Nahostkrieg Dutzende zivile Opfer bei Luftangriff

Rückschlag für die Vermittlungsbemühungen in Nahost: Die israelische Luftwaffe hat ein Haus im Südlibanon zerstört, dabei starben mindestens 54 Zivilisten. Der libanesische Premier verlangt eine sofortige Waffenruhe und will vorher keine weiteren Gespräche führen - auch nicht mit US-Außenministerin Rice.


Beirut - Das Haus in der Kleinstadt Kana sei völlig in sich zusammengebrochen, hieß es. Dutzende Menschen seien unter den Trümmern gefangen und offenbar getötet oder verletzt worden, berichteten Radio- und Fernsehsender am Morgen. Bei dem Angriff starben mindestens 54 Zivilisten - darunter 37 Kinder. Erste Agenturfotos zeigen, wie Kinderleichen aus den Trümmern getragen wurden. Bei den Gefechten im Südlibanon sind schon jetzt mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen, die meisten davon libanesische Zivilisten.

Schock nach dem Angriff: Ein Mann trägt in Kana die Leiche eines Mädchens aus den Trümmern
AFP

Schock nach dem Angriff: Ein Mann trägt in Kana die Leiche eines Mädchens aus den Trümmern

Der libanesche Regierungschef Fuad Siniora verlangte nach dem Angriff einen sofortigen, bedingungslosen Waffenstillstand. Vorher werde er keinerlei Verhandlungen mit den "israelischen Kriegsverbrechern" führen, sagte er. Auch die US-Außenministerin Condoleezza Rice wolle er erst empfangen, wenn die Kämpfe eingestellt seien.

Der tödliche Luftangriff war nach Angaben der israelischen Armee Reaktion auf Raketenangriffe der Hisbollah-Miliz. Ein Militärsprecher in Tel Aviv wollte sich am Sonntag aber nicht dazu äußern, was der genaue Grund für den Angriff auf ein Haus war. "Aus dem Gebiet gab es zahllose Angriffe auf den Norden Israels", sagte der Sprecher. " Die israelische Armee ist entschlossen, diesen Terror auszulöschen."

Insgesamt hat israelische Luftwaffe am frühen Sonntagmorgen 40 Ziele im Libanon bombardiert. Angegriffen wurden an diesem 19. Tag des Konflikts Einrichtungen der radikalislamischen Hisbollah-Miliz sowie Straßenverbindungen. Gleichzeitig schickte die israelische Armee in der Nacht weitere Bodentruppen und Panzer in das südlibanesische Grenzgebiet.

Der Fernsehsender der Hisbollah strahlte unterdessen eine Erklärung der Miliz aus, in der von neuen Raketenangriffen auf israelisches Gebiet die Rede war. Katjuscha-Raketen seien auf die Regionen um Naharija, Kirjat Schemona und Maalot abgefeuert worden, hieß es. Insgesamt sollen zehn Raketen abgefeuert worden sein.

US-Außenministerin Rice sollte an diesem Sonntag ihre Gespräche in Israel fortsetzen. Vorgesehen sind Begegnungen mit ihrer Amtskollegin Zipi Liwni und Verteidigungsminister Amir Perez. Am Vortag hatte die Amerikanerin mit Regierungschef Ehud Olmert Bedingungen über die Stationierung einer Friedenstruppen im Südlibanon erörtert und humanitäre Hilfe für den Libanon angesprochen. Ein Zeitplan für eine Waffenruhe sei bei dem Treffen hinter verschlossenen Türen nicht diskutiert worden, hieß es im israelischen Radio.

Solana: EU muss mitmachen / Stoiber: Die Bundeswehr besser nicht

Rices zweiter Besuch in der Region binnen einer Woche ist der erste Schritt eines Drei-Stufen-Plans, den US-Präsident George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair am Freitag vorgelegt hatten. Rice soll demnach mit Israel und dem Libanon über eine internationale Stabilisierungstruppe und über eine Entschließung reden, mit der sich kommende Woche der Uno-Sicherheitsrat befassen soll.

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana forderte die Europäer auf, sich an einer möglichen Friedenstruppe für den Nahen Osten zu beteiligen. "Ich halte es für entscheidend, daß sich Europa engagiert und einige europäische Länder teilnehmen", sagte Solana der "Bild am Sonntag".

Der CSU-Parteivorsitzende Edmund Stoiber riet der Bundesregierung aber zur Zurückhaltung. Die Bundeswehr sei bereits erheblich eingespannt in Afghanistan, auf dem Balkan und im Kongo, sagte Stoiber in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin". Außerdem hätten die Deutschen ein spezifisches Verhältnis zu Israel. "Und deswegen dürfen wir hier keine große Rolle spielen."

itz/Reuters/AP/dpa/AFP



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