Nahost-Krieg Schießbefehl auf alle Fahrzeuge im Grenzgebiet

Israel erhöht den Druck. Fahrzeugen, die südlich des Flusses Litani im Libanon unterwegs sind, droht die Luftwaffe mit Beschuss. Tausende Bewohner sollen aus Nord-Israel evakuiert werden. Premier Olmert begrüßte jedoch den libanesischen Vorschlag, Truppen im Grenzgebiet zu stationieren.


Jerusalem/Beirut - Viele sind längst weg - vor dem Krieg geflüchtet. Nun will die israelische Regierung auch die übrigen Bewohner aus dem Norden Israels bringen. Die Einwohner sollten einige Tage "Ferien in ganz Israel" machen, sagte Staatssekretär Jisrael Maimon heute im israelischen Militärrundfunk. Der Plan der Behörden sieht die Unterbringung von 15.000 Menschen, die seit Beginn der Offensive am 12. Juli in Schutzräumen leben, in Hotels vor. Bisher wurden laut einer Erklärung der Behörden bereits 2000 ältere Menschen in Hotels in sicheren Regionen untergebracht. Von der Hisbollah abgefeuerte Raketen töteten bisher 36 israelische Zivilisten.

Litani: Die israelische Armee will alle Fahrzeuge, die südlich des Flusses fahren, angreifen
AP

Litani: Die israelische Armee will alle Fahrzeuge, die südlich des Flusses fahren, angreifen

Gleichzeitig hat Israels Armeeführung neue Warnungen ausgesprochen. Demnach sollen alle Fahrzeuge beschossen oder bombardiert werden, die südlich des Litani-Flusses im Libanon unterwegs sind. Der Litani fließt in Ost-West-Richtung durch den Süden Libanons und mündet sieben Kilometer nördlich von Tyrus ins Mittelmeer.

In der Umgebung von Tyrus kam der Verkehr nach den Drohungen Israels heute zum Erliegen. Ein Fahrer des Roten Kreuzes in der Stadt erklärte: "Auch alle Krankentransportfahrer sind angewiesen worden, ihr Hauptquartier in Tyrus nicht zu verlassen." Flugzeuge hatten zuvor Flugblätter abgeworfen, auf denen es hieß: "Jedes Fahrzeug - welcher Art auch immer - das südlich des Litani-Flusses unterwegs ist, wird bombardiert werden, weil der Verdacht besteht, dass damit Raketen und Waffen für die Terroristen transportiert werden." Eine Reporterin des Nachrichtensenders al-Arabija sagte, durch diese Drohung werde auch die Arbeit der Journalisten und Helfer im Südlibanon behindert.

Dennoch keimt die Hoffnung auf ein bisschen Entspannung. Am Vormittag äußerte sich Israels Ministerpräsident Ehud Olmert erstmals zu dem Vorschlag der Regierung in Beirut, die libanesische Armee im Süden des Landes zu stationieren. In vorsichtigen Worten begrüßte er den Plan: "Das ist ein interessanter Schritt, den wir prüfen müssen" - insbesondere, ob die Stationierung in einem "vernünftigen Zeitraum" möglich sei.

Olmert versicherte erneut: "Wir wollen nicht im Libanon bleiben." Ziele der israelischen Offensive seien: weitere Raketenangriffe der Hisbollah zu verhindern und die Miliz aus dem Südlibanon zu vertreiben. "Je schneller wir uns aus dem Südlibanon zurückziehen, um so zufriedener werden wir sein. Aber das wird nicht möglich sein, bis wir unsere Ziele erreicht haben", betonte Olmert.

Die libanesische Regierung hatte gestern Abend vorgeschlagen, 15.000 Soldaten an die Grenze zu Israel zu verlegen. Informationsminister Ghasi Aridi betonte, dass die Armee dann "die einzige Streitmacht" in der Region sein sollte, womit er offenbar einen Rückzug der Hisbollah aus dem Südlibanon meinte.

Der libanesische Telekommunikationsminister Marwan Hamadé begrüßte den Vorschlag seiner Regierung heute als "historisch." "Das ist das erste Mal, dass die libanesische Regierung in voller Souveränität eine so wichtige Entscheidung trifft", sagte Hamadé. Der Minister ist zugleich Abgeordneter der antisyrischen Fraktion im Parlament.

Während die diplomatischen Bemühungen für einen Waffenstillstand auf Hochtouren laufen, hat Israel heute seine Angriffe auf Ziele im Libanon am 28. Tag in Folge fortgesetzt. Die Luftwaffe griff nach israelischen Medienberichten etwa 80 Ziele an. Darunter seien rund 40 Gebäude der radikal-islamischen Hisbollah und mehr als 30 Straßen gewesen. Schwere Kämpfe habe es auch wieder in Südlibanon gegeben.

Einen Tag nach dem israelischen Luftangriff auf ein Gebäude in Beiruts Schiiten-Viertel Schia ist noch unklar, wie viele Menschen unter den Trümmern des Gebäudes den Tod gefunden haben. "Wir haben die Namen von 26 Menschen, die immer noch vermisst werden", sagte ein Helfer heute vor Ort. Am Vorabend habe man 15 Leichen aus den Trümmern des Hauses geborgen. Die Rettungsarbeiten seien in der Nacht unterbrochen worden, weil israelische Flugzeuge über dem Gebiet zu hören gewesen seien.

Im Schia-Viertel leben immer noch zahlreiche Familien. Es grenzt an die südlichen Schiiten-Vororte, in denen die radikal-islamische Hisbollah viele Anhänger hat und die nach Dutzenden von Angriffen inzwischen fast menschenleer sind.

Die Hilfsorganisation Care hat Israel inzwischen vorgeworfen, die Versorgung der Zivilbevölkerung im Libanon zu behindern. Nach dem Beschuss und der starken Beschädigung des nördlichen Highways von Syrien nach Beirut durch die israelische Armee Ende vergangener Woche sei "eine entscheidende humanitäre Versorgungsmöglichkeit bewusst massiv beeinträchtigt worden", kritisierte der Geschäftsführer von Care Deutschland, Wolfgang Jamann, heute in Bonn. Er forderte die Einrichtung einer "Schneise der Humanität für die Menschen, die unsere Hilfe benötigen". Jamann appellierte an beide Seiten des Krieges, die "Waffen endlich schweigen zu lassen und dem Elend der Bevölkerung so ein Ende zu bereiten".

ler/AFP/dpa/AP

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