Nahost Chaos nach Räumung des Gaza-Streifens

Die palästinensische Polizei bekommt das Chaos im von Israel geräumten Gaza-Streifen nicht in den Griff. Palästinenser plündern weiterhin die ehemaligen jüdischen Siedlungen. Auch an der Grenze zu Ägypten kommt es zu turbulenten Szenen.


Rafah - Die chaotischen Zustände im Gazastreifen haben auch am zweiten Tag nach dem israelischen Abzug angehalten. In den geräumten jüdischen Siedlungen ließen sich Plünderer selbst von der Polizei nicht von ihren Beutezügen abschrecken. Ebenso drangen hunderte Palästinenser abermals nach Ägypten vor. Ägyptische und palästinensische Sicherheitskräfte kündigten die Schließung der Grenze für Mittwochabend an. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas erklärte, er werde das Chaos umgehend beenden. Gestern sagte Abbas der italienischen Zeitung "Corriere della Sera", er werde die radikale Hamas-Bewegung nicht entwaffnen. Dies wäre ein "unnützer Schritt", der einen Bürgerkrieg auslösen könnte.

Israel äußerte sich besorgt, dass angesichts des unkontrollierten Grenzverkehrs Terroristen und Waffen in den Gazastreifen eingeschmuggelt werden könnten. Außenamtsberater Salman Schoval kritisierte die ägyptischen Grenzsoldaten für ihr fehlendes Einschreiten. Ägypten begründete dies erneut mit dem humanitären Argument der temporären Familienzusammenführung. Viele Grenzgänger deckten sich mit Lebensmitteln, Zigaretten und Gebrauchsgütern ein, die in Ägypten billiger sind als im Gaza-Streifen.

Der palästinensische Kommandeur für den südlichen Gaza-Streifen, Dschamal Kaed, erklärte, bis Mittwochabend würden Straßensperren errichtet, um Autos die Überfahrt unmöglich zu machen. Ferner würde ein Loch im Grenzzaun wieder geschlossen. Beobachter hielten es allerdings für schwierig, dass es den Sicherheitskräften gelingen werde, alle Schlupflöcher entlang der Grenze kurzfristig zu schließen.

Abbas warnte in einer Fernsehansprache vor einer weiteren Missachtung von Recht und Ordnung. Von Mittwoch an würden die Sicherheitskräfte mit aller Härte gegen Gesetzesbrecher vorgehen, warnte der Präsident. Zugleich kündigte er Maßnahmen zum Wiederaufbau des Autonomiegebiets an. So sollen mehr als 4000 neue Wohneinheiten geschaffen, Straßen repariert und Hafenanlagen errichtet werden.

In der Siedlung Neve Dekalim feuerten palästinensische Polizisten zeitweise in die Luft, um Plünderern Einhalt zu gebieten und die weitere Zerstörung von Synagogen zu verhindern. Die Schüsse wurden von bewaffneten Kämpfern der regierenden Fatah-Bewegung erwidert. Verletzt wurde niemand. Im Flüchtlingslager Dschebalija organisierte die Hamas eine Siegesparade, bei der sie auch ihre Waffen präsentierte.

Sorge um zurückgelassene Gewächshäuser

Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei rief die Menge bei einem Besuch in Neve Dekalim auf, wenigsten die von den Siedlern zurückgelassenen Gewächshäuser zu erhalten: "Niemand sollte etwas beschädigen, was für unser Volk brauchbar sein kann." Die Autonomiebehörde hofft, die bis zu 4000 technisch gut ausgestatteten Treibhäuser für die einheimische Agrarwirtschaft nutzen zu können. In der benachbarten Siedlung Gadid wurden daraus dennoch Plastikfolien, Schläuche und andere Einzelteile entwendet. Nach Neve Dekalim durften heute keine Autos mehr fahren, die Polizei sperrte außerdem die Synagoge ab, die gestern in Brand gesetzt worden war. Doch vor den Augen der Beamten tauschten Plünderer in einem regen Handel ihre erbeuteten Gegenstände untereinander aus.

Israel hat gestern seine letzten Soldaten aus dem Gaza-Streifen abgezogen. Die Palästinenser feierten das Ende der 38 Jahre dauernden Besatzung mit chaotischen Freudenfesten. Die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung gilt als Test für die Fähigkeit der Autonomiebehörde, einen eigenen palästinensischen Staat zu führen.

Von Mariam Fam, AP



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