Nahost Nacht der Vergeltung

Noch trägt der Versuch von Außenminister Fischer, in der Nahost-Krise deeskalierend zu wirken, keine Früchte. Erst zerstörten palästinensische Extremisten einen israelischen Panzer und töteten drei Soldaten. Jetzt fliegt die Armee gezielte Vergeltungsangriffe.


Appelle verhallen ungehört: Außenminister Fischer
AP

Appelle verhallen ungehört: Außenminister Fischer

Gaza - Palästinensische Augenzeugen berichteten, der Sicherheitskomplex in Dschebalja sei von mehreren Explosionen erschüttert worden. Zur Zeit des Angriffs sollen sich zahlreiche Sicherheitskräfte in dem Gebäude aufgehalten haben.

Am Abend zuvor waren drei israelische Soldaten im Gazastreifen getötet worden, als es palästinensischen Extremisten erstmals gelang, einen israelischen Panzer zu zerstören. Am Freitag kam der Anführer einer israelischen Eliteeinheit während einer Razzia in Saida im Westjordanland ums Leben. Bislang hatte die israelische Armee in dem seit 16 Monaten andauernden Aufstand der Palästinenser relativ wenige Opfer zu beklagen. Die Zerstörung des Panzers vom Typ "Merkawa-3", der als Symbol der israelischen Militärmacht gilt, setzte die israelische Öffentlichkeit unter Schock. "Es ist, als hätten die Terroristen mit ihren Kalaschnikows und selbstgebastelten Raketen es geschafft, ein F-16-Kriegsflugzeug abzuschießen", schrieb der Kolumnist Rafi Mann in der Zeitung "Maariv".

Zu dem Angriff auf den Panzer bekannte sich das Volkswiderstandskomitee, dem militante Mitglieder der Hamas und der Fatah-Organisation des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat angehören sollen. Auf einem Flugblatt hieß es, der Angriff sei eine Vergeltung für den Tod von fünf Palästinensern am Dienstag und Mittwoch in Gaza gewesen, dem bislang größten israelischen Militäreinsatz seit Beginn der jüngsten Kämpfe im September 2000.

Im Westjordanland suchte die israelische Armee in der Ortschaft Saida am frühen Freitagmorgen offenbar nach einem Mitglied der Organisation Islamischer Dschihad. Bei einem Schusswechsel wurde ein Palästinenser getötet. Auch ein israelischer Oberstleutnant kam in Saida ums Leben. Er wurde offenbar von dem Teil eines Hauses getroffen, das israelische Planierraupen abrissen.

Fischer's Appelle

Bundesaußenminister Joschka Fischer traf am Freitag mit seinem israelischen Kollegen Schimon Peres zusammen. Anschließend rief er zu einem Ende des Terrors auf. Die internationale Gemeinschaft müsse zusammenarbeiten, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Peres erklärte, weder Israelis noch Palästinenser hätten durch Gewalt etwas zu gewinnen. Am Abend traf Fischer im Westjordanland mit Mitgliedern der so genannten Friedenskoalition, einem Zusammenschluss von israelischen und palästinensischen Politikern, zusammen. Oppositionsführer Jossi Sarid (Meretz-Partei) würdigte den Besuch Fischers als wichtige Geste und sagte: "Scharon ist ein Problem, Arafat ist ein Problem, und wir sind die Lösung."

Fischer würdigte die Arbeit des Friedenslagers und unterstrich erneut, dass die EU, die USA und die gemäßigten arabischen Staaten eine gemeinsame Position im Nahostkonflikt hätten. Er forderte Israelis und Palästinenser auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.



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