Nahost-Experte "Kein Schurkenstaat kann sich mehr sicher sein"

Haben die Amerikaner nach ihrem Sieg im Irak schon den nächsten Gegner im Visier? SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Nahost-Experten Henner Fürtig vom Deutschen Orient-Institut über künftige Gefahrenpotenziale im Nahen Osten.

SPIEGEL ONLINE:

Im Windschatten der Alliierten sind kurdische Kämpfer in die nordirakische Stadt Kirkuk eingedrungen. Die Türkei befürchtet einmal mehr die Gründung eines kurdischen Staates, der sich auch über die Landesgrenzen hinaus ausdehnen würde. Werden die Türken sich das gefallen lassen?


Fürtig: Nein. Dabei ist der Vorstoß der Kurden nach Kirkuk verständlich, weil es die Hauptstadt eines kurdischen autonomen Gebietes innerhalb des irakischen Staates werden soll. Kompliziert wird die Lage aber vor allem dadurch, dass US-Außenminister Colin Powell den Türken offenbar doch zugestanden hat, dass sie bei der weiteren Zukunft der Kurden im Nordirak konsultiert werden und dass Ankara eigene Militärbeobachter dorthin schicken kann. Die Türken können also auf die zukünftigen Entwicklungen Einfluss nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Neben dem Irak zählt Bush auch Iran und Nordkorea zur Achse des Bösen. Auch Syrien wird gedroht. Werden sich die Amerikaner schon bald ein neues Angriffsziel suchen?

Fürtig: Nach dem Exempel, das die USA im Irak statuiert haben, kann sich keiner dieser so genannten Schurkenstaaten mehr sicher sein, dass die Amerikaner, unter welchem Anlass auch immer, nicht auch einen Krieg gegen sie führen werden. Durch den Irak-Feldzug ist ein Damm gebrochen und ein Präzedenzfall geschaffen worden. Davor haben die Führer dieser Staaten natürlich große Angst.

SPIEGEL ONLINE: Werden Syrien und Iran zu Recht als Unterstützer des Terrors gebrandmarkt?

Fürtig: Auch bei diesen Staaten sind, wie schon beim Irak, die Beweise sehr, sehr dürftig - vor allem, was Syrien betrifft. Der Einfluss von Damaskus auf den Libanon und die Hisbollah ist allerdings kein Geheimnis. Nur, die Vorwürfe von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Syrien liefere dem Irak Waffen, hat ja sogar der US-Militärsprecher vor Ort in Doha bestritten.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollen die Amerikaner ja den weltweiten Terrorismus bekämpfen. Al-Qaida-Kämpfer verstecken sich aber auch im Jemen, im Sudan, in Tadschikistan und anderswo. Müssen all diese Länder bei der Jagd nach Osama Bin Laden mit einem Angriff rechnen?

Fürtig: Sie müssen mit Ärger rechnen. Die Amerikaner werden aber wohl nicht in schöner Regelmäßigkeit diese Länder angreifen. In Zukunft wird es womöglich gar nicht mehr in erster Linie darum gehen, al-Qaida zu bekämpfen. Die neue Lage im Irak wird schon für genug Beschäftigung sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Fürtig: Ob bei der Neuordnung des Irak die Übergabe der Regierungsgewalt an Einheimische und an zurückkehrende Exil-Iraker so problemlos vonstatten geht, wie es sich Washington vorstellt, ist fraglich. Wenn das zu großen Konflikten führt, könnte der Irak zu einem größeren Problem werden als es Afghanistan je war. Dann spielt die Bekämpfung von al-Qaida nur noch eine untergeordnete Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Ist es der richtige Weg, all diesen Staaten die Demokratie westlicher Ausrichtung verordnen zu wollen?

Fürtig: Die Menschen, an die er sich wendet, nehmen George W. Bush seine Visionen und Sprüche nicht ab, solange er sich nicht mit gleichem Nachdruck für das demokratische Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser einsetzt. Bush muss sich an Taten, nicht an Worten messen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird der künftige Umgang der USA zum Beispiel mit Saudi-Arabien und Ägypten sein? Dort steht pro-amerikanischen Regierungen ein anti-amerikanisches Volk gegenüber?

Fürtig: Beide sind gefährdet, wenn auch in unterschiedlichem Maße. In Ägypten gab es gewaltige Demonstrationen, die Regierung hat aber die Kontrolle behalten. Es scheint, als wollte Präsident Mubarak den Amerikanern signalisieren: 'Wir haben das unter Kontrolle, und überlegt euch, ob ihr wirklich eine andere Regierung wollt, denn das könnte sich eurer Kontrolle entziehen.'

SPIEGEL ONLINE: Profitiert Israel von der "Aufräumaktion" oder fokussieren die Araber ihren Hass gegen alles Westliche oder Nicht-Muslimische nun noch mehr auf den Judenstaat?

Fürtig: Die Verbindungen zwischen Israel und dem Westen werden in der gesamten arabischen Welt jetzt in einer noch größeren Dimension erscheinen. Mit Argusaugen werden die Araber darauf achten, wie sich Israel jetzt bei der Lösung der Palästina-Frage verhält. Wenn Ministerpräsident Ariel Scharon quasi als Mitsieger des Irak-Krieges auftritt oder noch unnachgiebiger verhandelt, wird sich das sehr schnell gegen Israel richten und die Achse Tel Aviv ­ Washington noch enger gesehen, als sie es ohnehin schon ist.

Das Gespräch führte Alwin Schröder

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