Nahost-Krise Israels Armee räumt offenbar Gaza

Israelische Truppen haben die Kontrolle über autonome Teile des Gaza-Streifens übernommen. Am Abend hieß es allerdings, die Armee werde das Gebiet wieder räumen. Palästinenser-Präsident Arafat nannte die Besetzung ein unverzeihliches Verbrechen.


Nächtlicher Bombenhagel: Zerstörte palästinensische Polizeistation
AP

Nächtlicher Bombenhagel: Zerstörte palästinensische Polizeistation

Gaza/Jerusalem - Die militärische Eskalation im Gazastreifen und der israelische Luftangriff auf syrische Stellungen in Libanon haben die äußerst gespannte Lage im Nahen Osten weiter angeheizt. In den frühen Morgenstunden des Dienstags besetzten israelische Panzertruppen eine 800 Meter breite Zone in der Nähe des Übergangs Erez.

Der Gazastreifen wurde in drei Teile zerteilt und der Grenzübergang nach Ägypten geschlossen. "Wir werden in diesen Gebieten so lange bleiben wie nötig - Tage, Wochen, Monate", sagte der Kommandeur der israelischen Gaza-Truppen, Brigadegeneral Jair Naweh. Die Übernahme der Kontrolle sei vorwiegend eine Verteidigungsmaßnahme.

Allerdings meldete der israelische Rundfunk am Abend, die Regierung habe die USA über einen Abzug der Truppen aus Gaza informiert. Zuvor hatte US-Außenminister Colin Powell den israelischen Militäreinsatz als "übertrieben und unverhältnismäßig" bezeichnet. Er forderte Israel auf, sich wieder von dort zurückzuziehen. Eine militärische Lösung des Konflikts könne es nicht geben. Er rief gleichzeitig die palästinensische Führung auf, Gewalt und Terrorismus zu beenden.

Der palästinensische Präsident Jassir Arafat bezeichnete die Aktion als einen "schmutzigen israelischen Komplott zur Beendigung des palästinensischen Widerstands" und ein "unverzeihliches Verbrechen".

"Vergeltung für palästinensische Angriffe"

Die israelische Regierung sprach von Vergeltung für einen Angriff auf die in der Negev-Wüste gelegene Ortschaft Sderot, einer Hochburg von Ministerpräsident Ariel Scharons Likud-Block. Dort schlugen am Montag fünf Granaten ein, ohne größeren Schaden anzurichten. Zu dem Angriff bekannte sich die Untergrundorganisation Hamas. Sderot liegt acht Kilometer von einer Scharon gehörenden Schafsfarm entfernt.

Mit dieser völlig ungerechtfertigten Attacke werde eine weitere Linie überschritten, sagte Außenminister Schimon Peres im israelischen Rundfunk. Die Reaktion war eine nächtliche Offensive, bei der Panzer und Hubschrauber mehrere Gebäude angriffen. Darunter war auch die Zentrale des palästinensischen Polizeichefs Ghasi Dschebeli in Gaza. Unter dem Schutz der Panzer zerstörten Soldaten Äcker nahe der Ortschaft Beit Hanun. Der israelische Brigadegeneral Ron Kitrey erklärte, die Besetzung sei von Dauer und werde solange aufrechterhalten, wie die Beschießung israelischer Ziele anhalte.

Die palästinensische Autonomieverwaltung sprach von einer schwerwiegenden Aggression Israels. Planungsminister Nabil Schaath sagte: "Die Israelis haben mit der Wiederbesetzung des Gazastreifens begonnen." Auch angesichts des israelischen Luftangriffs auf eine syrische Radarstation in Libanon bestehe jetzt die ernste Gefahr einer umfassenden Explosion.

Aus für den Friedensprozess?

Im Zusammenhang mit dem Luftangriff vom Montag beschuldigte der syrische Außenminister Faruk el Scharaa Israel, die Krise ausweiten und den Friedensprozess eliminieren zu wollen. Dafür werde es einen hohen Preis bezahlen müssen.

Mit lange nicht mehr vernommener Schärfe kritisierte der ägyptische Präsident Husni Mubarak den israelischen Angriff. Nach einem Treffen mit Arafat in Scharm el Scheich sagte Mubarak am Dienstag, die Situation erinnere ihn an das Klima während der israelischen Invasion Libanons 1982, als Scharon Verteidigungsminister war. Wenn Israel glaube, mit dieser Politik die Gewalt stoppen zu können, müsse er sagen, dass sie das Gegenteil erreichen werde. Die Aktion werde auf Israel zurückfallen und die Gewalt überall zunehmen.



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