Nahost-Krieg Libanon präsentiert der Uno eigenen Friedensplan

Die Suche nach einer diplomatischen Lösung des Libanonkonflikts hat durch den Friedensplan der libanesischen Regierung Auftrieb erhalten. Eine Delegation der Arabischen Liga will sich heute vor dem Weltsicherheitsrat für Beiruts Vorschläge stark machen. Die Kämpfe werden inzwischen zunehmend härter.


New York - Uno-Generalsekretär Kofi Annan ließ sich vom Gesandten des libanesischen Ministerrates, Tarek Mitri, über das Angebot seiner Regierung unterrichten. Beirut hatte gestern Abend angekündigt, die israelischen Streitkräfte im Süden des Landes durch 15.000 eigene Soldaten ablösen zu wollen. Sie sollen weitere Raketenangriffe der Hisbollah auf israelisches Gebiet verhindern. Laut dem libanesischen Verteidigungsminister Elias Murr stimmten auch die Kabinettsmitglieder der Hisbollah einer libanesischen Truppenpräsenz in dem Gebiet zu, in dem ihre Miliz bisher praktisch freie Hand hatte. Bisher hatte sie eine entsprechende, zwei Jahre alte Forderung des Uno-Sicherheitsrats stets abgelehnt.

Tarek Mitri und Kofi Annan: Gespräch über libanesisches Angebot
AP

Tarek Mitri und Kofi Annan: Gespräch über libanesisches Angebot

Die Delegation der Arabischen Liga unter ihrem Generalsekretär Amr Mussa will Beiruts Position heute Abend bei einer offenen Debatte im Sicherheitsrat Nachdruck verleihen.

Israels Uno-Botschafter Dan Gillerman lehnte den Plan jedoch als zu gefährlich ab. Israel werde Südlibanon "erst dann verlassen, wenn eine robuste und brauchbare internationale Truppe dort im Einsatz ist". Es sei zu riskant, ein Vakuum im Grenzgebiet zu hinterlassen, das nur wieder von den Hisbollah-Milizen ausgenutzt würde, erklärte der Diplomat in einem CNN-Interview. Sowie die geplante internationale Truppe vor Ort sei, werde sein Land "nicht eine Sekunde länger" im Libanon bleiben, versicherte Gillerman.

Die USA und Frankreich nahmen angesichts der neuen Entwicklung die Verhandlungen über ihren Text für eine erste Libanon-Resolution wieder auf. Der amerikanische Uno-Botschafter John Bolton und sein französischer Amtskollege Jean-Marc de La Sablière berieten gut eineinhalb Stunden über Libanons Absage an ihren Resolutionsentwurf. Der Libanon kritisiert an dem Entwurf vor allem, dass dieser keinen vollständigen Rückzug Israels aus dem Libanon vorsieht. Die Erwägung der libanesischen Alternativvorschläge dürfte die Verabschiedung der Resolution weiter verzögern, hieß es in New Yorks diplomatischen Kreisen. Demnach wird mit dem Votum nicht mehr vor Mittwoch oder Donnerstag gerechnet.

Die Zeit drängt: In den fast vier Wochen seit Beginn der Kämpfe starben auf beiden Seiten mehr als tausend Menschen, mehr als 3000 wurden verletzt. Fast eine Million Menschen mussten flüchten. Die Kämpfe werden zunehmend härter. Allein gestern Abend starben bei einem israelischen Luftangriff auf einen schiitischen Vorort von Beirut mindestens 20 Menschen. Nach Angaben der amtlichen libanesischen Nachrichtenagentur ANI wurden 50 Einwohner verletzt und 25 weitere als vermisst gemeldet. Ein mehrstöckiges Wohnhaus stürzte zusammen; ein benachbartes Haus sowie eine Moschee gerieten in Brand. Der Angriff traf die Bewohner völlig unvorbereitet, da das Viertel bisher verschont geblieben war. Gleichzeitig verhängte die israelische Armee über den Süden des Landes eine Ausgangssperre.

In der Nacht und am Morgen setzte die Luftwaffe ihre Angriffe auf den Libanon fort. Israelischen Medienberichten zufolge wurden etwa 80 Ziele angegriffen. Darunter seien 42 Gebäude der radikalislamischen Hisbollah gewesen. Mehr 30 Straßen und sechs Raketenwerfer seien ins Visier genommen worden.

Hilfsorganisationen haben nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) gestern keine Genehmigung für die Verteilung von Lebensmitteln und medizinischen Versorgungsgütern im südlichen Libanon erhalten. Israel habe sozusagen eine Blockade über Teile das Grenzgebiet verhängt, sagte IKRK-Sprecher Roland Huguenin in Tyrus. So hätten die Militärbehörden entgegen früheren Zusagen keine Sicherheitsgarantien abgegeben. Schon seit zwei Tagen seien deshalb keine Hilfstransporte mehr möglich gewesen.

Außenminister Steinmeier bricht heute zu einer dreitägigen Reise in die Krisenregion im Nahen Osten auf. Stationen seien Libanon, Zypern, Israel und die palästinensischen Gebiete, teilte das Auswärtige Amt mit. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen die derzeitige Krise im Nahen Osten sowie die internationalen Anstrengungen zur Beruhigung der Lage.

Heute sind im Libanon unter anderem Gespräche mit dem libanesischen Premierminister Siniora und Parlamentspräsident Berri geplant.

ler/dpa/AFP/ddp/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.