Nahost-Krise Zorn auf Arabiens Straßen

Tausende Menschen haben heute nach dem Freitagsgebet gegen Israels Militärkampagne im Libanon demonstriert. Noch ist die Stimmung kontrolliert. Doch je länger der Krieg dauert, desto mehr werden die arabischen Führer unter Druck geraten und die Kritik an der Hisbollah schwinden.

Aus Amman berichtet Yassin Musharbash


Amman - Weint der Prediger? Oder hat er sich nur heiser geschrien? "Das ist ein Angriff auf die gesamte islamische Welt", krächzt es aus den Lautsprechern. "Die Muslime weinen!" Viele der Tausenden, die bis auf die Straße gedrängt stehen, nicken. Wie hier in Amman waren die israelischen Militärschläge im Libanon in den Freitagspredigten von Marokko bis Indonesien das Hauptthema. Vielfach wurden US-Flaggen verbrannt und Israel des "Völkermords" bezichtigt.

Amman: Demo mit Flaggen der der jordanischen Muslim-Brudeschaft
AFP

Amman: Demo mit Flaggen der der jordanischen Muslim-Brudeschaft

Nahe dem Epizentrum der Ereignisse, vor den großen Moscheen von Gaza, Kairo und Amman, gab es außerdem große Demonstrationen. In der jordanischen Hauptstadt wurde sie von den islamistischen Muslimbrüdern organisiert. "Bombardiert Tel Aviv!", riefen die Teilnehmer und priesen die schiitische Hisbollah-Miliz ebenso wie die palästinensischen Islamisten von der Hamas. In Kairo hielten die Demonstranten Plakate mit dem Konterfei des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah in die Höhe und forderten die Aufstellung von Freiwilligen-Bataillonen für den Krieg gegen Israel.

In Gaza sprach der palästinensische Premierminister Ismail Hanija von der Hamas vor Betenden. Es offenbare ein "fehlerhaftes Verständnis" des Konflikts, wenn man die Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah als Ursache der militärischen Eskalation betrachte. Wie immer bei der Hamas hatte auch für Hanija Israel natürlich alles von langer Hand geplant.

Doch es ist nicht nur plumpe anti-israelische Propaganda, die die Menschen auf die Straße treibt. Und es sind auch nicht nur die Islamisten, die mobilisieren. Die Gewerkschaft der jordanischen Agrar-Ingenieure, diejenige der Ärzte und noch einige andere organisierten in Ammans Nobel-Stadtteil Schmeisani heute auch eine Kundgebung der wohlhabenden Intelligenzija.

Viele Menschen in der arabischen Welt fühlen sich angesichts der Schreckensberichte aus dem Libanon bereits an den Beginn der palästinensischen Intifada im Herbst 2000 oder an den Anfang des Irakkriegs im Frühling 2003 erinnert, als ebenfalls Hunderte Zivilisten in einem arabischen Bruderland innerhalb weniger Wochen sterben mussten. In den jordanischen Zeitungen lassen Geschäftsleute jetzt schon mitteilen, dass die Partys, zu denen sie fürs Wochenende eingeladen haben, ausfallen oder nur in kleinem Rahmen stattfinden werden. "Ich habe überlegt, statt um Geschenke um Spenden für die Kinder im Libanon zu bitten", erzählt die Lehrerin Mirna, die nächste Woche ihre Verlobung feiert. Aber ihr Bräutigam hat die Gaben schon für den Haushalt eingeplant. Die Stimmung ist trübe, Mirna kämpft mit ihrem schlechten Gewissen.

Unterschiedliche Bewertung der Hisbollah

Während sich alle einig sind, dass Israels Reaktion unverhältnismäßig ist, fällt die Bewertung der Hisbollah unterschiedlich aus. Unter Islamisten ist ihr Ansehen hoch, unter den vielen Palästinensern in Jordanien ebenso. Hier gilt sie seit dem Abzug Israels aus dem Südlibanon vor sechs Jahren als einzige islamische "Widerstandsorganisation", die Israel je "besiegt" hat. "Ich würde so gerne mitkämpfen, unseren Brüdern beistehen", sagt etwa ein Gläubiger mit palästinensischen Wurzeln vor dem Gebet an der Husseini-Moschee.

Jenseits dieser beiden Lager aber sieht es anders aus: "Wenn es nach mir geht, könnte die jordanische Armee gerne gegen die Hisbollah mitbomben", sagt etwa eine junge Jordanierin, die ihren Namen auf keinen Fall nennen will. Sie will einfach nur "Ruhe", versteht nicht, warum die Hisbollah immer noch gegen Israel kämpft, obwohl doch nur noch ein paar Quadratkilometer libanesisches Land unter Israels Besatzung stehen.

"Müssen wir der Hisbollah Applaus spenden für das Kidnappen von Soldaten, während sie vorher genau wusste, welche Zerstörung das über den Gaza-Streifen, den Libanon und ihre Einwohner bringen würde?", fragte Abdul Rahman Al-Rashed, Kommentator der panarabischen Zeitung "al-Sharq al-Awsat", stellvertretend für viele, die der Hisbollah skeptisch sehen.

Al-Rashed gab damit auch die Position der Herrscher Jordaniens, Saudi-Arabiens und Ägyptens wieder, die der Hisbollah gleichfalls vorwerfen, Israels harsche Reaktion provoziert zu haben. Sie haben freilich jeweils ihre eigenen speziellen Gründe: Saudi-Arabien fürchtet den über die Hisbollah verbreiteten Einfluss des Konkurrenten Iran; Ägypten will verhindern, dass seine heimische islamistische Opposition und die Hisbollah sich zu nahe kommen; Jordanien, das vom Irak, dem stets bedrohten Syrien und den Palästinensischen Gebieten umgeben ist, will auf gar keinen Fall noch eine heiße Krise in seiner Nachbarschaft.

Visuelles Dauerfeuer

Politisch jedoch ist die Haltung dieser drei Länder ohne Frage die konstruktivere, was international bereits anerkannt wurde. Das Problem aber ist: Diese Linie lässt sich im Inneren möglicherweise nicht mehr allzu lange durchhalten. Denn die drei Regierungen gehen über das, was die Mehrheit empfindet, hinaus.

Dass sich nun auch noch eine israelische Bodenoffensive im Libanon abzeichnet, sehen die meisten arabischen Regime deshalb mit Sorge. Sie wird wahrscheinlich weitere Hunderte toter Zivilisten bedeuten. Dann dürften die anti-israelischen Demonstrationen größer werden - und irgendwann die Ohnmacht beziehungsweise Untätigkeit der Araber thematisieren. Schon jetzt wirkt das visuelle Dauerfeuer von al-Dschasira und Co. wie eine einzige Anklage. In fast jeder Stadt des Südlibanon ist ein Korrespondent, der die Bombardements live kommentiert. Bilder verletzter und getöteter Kinder lösen Entsetzen und Betroffenheit aus.

"Wir werden nicht alles akzeptieren, es wird eine Grenze geben", grollt angesichts in Erwartung einer solchen Verschärfung bereits der 35-Jährige Omar Fuad, ein scharfzüngiger Islamist, der bei der Demo in Amman in der ersten Reihe mitmarschiert. "Wir wollen Hilfe gegen Israel organisieren."



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