Begnadigte Ukrainerin Sawtschenko Im Kampfmodus

Die ukrainische Soldatin Nadija Sawtschenko ist nach zwei Jahren in russischen Gefängnissen zurück in Kiew. Der Empfang ist triumphal, Politiker zerren sie ins Rampenlicht. Nun steht sie vor einer neuen Karriere.

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Von , Moskau


Am Ende ging es ganz schnell. Der Austausch der in Russland inhaftierten ukrainischen Soldatin Nadija Sawtschenko gegen zwei in der Ukraine verurteilte russische Soldaten überraschte selbst den Mann, der seit Monaten genau dafür gekämpft hatte: Sawtschenkos Moskauer Anwalt Mark Feigin. Er erfuhr erst aus den Medien, dass aus Kiew ein Flugzeug unterwegs war, um seine Mandantin zurück in ihre Heimat zu bringen.

"Niemand war informiert, das war eine Geheimoperation", sagte Feigin SPIEGEL ONLINE, bevor er in der russischen Hauptstadt ein Flugzeug nach Kiew bestieg. Am Donnerstag will er dort mit Sawtschenko zusammenkommen - das erste Treffen mit seiner Mandantin in Freiheit.

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Nadija Sawtschenko: Rückkehr einer Symbolfigur

Feigin, der auch mal Pussy Riot vertrat, hat über Monate auf einen Austausch hingearbeitet. Die ganze Strategie der Verteidigung während des Gerichtsverfahrens war darauf ausgerichtet. "Wir können nicht gewinnen", hat Feigin schon Anfang des Jahres erkannt.

Tatsächlich wurde Sawtschenko im April zu 22 Jahren Haft verurteilt, obwohl sich die Anklage in Widersprüche verstrickt hatte. Die russischen Richter sahen es allerdings als erwiesen an, dass Sawtschenko gezielt Artilleriefeuer auf ein TV-Team des russischen Staatsfernsehens in der Ostukraine gelenkt habe.

Weil die juristische Auseinandersetzung aussichtslos erschien, hatte Feigin schon im vergangenen Jahr die Kampagne #FreeSavchenko ins Leben gerufen.

Druck auf Russland zeigt Wirkung

US-Diplomaten und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini setzten sich für die Ukrainerin ein, erhöhten den Druck auf den Kreml. Medien begannen, ein Bild von Sawtschenko als unbeugsamer Vorkämpferin für Freiheit und Demokratie zu zeichnen. Das EU-Parlament nominierte die Armeeangehörige 2015 für den Sacharow-Preis, mit dem Menschenrechte und Meinungsfreiheit ausgezeichnet werden.

Am Ende waren die Aufmerksamkeit und der internationale Druck auf Moskau in dem Fall so groß, dass der Kreml in einen Austausch einwilligte: Sawtschenko, von russischen Medien als brutale "Tötungsmaschine mit Rock" tituliert, gegen die Russen Jewgenij Jerofejew und Alexander Alexandrow. Die beiden Soldaten waren Kiews Einheiten in der Ostukraine ins Netz gegangen. Russlands Verteidigungsministerium beteuert, die beiden hätten zuvor den Dienst quittiert.

Das russische Staatsfernsehen veröffentlichte einen Videoschnipsel von der Ankunft der beiden in Moskau: Sie schlossen am Flughafen glücklich ihre Frauen in die Arme, dann wurden sie wieder von der Öffentlichkeit abgeschirmt.

"Ich hasse Blumen"

Details über das genaue Zustandekommen des Austauschs sind bislang nicht bekannt geworden. Nach Angaben aus Russland sollen es ausgerechnet die Verwandten der getöteten Reporter gewesen sein, die bei Putin um eine Begnadigung der Ukrainerin ersucht hätten.

Der Kreml veröffentlichte am Mittwoch ein Video von einem Treffen des russischen Präsidenten mit einer Witwe und einer Schwester der ums Leben gekommenen TV-Journalisten. Wladimir Putin dankte beiden für den Schritt. Er hoffe jetzt auf eine "Verringerung der Konfrontation" in der Ostukraine. Eine der Frauen nickte schüchtern, die andere starrte auf die Tischplatte vor sich.

Auch Kiew nutzt den Gefangenenaustausch für politische Inszenierungen. Präsident Poroschenko eilte mit Sawtschenko in Kiew vor die Presse. Die Freigelassene wirkte psychisch angeschlagen. "Weg mit den Blumen! Ich hasse Blumen", blaffte sie Frauen an, die sie am Flughafen begrüßen wollten.

Für Poroschenko aber war die Gelegenheit günstig. Auf den Tag genau vor zwei Jahren wurde er von den Ukrainern gewählt, seitdem sind seine Umfragewerte aber drastisch gesunken, weil Reformen nur schleppend vorankommen und sich der Präsident alter Seilschaften bedient. Sawtschenko soll ihm nun helfen, in der Gunst der Wähler wieder Boden gutzumachen. Poroschenko verkündete siegesgewiss, nun werde man "auch die Krim und den Donbass zurückholen, so wie wir Nadija zurückgeholt haben".

Treffen mit Tymoschenko

Auch Julija Tymoschenko - bis Februar noch Teil der Regierungslagers, inzwischen in der Opposition - passte Sawtschenko bereits am Flughafen ab.

Es war ein Zusammentreffen der merkwürdigeren Art: Tymoschenko trug ein edles Kostüm, hochhackige Schuhe und das lange blonde Haar adrett gekämmt.

Sawtschenko dagegen trug einen strubbeligen Kurzhaarschnitt, lief barfuß und im T-Shirt und wies auch den Blumenstrauß zurück, den Tymoschenko ihr mitgebracht hatte. Sie wirkte aufgekratzt und so kampfeslustig, als wäre sie nie gefangen genommen worden, sondern noch immer als Kämpferin ihres Freiwilligenbataillons in der Ostukraine im Einsatz: "Ich bin bereit, mein Leben auf dem Feld zu opfern", rief sie. Und: "Ich diene dem ukrainischen Volk."

Mit ähnlichen Äußerungen während ihrer Haft hat Sawtschenko die Sympathien vieler Ukrainer erobert. Sawtschenko hat sogar schon einen Sitz im Parlament, seit Tymoschenkos Partei sie bei den Parlamentswahlen auf Platz 1 der Wahlliste setzte. Das war eigentlich nur als PR-Gag der #FreeSavchenko-Kampagne gedacht. Sawtschenko selbst scheint das aber durchaus ernst zu nehmen. Wenn das Parlament in der kommenden Woche wieder tagt, will sie an den Sitzungen teilnehmen.

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