Nachkriegsordnung im Irak Amerikas Angst vor den Ajatollahs

Ironie der Geschichte: Vor gut 20 Jahren machten die USA Saddam Hussein stark, um am Golf ein Bollwerk gegen den iranischen Gottesstaat des Ajatollah Chomeini zu schaffen. Dann führten sie zwei Kriege, jagten den Diktator aus dem Amt und besetzten den Irak. Nun erst, so scheint es, müssen sie den Einfluss von Chomeinis Erben wirklich fürchten.

Washington/London - Es sei absurd, dass die USA sein Land beschuldigten, sich in die inneren Angelegenheiten eines Staates einzumischen, in den sie selbst gerade einmarschiert seien, sagte der iranische Außenminister Kamal Charrasi am Donnerstag in Teheran. "Schiiten stellen natürlich die Mehrheit im Irak, aber wir bestehen nicht auf Schiiten", sagte er. "Wir machen keinen Unterschied zwischen Schiiten, Sunniten, Turkmenen und Arabern, und jeder sollte seine Rolle in einem demokratischen Irak spielen."

Als Beispiel für Teherans Verhalten nannte der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, Berichte, wonach iranische Agenten im Irak versuchten, die Schiiten im Süden des Landes zu beeinflussen. Das US-Zentralkommando gab bekannt, dass Marineinfanteristen bereits am Montag mit der Überwachung der Grenze zu Iran im Nordosten des Irak begannen.

Irakische schiitische Geistliche haben die Errichtung eines islamischen Staates im Irak gefordert, wie er im Nachbarland Iran besteht. Die Anhänger der schiitischen Religionsgelehrten haben inoffiziell bereits vereinzelt staatliche Funktionen übernommen. Der von ihnen organisierte reibungslose Ablauf der religiösen Zeremonien in Kerbela diese Woche beweise, dass die Iraker sehr wohl in der Lage seien, ihre Angelegenheiten ohne die Amerikaner zu regeln, zitierte ein Radiosender aus dem Iran Abd al-Asis al-Hakim, den Sprecher des vom Iran unterstützten Hohen Rates für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI).

US-Soldaten waren in der Umgebung der südlich von Bagdad gelegenen Stadt nicht zu sehen gewesen. Die schiitischen Geistlichen haben inzwischen auch die Rückgabe eines Teils der Güter organisiert, die von Plünderern seit dem Einmarsch der Amerikaner aus öffentlichen Gebäuden, Krankenhäusern, Privathäusern und Geschäften gestohlen worden waren. Außerdem haben sie die Verteilung von Nahrungsmitteln an besonders Bedürftige gestartet.

Offiziell zeigen sich die Amerikaner nicht beunruhigt über die erstarkte Rolle der religiösen Schiiten. Doch die Vorwürfe gegen Iran zeugen von einer gewissen Unruhe. Die "Washington Post" zitierte hohe Beamte, denen zufolge die US-Regierung den Organisationsstand der Schiiten unterschätzt habe und nicht darauf vorbereitet sei, den Aufstieg einer islamischen, anti-amerikanischen Regierung in Bagdad zu verhindern.

Der US-Zivilverwalter für den Irak, Jay Garner, sieht dagegen lediglich Übergangsprobleme. Die meisten Schiiten seien über die Anwesenheit der US-Truppen froh. "Vor einem Monat hätten sie nicht demonstrieren können, und Demonstrationen gehören zur Demokratie."

Der Kommandeur der US-Bodentruppen im Irak, Generalleutnant David McKiernan, meint, die unter Saddam Hussein unterdrückten Schiiten und die bisher bestimmende Sunniten-Minderheit kämpften um die Regierungskontrolle. "Wir sind in einer Übergangsperiode mit mehreren konkurrierenden Interessen." Derzeit seien aber auch die von Iran beeinflussten Schiiten keine offene Bedrohung für die Koalitionsstreitkräfte, "doch wir beobachten alle diese widerstreitenden Interessen." Die USA wollten im Irak eine Demokratie, in der alle Religionen eine Stimme hätten und nicht nur eine dominiere. Dafür sei Iran ein abschreckendes Beispiel.

Am Rande des größten Festes schiitischer Pilger seit 25 Jahren in der zentralirakischen Stadt Kerbela hatten Demonstranten den Abzug der amerikanischen und britischen Truppen gefordert. "Tod Amerika" und "Tod Israel" skandierten sie.

Die SCIRI rief dagegen zur Mäßigung auf. "Wir sind gegen die Besatzung, aber wir möchten keine Kämpfe", sagte Abd al-Asis al-Hakim dem arabischen TV-Sender al-Dschasira. Der bewaffnete Kampf liege nicht im Interesse der Iraker. Er spricht sich für Wahlen aus. Als deren Ergebnis sieht er ein islamisches System voraus, für das die schiitische Mehrheit am Ende votieren werde. Rund 60 Prozent der Iraker sind Schiiten.

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