Nahost Israel besetzt nördlichen Gaza-Streifen

Die Warnung war deutlich: Sollte auch nur eine weitere Rakete von palästinensischem Gebiet auf Israel abgeschossen werden, werde die Armee palästinensisches Autonomiegebiet besetzen. Nach einem angeblichen Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen sind israelische Panzer in der Nacht dort in drei Städte eingerückt.


Jerusalem - Die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet in ihrer Online-Ausgabe, Palästinenser hätten von Gaza aus Ziele auf israelischem Gebiet mit Raketen und Mörsergranaten beschossen. Daraufhin seien Panzer in den nördlichen Gaza-Streifen vorgerückt.

Ein Sprecher der palästinensischen Sicherheitskräfte sagte, die Autonomiebehörde befürchte nun, dass Israel diesen Teil des Gaza-Streifens längere Zeit besetzt halten werde. Möglicherweise plane die Regierung Scharon dort einen so genannten Sicherheitsstreifen einzurichten. wie es ihn früher im südlichen Libanon gab.

Um ein Uhr hat die israelische Operation nach Aussagen palästinensischer Augenzeugen begonnen. Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Truppentransporter und Bulldozer seien eingesetzt worden. Die israelischen Truppen hätten die Ortschaft Beit Lahia umstellt und seien in Beit Hanun eingerückt. Dort habe das Militär um das zerstörte Haus eines führenden Mitglieds der radikal-fundamentalistischen Hamas-Organisation Stellung bezogen, berichtete "Haaretz". Zudem sei die Zufahrtsstraße zu einem Flüchtlingslager in der Nähe von Gaza-Stadt blockiert worden.

Der britische Sender BBC berichtete von Feuergefechten zwischen Israelis und Palästinensern. Angaben über Tote oder Verletzte machte der Sender nicht. Sicherheitskräfte der Autonomiebehörde berichteten, beim israelischen Einmarsch seien fünf Menschen getötet worden, darunter drei palästinensische Polizisten.

Bereits am späten Dienstagabend waren Panzer der israelischen Armee in die autonome Palästinenserstadt Deir al-Balah im Gaza-Streifen eingedrungen. Nach palästinensischen Berichten haben sie dort aus ihren Kanonen das Feuer eröffnet. Überall im Gaza-Streifen und auch im Gebiet um die Stadt Nablus im Norden des Westjordanlandes beobachteten Augenzeugen in der Nacht starke israelische Truppenkonzentrationen.

Ein Sprecher der islamistischen Hamas sagte, seine Organisation würde keinesfalls darauf verzichten, neu entwickelte Kurzstreckenraketen auf israelische Orte zu feuern. Am Sonntag hatten Palästinenser erstmals eine der Raketen vom Typ Kassem II auf israelisches Gebiet geschossen. Der Beschuss richtete allerdings keinen Schaden an. Die Raketen haben eine Reichweite von fünf bis acht Kilometern.

Israels Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser warnte am Dienstag: "Solange die Gefahr von Raketenbeschuss besteht, werden wir alles Nötige tun." Allerdings plane man nicht die permanente Wiederbesetzung der autonomen Gebiete, wie sie von der radikalen Rechten in Israel gefordert wird.

Bundesaußenminister Joschka Fischer beginnt am heutigen Mittwoch eine weitere Nahostmission, die ihn bis Samstag durch Ägypten, Israel und die palästinensischen Gebiete führen soll.



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