilt worden. Er ist Saddams Militärführer im Süden und den Menschen in brutalster Erinnerung. Er hatte bereits 1988 den Chemiewaffen-Angriff auf die Kurdenstadt Halabdscha befohlen und den Aufstand der irakischen Schiiten gegen Saddam im Golfkrieg 1991 niedergemetzelt.

Schiiten als Opfer

Doch so gerne die unterdrückte schiitische Mehrheit im Irak Saddam loswerden wollen, so sehr mißtrauen sie den USA. Von George Bush senior fühlten sie sich 1991 im Stich gelassen, nachdem er sie zum Aufstand anstachelte und dann tatenlos zusah, wie Saddams Republikanische Garde rund 100.000 Rebellen ermordete. Die größte schiitische Oppositionsgruppe im Irak hat bereits angekündigt, nach dem Sturz von Saddam Hussein eine amerikanische Besatzungsmacht zu bekämpfen. "Die Kräfte der Koalition sind uns so lange willkommen, so lange sie dem Volk helfen, die Diktatur von Saddam Hussein zu beenden. Falls sie unser Land besetzen oder kolonialisieren wollen, werden sich die Iraker wehren", sagte der Führer der Gruppierung Oberster Rat für die Islamische Revolution in Irak, Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, in Teheran.

Unterdrückte Mehrheit: Schiitin in Kerbala
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Unterdrückte Mehrheit: Schiitin in Kerbala

Hakim bekräftigte, dass sich der Widerstand in diesem Fall auch in Waffengewalt zeigen werde. Ihm zufolge traf seine Gruppierung jüngst mit anderen Oppositionsgruppen zusammen. Man sei übereingekommen, dass eine künftige irakische Regierung alle ethnischen und religiösen Gruppen Iraks umfassen müsse und alle anderen Vorgaben von außen zurückweisen werde. Er kündigte zudem an, die Verträge der jetzigen Regierung zur Ölförderung und Öllieferungen zu annullieren, falls dies im Interesse des irakischen Volkes liege. Töne, die die USA nicht gerne hören. Ende Januar hatte al-Hakim gar noch angekündigt, "Gottes Herrschaft auf Erden" errichten zu wollen. Seine Organisation ist die stärkste oppositionelle Kraft im mehrheitlich von schiitischen Muslimen bewohnten Südirak.

Das sind Ankündigungen, die nicht nur den USA, sondern auch einigen arabischen Nachbarn Probleme bereiten. Kurz vor Beginn des Irak-Krieges warnte der ägyptische Präsident Husni Mubarak vor der Machtübernahme durch die irakischen Schiiten. Die arabische Welt, die sich mehrheitlich zum sunnitischen Islam bekennt, verbindet mit dem Schiitentum eine religiöse Tradition, die im Iran dominiert. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist alt. Im Streit um die Nachfolge Mohammeds trennten sich im 7. Jahrhundert die Schiiten von den Sunniten. Die Sunniten, die 90 Prozent der Muslime ausmachen, erkennen als Nachfolger des Propheten auch ernannte oder gewählte Führer an. Die Schiiten dagegen folgen dem Erbprinzip. Sie folgen der "Schia", "Anhänger Ali Bin Abi Talibs". Ali war der Schwiegersohn Mohammeds und für die Schiiten damit der rechtmäßige Nachfolger des Propheten. Die iranische Revolution und die Machtübernahme durch den Ayatollah und die Schiiten schreckten die westliche Welt auf.

Die arabischen Machthaber fürchten nun, dass der schiitische Iran mit irakischen Schiiten als Brückenkopf in Mesopotamien seinen Einfluss auf die Golfregion ausweiten könnte. Dort nämlich sind große schiitische Minderheiten beheimatet; im Irak stellen sie sogar die absolute Mehrheit der Bevölkerung, sind aber bisher nicht an der Macht beteiligt.

Stirnrunzeln in der arabischen Welt

Die arabischen Führer, die USA und Europa stützten genau deshalb in den 80er Jahren die Diktatur Saddams und seinen Krieg gegen den schiitischen Iran. Sie nahmen den sunnitischen Militärdiktator in Kauf, um die Übernahme der Macht durch die irakischen Schiiten zu verhindern und den Einfluss Irans einzudämmen. Das Bild eines neuen Irak, in dem den Schiiten und den Kurden eine stärkere politische Bedeutung zukommt, erschreckt einige Herrscher am Golf und in der Türkei. Doch die werden nach Jahrzehnten der Unterdrückung genau darauf pochen.

Sollten die Forderungen der Kurden nach größerer Autonomie erfüllt werden, fürchten die Türkei, Iran und Syrien eine Vorbildwirkung für die kurdischen Minderheiten in ihren Ländern. Auch ein Machtgewinn der Schiiten würde außerhalb Irans mit Skepsis beobachtet. Nur zehn Prozent der 1,2 Milliarden Muslime weltweit sind Schiiten - aber ihr Einfluss würde ungleich stärker wachsen.

Zersplitterung und Rachefeldzüge

Der Kampf um die Macht in einer Nachkriegsregierung und Rachefeldzüge sieht der Oppositionspolitiker Hamid al-Bajati als die größte Bedrohung für einen Demokratisierungsprozess im Irak. Die Versöhnung zwischen Schiiten und Sunniten ist eine der herausragenden Anforderungen an eine künftige Regierung - und fast aussichtslos. Ebenso wird erwartet, dass politische Gruppierungen wieder auferstehen, die mit dem Regime Saddam Husseins verschwanden, darunter kommunistische, liberale und eben auch islamische Parteien. Doch die Schiiten betrachten sich bereits jetzt als die natürlichen Erben des Irak. Eine schiitische Oppositionsgruppe hat die irakischen Soldaten aufgerufen, ihre Waffen niederzulegen. Andernfalls würden die Soldaten nach der Befreiung des Landes vor Gericht gestellt werden, drohte der Führer des Hohen Rates für die islamische Revolution im Irak, Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, aus seinem Teheraner Exil - ganz so als sei er schon der neue Herrscher.

Nun kämpfen Bushs und Blairs Truppen auf dem Weg nach Bagdad vor Nadschaf und Kerbala. Nadschaf ist die "Stadt des Wissens", sie beherbergt die Grabstätte Alis, und damit eines der größten Heiligtümer der Schiiten. In Kerbala liegt Alis Sohn Hussein begraben, von den Schiiten als "Prinz der Märtyrer" verehrt. Der Sprecher der schiitischen Oppositionsgruppe erklärte bereits, die schiitische Opposition werde nicht an der Seite der Briten und Amerikaner kämpfen. Die Standpunkte lägen zu weit auseinander. Das ist nur ein Vorgeschmack darauf, was noch kommen könnte: Nach dem Irak-Krieg ist vor dem Irak-Konflikt.

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