Nahost-Reise Papst bittet Juden um Vergebung

Zum Abschluss seiner Pilgerreise im Nahen Osten hat Johannes Paul II. erneut um Vergebung für die Judenverfolgungen in der Geschichte gebeten. Nach einem Gebet an der Klagemauer in Jerusalem hinterließ er nach jüdischem Brauch in den Mauerritzen eine schriftliche Bitte an Gott.

Jerusalem - Auf einen Stock gestützt, verlas der Papst am Sonntag seine Bitte an das jüdische Volk. "Wir sind bestürzt über das Verhalten derjenigen, die im Lauf der Geschichte den Kindern des jüdischen Volkes Leid zugefügt haben", sagte der 79-Jährige. Die Christen wollten sich zu wahrer Brüderlichkeit bekennen. Mit zitternder Hand steckte der Papst das Manuskript seiner Erklärung in einen Spalt zwischen den Mauersteinen der heiligsten Stätte des Judentums. Die Rede an der Klagemauer war das zweite bedeutende Zeichen der Aussöhnung mit den Juden auf der einwöchigen Pilgerreise des Papstes durch den Nahen Osten.

Am Donnerstag hatte Johannes Paul II. beim Besuch des israelischen Holocaust-Mahnmals Jad Waschem tiefe Trauer über die Verbrechen der Christen an den Juden geäußert. Er ging aber nicht so weit, sich für das Verhalten der Kirche und des damaligen Papstes, Pius XII., zu entschuldigen.

An der Klagemauer hielt das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche nach seiner Rede kurz inne und berührte die Mauer. Anschließend segnete der Papst das Bauwerk. Die etwa 50-Meter lange Mauer ist ein Überrest der Westwand des jüdischen Tempels von Jerusalem, der im ersten Jahrhundert von den Römern zerstört worden war. Heute sehen die Juden die Mauer als Symbol für das Durchhaltevermögen und die Hoffnung des jüdischen Volkes auf die Rückkehr in ihr Heimatland nach jahrhundertelanger Verfolgung und Vertreibung. Sie beten an der Mauer, beklagen die Zerstörung der Tempelbauwerke und hinterlassen in den Mauerspalten Fürbitten an Gott.

Außerhalb der Anlage nahmen Polizisten am Sonntag mehrere radikale Juden fest, die verdächtigt wurden, die Zeremonie stören zu wollen. Der Papst und seine Begleiter, die als Zeichen des Respekts die im Judentum üblichen Scheitelkäppchen trugen, waren unter strengem Sicherheitsaufgebot zu der Mauer gelangt. Zuvor war der Papst mit dem moslemischen Großmufti von Jerusalem zusammengetroffen. Die Moslems in Jerusalem wünschten sich von dem Papst, dass er sich für ein Ende der israelischen Besetzung der Stadt einsetze, sagte der moslemische Rechtsgelehrte Ikrima Sabri während seines Treffens mit Johannes Paul II. Solange die Besatzung fortbestehe, könne es keinen Frieden geben. Israel hatte den arabischen Ostteil Jerusalems im Jahr 1967 erobert und später annektiert. Dieser Schritt wurde international nicht anerkannt. Während Israel Jerusalem als Hauptstadt betrachtet, wollen die Palästinenser den Ostteil der Stadt in Zukunft zur Hauptstadt ihres eigenen Staates erklären.

Die Altstadt im Ostteil war für die Durchfahrt des Papstes abgesperrt, zahlreiche Geschäfte mussten aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Später las Johannes Paul II. in der Kirche des Heiligen Grabes eine Messe. Die Kirche wird von den Christen als Symbol der Kreuzigung, der Beerdigung und der Auferstehung Jesu Christi betrachtet.

Mit dem Besuch in Jerusalem endete am Sonntag die einwöchige Nahost-Pilgerreise des Papstes. Sie war die 91. Auslandsreise seit Beginn seines Pontifikats im Jahr 1978 und der Höhepunkt des Heiligen Jahres, das die katholische Kirche für das Jahr 2000 ausgerufen hat. Die anstrengende Reise mit einem täglichen Programm von rund elf Stunden absolvierte der sichtlich geschwächte Papst in wechselhafter Form. So wirkte er teils angestrengt und sprach nur undeutlich, teils schien er vergleichsweise robust. Es wird vermutet, dass der Papst an der Parkinsonschen Krankheit leidet, die mit Muskelstarre und Zittern verbunden ist.

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