Nahost-Krieg Libanon will Truppen in den Süden schicken

Die libanesische Armee hat heute Reservisten einberufen. Passend dazu verlautete aus Regierungskreisen, noch heute solle die Verlegung von Truppen in den Süden des Landes beschlossen werden. Möglicherweise will Beirut damit die Uno gewogen stimmen - die fordert seit dem vergangenen Jahr, die Hisbollah zu entwaffnen.


Beirut/Tel Aviv - Die Regierung hoffe, dass dieser Schritt den Weg für Änderungen an dem Uno-Resolutionsentwurf ebnen werde, verlautete aus den politischen Kreisen. Der Weltsicherheitsrat hatte bereits im vergangenen September in seiner Resolution 1559 die libanesische Regierung aufgefordert, Truppen in der Grenzregion zu Israel zu stationieren und die radikal- islamische Hisbollah-Miliz und andere militante Gruppen zu entwaffnen.

Libanesische Soldaten: Patrouille in Beirut
DPA

Libanesische Soldaten: Patrouille in Beirut

Für diese Mission würden schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Soldaten benötigt. Die Einberufung der Reservisten erfolgte ohne nähere Angabe von Gründen. In einer Mitteilung des Militärs hieß es lediglich, die Männer seien zur Verteidigung des Landes aufgerufen.

Die Beratungen der Vereinten Nationen über den militärischen Konflikt sollen morgen weitergehen. Der Uno-Sicherheitsrat werde dann debattieren, teilte der katarische Uno-Botschafter, Abdulaziz Al-Nasser, heute in New York mit. Eine Abstimmung über einen Entschließungsentwurf sei damit vor Mittwoch unwahrscheinlich, sagte der Diplomat. Am Wochenende hatte es noch geheißen, über den Resolutionsentwurf solle bis spätestens Dienstag abgestimmt werden. Der Libanon - unterstützt von mehreren arabischen Staaten - fordert eine Änderung des Entwurfes, der keinen vollständigen Rückzug Israels aus dem Libanon vorsieht.

Die Resolution soll den seit 27 Tagen anhaltenden Konflikt zwischen Israel und der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz beenden. Der von den USA und Frankreich ausgehandelte Entwurf fordert ein vollständiges Ende der Kampfhandlungen sowie einen Stopp sämtlicher Hisbollah-Angriffe auf Israel. Wichtiges Hindernis für eine Einigung sind dem Libanon zufolge derzeit die rund 10.000 israelischen Soldaten im Südlibanon.

Der Entwurf verzichtet auf die Forderung nach ihrem Abzug. Dieser soll Teil einer späteren Resolution werden, die Bedingungen für einen Waffenstillstand und die Entsendung der internationalen Schutztruppe festlegen könnte.

Bei einer Sondersitzung in Beirut stellten sich die Außenminister der Arabischen Liga hinter den Friedensplan der libanesischen Regierung, der einen sofortigen Waffenstillstand und den Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon vorsieht. Vertreter der Liga reisten nach New York, um am Sitz der Vereinten Nationen für den libanesischen Standpunkt zu werben. Der Weltsicherheitsrat soll die Argumente der arabischen Delegation morgen Abend in einer offenen Debatte anhören.

Ministerpräsident in Tränen aufgelöst

Während der Sitzung heute in Beirut war der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora vor den Augen der arabischen Außenminister wegen der verheerenden Kriegsfolgen für sein Land in Tränen ausgebrochen. "Der Libanon darf nicht länger ein Schlachtfeld für die Kämpfe anderer sein, wie auch immer die Rechtfertigungen lauten", sagte Siniora vor den Ministern, die am Morgen in die libanesische Hauptstadt gekommen waren.

Siniora musste am Abend Angaben über den bisher angeblich folgenschwersten israelischen Luftangriff revidieren. Am Nachmittag hatte er von 40 Toten bei einem Angriff auf das südlibanesische Dorf Hula berichtet und Israel des "Staatsterrorismus" bezichtigt. Am Abend räumte er auf einer Pressekonferenz ein, unrichtige Informationen widergegeben zu haben. Nach neuesten Polizeiangaben sei lediglich ein Mensch bei der Attacke ums Leben gekommen. Nach dem Bombardement waren zahlreiche Menschen verschüttet. Schließlich konnten 65 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen werden.

Unterdessen warnt das israelische Militär die Bevölkerung im Südlibanon davor, ihre Häuser am Abend zu verlassen. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge betrifft diese Warnung einen 20 Kilometer breiten Streifen nördlich der israelisch-libanesischen Grenze. Jeder, der unterwegs sei, begebe sich in ein großes Risiko, meldet die Agentur unter Berufung auf eine israelische Militärquelle. So könne jeder aufgespürt werden, der eine Rakete abfeuern wolle.

Die israelische Armee erklärte, sie sei noch weit von einem Sieg gegen die Hisbollah entfernt. "Die Hisbollah zu vernichten, ist nicht wie Pizza bestellen. Das braucht Zeit", sagte der israelische Brigade-General Jossi Kuperwasser. Israel habe der Hisbollah in den vergangenen Wochen ernste Schäden zugefügt und mitunter mehr als 200 Kämpfer der Miliz getötet. Doch besitzt die Hisbollah Kuperwasser zufolge immer noch tausende Kurzstrecken- und hunderte Langstreckenraketen.

Heute Abend starben nach angaben der libanesischen Polizei bei einem israelischen Angriff auf südliche Vororte Beiruts mindestens fünf Menschen. Lokale Fernsehsender zeigten Bilder von Helfern, die versuchten, Überlebende aus den Trümmern eines im Vorort Tschiah zerstörten Hauses zu bergen. Über die Art des Angriffs gab es zunächst unterschiedliche Informationen. Aus libanesischen Sicherheitskreisen verlautete, Kriegsschiffe hätten vor der Mittelmeerküste Granaten auf die Vororte Beiruts abgefeuert. In anderen Berichten war von einem Luftangriff die Rede.

Bereits den ganzen Tag über hatte es intensive Kämpfe gegeben. Nach Behördenangaben bombardierte die Luftwaffe vor allem Ziele nahe der südlichen Hafenstädte Tyrus und Sidon sowie die Bekaa-Ebene.

In Tyrus und Bint Dschbeil gab es schwere Kämpfe zwischen israelischen Soldaten und Milizionären. Dabei wurden ein Israeli getötet und vier weitere verletzt, wie ein israelischer Armeesprecher mitteilte. Mindestens fünf Kämpfer der Hisbollah seien getötet worden.

Die Hisbollah setzte gleichzeitig ihre Raketenangriffe auf Nordisrael fort. Israelische Medien berichten, in mehreren Ortschaften entlang der Grenze seien Raketensalven eingeschlagen.

ler/AP/dpa/AFP/Reuters



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