Nahost Warum Israel Ahmadinedschads Atomrede kaltlässt

Keine Panik, keine Aufregung, keine Schlagzeilen: Israel hat auf Irans neue Atompläne überraschend ruhig reagiert. Doch hinter der Zurückhaltung steckt politisches Kalkül.


Jerusalem - Die Behauptung von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, sein Land könne jetzt nuklearen Brennstoff herstellen, vermochte von Haifa bis Eilat keine Aufregung auszulösen. Die Israelis sind viel mehr mit den zahlreichen Skandalen beschäftigt, in die führende Politiker verwickelt sind: Ob der Finanzminister tatsächlich Gelder veruntreut und gestohlen habe; ob der Premier mit suspekten Immobiliengeschäften illegale Profite auf die Seite geschaufelt habe; was von der neuen Vergewaltigungsklage gegen den Staatspräsidenten zu halten sei – das alles interessiert in Israel derzeit mehr als die atomare Kraftmeierei des iranischen Präsidenten.

Die Israelis sind ohnehin überzeugt, dass Ahmadinedschad übertreibt, wenn er sagt, die Uran-Anreicherung in Iran habe industrielles Niveau erreicht. Die islamische Republik besitze nicht, womit sie sich brüstet, spielt ein israelischer Regierungsbeamter die Ankündigung des iranischen Präsidenten gegenüber der "Jerusalem Post" herunter. Es gäbe durchaus Anzeichen dafür, dass Ahmadinedschad bluffe, meint auch Ephraim Kam, Iran-Forscher am Institute for National Security Studies der Universität Tel Aviv.

"Iran hat die technischen Probleme noch nicht im Griff", meint auch ein ehemaliger Mossad-Agent. Die Techniker der Ajatollahs hätten bis zum Erfolg einen weiten Weg vor sich: Sie müssen während mehrerer Monate ohne Unterbrechung mindestens 1500 Zentrifugen in Schwung halten. Frühestens dann könnten sie schlüssig beweisen, dass sie zur Uran-Anreicherung von 90 Prozent fähig sind. Denn erst ab diesem Anreicherungsgrad ist es militärisch relevant. Die iranischen Techniker brächten für diese hochkomplexe Technologie allerdings wenig einschlägige Erfahrung mit. Deshalb, ist man in Jerusalem überzeugt, könne das iranische Atomprogramm gestoppt werden. Teheran habe nämlich den "Point of no return" noch nicht erreicht. Die Produktion von angereichertem Uran sei wohl frühestens in zwei Jahren möglich.

Die nüchterne Reaktion Israels auf die Ankündigung Ahmadinedschads spiegelt auch die Haltung der Regierung Olmert wider, wonach die iranischen Nuklearpläne ein Problem der Weltgemeinschaft seien. Bis vor kurzem sah sich Israel an vorderster Front gegen die iranischen Atompläne. Die USA und die Uno hätten nun aber den Ernst der Lage endlich erkannt. Die Sanktionen seien ein erster Schritt in die richtige Richtung. Laute Warnrufe aus Israel wären deshalb sogar kontraproduktiv, meint ein Sicherheitsmann. Denn wenn Sanktionen gegenüber Iran verschärft oder Washington einen Militärschlag gegen das Atomprogramm prüfe, solle im arabischen Raum auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass beim Vorgehen gegen Teheran israelische Interessen durchgesetzt würden.

"Je zurückhaltender Israel auftritt, desto besser", meint deshalb ein Sicherheitsberater in Tel Aviv. An die Effizienz eines eigenen Militärschlags gegen Iran glauben zudem immer weniger Israelis. Auch hier ist ein Umdenken erfolgt: Führende Politiker und Kabinettsmitglieder hatten früher wiederholt laut darüber nachgedacht, wie die iranischen Atomanlage zerstört werden könnten. Dabei hatten sie den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad erwähnt, der 1981 durch einen israelischen Luftangriff ausgeschaltet wurde. Es hat sich inzwischen aber herumgesprochen, dass die iranischen Nuklearstrategen von den irakischen Fehlern gelernt haben: Sie haben einen Teil der Anlagen tief unter der Erde versenkt und zudem über mehrere Regionen verstreut.

Hinter der kühlen Reaktion Jerusalems auf die iranische Ankündigung steckt aber offenbar auch anderes taktisches Kalkül. Ahmadinedschad wolle mit seiner prahlerischen Ankündigung den Eindruck erwecken, dass Iran fortan ohne fremde Hilfe am Nuklearprogramm festhalten könne, wird in Jerusalem vermutet. Sanktionen, so Ahmadinedschads unmissverständliche Botschaft an den Westen, könnten Iran nicht vom Weg in Richtung Atommacht abbringen.

Wenn Jerusalemer Politiker nun also die nuklearen Fortschritte Teherans bezweifeln, fordern sie damit den Westen auf, die Iraner mit allen Mitteln von ihren Atombombenplänen abzubringen. Das sei nicht nur möglich, sondern auch notwendig, heisst es in Jerusalem: Denn mit seiner jüngsten Ankündigung habe Ahmadinedschad nämlich unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er am Nuklearprogramm festhalte - trotz der Sanktionen.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche".



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