Nahost-Experte "US-Falken wollen Syrien auf Linie bringen"

Der Irak-Krieg ist noch nicht ganz beendet, schon nehmen die USA mit Syrien den nächsten "Schurkenstaat" ins Visier. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Islam-Wissenschaftler und Syrien-Experten Michael Lüders über die neuen Drohungen aus Washington.

SPIEGEL ONLINE:

Die Vorwürfe der USA sind mit den Anschuldigungen gegen den Irak vor Kriegsbeginn nahezu identisch: Syrien entwickele Chemiewaffen und unterstütze Terrorgruppen. Soll nach Bagdad nun auch Damaskus fallen?

Lüders: Das ist zumindest die Meinung der Hardliner in der US-Regierung. Wenn es den Amerikanern gelingt, die Lage im Irak in den nächsten Monaten einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, könnten radikale Neokonservative in Washington auf die Idee kommen, den Waffengang auf Syrien auszudehnen. Vielleicht verhängt man aber auch nur Sanktionen.

SPIEGEL ONLINE: Bis heute sind die Behauptungen, der Irak habe Massenvernichtungswaffen besessen, nicht bewiesen. Nun soll Damaskus ähnliche Vorwürfe entkräften…

Lüders: Ich halte diese Behauptungen für eine Zweckargumentation. Richard Perle, Berater von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, hat am Wochenende in einem Interview erklärt, die irakischen Massenvernichtungswaffen seien noch nicht gefunden worden, weil Saddam sie im Wüstensand versteckt habe, und es würde noch Jahre dauern, bis man sie finde. Rumsfeld wiederum sagt, die Waffen seien nach Syrien gebracht worden. Solche Behauptungen sind beliebig und austauschbar. Washingtons Falken wollen drei Staaten auf Linie bringen: Irak, Iran und eben auch Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Die Syrer bezogen aus dem Irak billiges Öl und verkauften es dann gewinnbringend weiter. Spielt das bei den Anschuldigungen Washingtons eine Rolle?

Lüders: Dieser Vorwurf wurde den Syrern interessanterweise nicht gemacht. Denn auch die US-Verbündeten Jordanien und die Türkei haben vom Ölschmuggel aus dem Irak an den Uno-Sanktionen vorbei profitiert.

SPIEGEL ONLINE: Ein neuer Feldzug dürfte den Hass der arabischen Welt auf die Amerikaner vertiefen. Die Türkei als Nachbarland der bedrohten Staaten warnt vor weiteren Konfliktherden. Können die Amerikaner tatsächlich langfristig den ganzen Nahen Osten kontrollieren?

Lüders: Das amerikanische Wunschdenken entspricht nicht den Realitäten im Nahen Osten. In der arabisch-islamischen Welt gibt es einen undifferenzierten Hass auf Amerika und auf den Westen. Man glaubt, zu den Verlierern der Globalisierung zu gehören. Dieses Gefühl aus Minderwertigkeit, Ablehnung und Neid führt dazu, dass man der US-Politik sehr misstrauisch gegenüber steht. Das gilt für alle gesellschaftlichen Schichten – vom Schuhputzer bis zum Minister. Durch die unmittelbare militärische Präsenz der USA im Irak, die ja noch Jahre andauern dürfte, wird sich dieses Misstrauen eher noch verstärken.

SPIEGEL ONLINE: Würden sich die Amerikaner in der arabischen Welt bei ihrem Bestrebungen nach einer friedlichen Neuordnung des Nahen Ostens glaubhafter machen, wenn auch Israels Waffenarsenal kontrolliert würde?

Lüders: Das wird immer wieder von arabischen Politikern und Intellektuellen gefordert. Sie werfen den USA vor, mit zweierlei Maß zu messen: Washington ist zwar unnachgiebig gegenüber Rechtsverstößen zum Beispiel des Irak. Andererseits hat Israel aber seit 1967 sämtliche Uno-Resolutionen ignoriert, die einen Rückzug aus den besetzten Gebieten vorsahen – ohne dass es von den USA auch nur die Andeutung von Konsequenzen gegeben hätte. Das führt zu einem großen Glaubwürdigkeitsverlust der US-Politik in der arabischen Bevölkerung. Wenn George W. Bush auch den Israelis klare Bedingungen für einen Friedensprozess diktieren würde - wie zum Beispiel ein Ende der Siedlungspolitik – würde das die Wahrnehmung amerikanischer Politik im Nahen Osten positiv verändern.

SPIEGEL ONLINE: Seit Monaten wird der Deutsch-Syrer Mohammed Haydar Zammar mit Erlaubnis der USA in syrischen Gefängnissen wegen seiner Verbindungen zu den Terrorpiloten vom 11. September – sagen wir einmal – "verhört". Wie passt das mit den jüngsten Anschuldigungen gegen Damaskus zusammen?

Lüders: Das syrische Regime ist überaus pragmatisch. Damaskus ist um gute Kontakte zu den USA und zu Europa bemüht, auch was die Terrorbekämpfung angeht. Syrien hat ja auch beim Golfkrieg 1991 auf Seiten der Alliierten gegen den Irak gekämpft.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Baschar al-Assad gilt anders als Saddam Hussein nicht als größenwahnsinniger Despot. Dennoch hält Israels Ministerpräsident Scharon ihn für gefährlich. Wie sollte er sich verhalten - gegenüber Washington und seinem Volk?

Lüders: Assad ist 37 Jahre alt und noch ein junger Politiker. Er hat aber schon begriffen, dass Syrien reformiert werden muss und versucht eine vorsichtige Öffnung in der Innenpolitik gegen die Betonköpfe in der von Militärs kontrollierten staatlichen Bürokratie Syriens. Nur gegenüber Israel ist er unnachgiebig und fordert die Rückgabe der Golanhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Assad gehört der Minderheit der Alawiten an. 75 Prozent der Syrer sind aber sunnitische Muslime und damit ein Besorgnis erregendes Potenzial…

Lüders: Traditionell kontrollieren die Alawiten die Politik Syriens, die Sunniten dagegen die Wirtschaft. Die Alawiten haben allerdings die Befürchtung, dass die Sunniten zu viel wirtschaftliche Macht erhalten könnten. Und wirtschaftliche Macht bedeutet auch politischen Einfluss. Das will man verhindern. Assad muss also eine Gratwanderung gelingen, auch in der Außenpolitik: Er braucht gute Beziehungen zum Westen, die Stimmung in der Bevölkerung ist jedoch vor allem seit dem Irak-Krieg sehr anti-amerikanisch und anti-israelisch.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich Assad an der Macht halten?

Lüders: Noch ist Assad beim syrischen Volk sehr beliebt. Aber er darf den Kontakt zur Bevölkerung nicht verlieren, sonst könnte das Militär auf die Idee kommen, gegen ihn zu putschen.

Das Gespräch führte Alwin Schröder

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