Nahostkrise Blutiger Samstag in Dschabalija

Gefährliche Eskalation der Gewalt in Nahost: Die israelische Armee tötete 56 Palästinenser - darunter auch Kinder. Es war eine Vergeltungsaktion für die Raketenangriffe palästinensischer Extremisten der vergangenen Tage. Im Gaza-Streifen herrschen Schock und Trauer.

Gaza - Im Trauerhaus herrscht ein gewaltiger Tumult. Dutzende Menschen drängen sich vor der Zimmertür, hinter der die Leichen der beiden Geschwister liegen. Frauen kreischen und schlagen sich ins Gesicht, Männer weinen laut oder schreien im vergeblichen Versuch, Ruhe zu schaffen. In der Küche kippen drei Männer der ohnmächtigen Tante der getöteten Teenager Wasser ins Gesicht. Jaulend wacht sie auf und schlägt auf ihre Helfer ein. Es ist elf Uhr an diesem Samstagmorgen im Gaza-Streifen.

Jaqueline und ihr Bruder Iad Abu Schbak sind im Morgengrauen gestorben. Gerade sind ihre Leichen in das Haus ihrer Großeltern gebracht worden. Trauer und Zorn wogen ihrem Höhepunkt entgegen, bevor am Nachmittag die Rituale des Todes Ordnung ins Chaos bringen werden. Die 16- und der 17-Jährige hatten sich in der vergangenen Nacht mit Mutter und Geschwistern in ihrer Wohnung außerhalb des Flüchtlingslagers Dschabalija im Nordosten des Gaza-Streifens verbarrikadiert. Draußen herrschte ein ohrenbetäubend lauter Krieg: Apache-Hubschrauber der israelischen Armee bombardierten aus der Luft, F-16 Kampfjets donnerten über die Häuserblocks. Kampfeinheiten palästinensischer Extremisten feuerten Raketensalven auf Israel, bis Samstagnachmittag gingen 44 Geschosse auf Israel nieder. Vorrückende israelische Bodentruppen lieferten sich schwere Gefechte mit Kämpfern verschiedener palästinensischer Milizen.

Eine Salve durchschlug die Fenster der Wohnung, traf den jungen Mann in die Brust, seine Schwester ins Gesicht.

Zwei Namen auf der Todesliste

Jaqueline und Iad: Zwei Namen auf einer Liste von Toten, die an diesem blutigen Samstag in Gaza immer länger wurde. Bereits am Mittag gab es den traurigen Rekord zu vermelden: So viele Tote durch israelisches Feuer gab es seit der Militäraktion nach der Entführung des israelischen Soldaten Gial Shalit im Sommer 2006. Bereits am Nachmittag waren es 34, die meisten von ihnen Kämpfer, ein Dutzend Zivilisten wie die beiden Geschwister.

Ihre Körper liegen in Laken gewickelt auf dem Fußboden des Wohnzimmers, in dem sich die engsten Angehörigen in drängen. Die Mutter der beiden fehlt: Sie ist immer noch von den Kämpfen eingeschlossen. Die Ambulanz konnte nur die Leichen bergen, nicht noch Zivilisten mit herausbringen aus der Kampfzone. Iads Gesicht ist im Tode bläulich-weiß, das seiner Schwester von einem Tuch verdeckt. Nur wenn die um sie knieenden Frauen es wegziehen, um Jaquelines Lippen zu küssen, ist das rohe Fleisch zu sehen, wo ihre Wange war. Die Leichentücher sind mit der palästinensischen Fahne und der Fahne der Fatah geschmückt: Die Abu Schbaks sind Anhänger des gemäßigten Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas, der sich für einen Friedensschluss mit Israel einsetzt.

Die greisen Großeltern werden auf Stühlen hereingetragen. Mit unendlicher Mühe lässt sich der Großvater auf die Knie herab, kriecht über den Fußboden, bis er zwischen seinen Enkeln liegt. Keuchend und weinend ruft er ihre Namen. Die Großmutter schlägt sich hart mit flachen Händen ins Gesicht, immer und immer wieder. Laut, wie unter Hypnose, ruft sie die Formeln der Trauer: "Oh, meine Geliebten, meine Enkel. Oh, Mohammed. Die Katastrophe ist über unsere Familie gekommen. Ach, guter Gott. Und wenn ich mich verbrennen würde, der Schmerz wäre nichts im Vergleich!"

Ein Onkel und Führer der Fatah-Partei versucht unterdessen, einen klaren Kopf zu behalten. "Es ist ein Massaker, was die Israelis hier heute anrichten", sagt er. "Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, einzuschreiten, uns nicht allein zu lassen in diesem Krieg."

Maskierte Kämpfer

Minuten später an der nächsten Straßenecke. Ein Dutzend maskierte Kämpfer des Islamischen Dschihad stehen in der Deckung der Hauseingänge, Sturmgewehre im Arm. Anspannung liegt in der Luft, die israelischen Bodentruppen stehen wenige Blocks von hier. "Wir warten hier auf die Israelis", sagt der Anführer der Gruppe. Vier seiner Kameraden seien heute schon getötet, 13 verwundet worden. Einige seiner Männer schlagen nervös nach kleinen Jungs, die neugierig herumlungern. "Diese Straße hier kann in jedem Moment zum Schlachtfeld werden. Die sollen gefälligst nach Hause gehen." Dann donnert plötzlich eine israelische F-16 über die Straße weg, alles rennt und presst sich an die Hausmauern. "Macht, dass ihr wegkommt!", schreit der Milizionär den Journalisten zu. "Es geht los!"

Zwei Minuten später, während das Auto in Richtung Innenstadt rast, sieht man Apache-Helikopter im Anflug. Die Bordkanonen wummern, der Himmel über Dschabalija füllt sich mit den weißen Wattewölkchen, die von abgeschossener Munition zurück bleibt.

Blutlachen auf dem Bürgersteig

Vor dem größten Krankenhaus des Gaza-Streifens sind Blutlachen auf dem Bürgersteig vor dem Haupteingang. Krankenwagen treffen im Minutentakt ein. Meist sind es junge Männer, die blutverschmiert und nackt bis auf die Unterhose auf den Bahren liegen. Wer noch eine Uniform trägt, dem wird sie noch im Eingang vom Leib geschnitten. Neben einem Mülleimer liegen rot verschmierte Hosen und Jacken, ein paar ehemals weiße Turnschuhe liegt in Blut gebadet daneben. Ein junger Mann hat Schusswunden im Bauch, der nächste ein tellergroßes, blutiges Loch im Oberschenkel. Miit einem der Ärzte zu reden, daran ist überhaupt nicht zu denken.

Hamas-Leute versuchen, der Lage Herr zu werden, den Ansturm von Angehörigen so zu kanalisieren, dass die Bahren durchkommen: Rein mit Schwerletzten, raus leer, aber bluttriefend. Für Desinfektion ist keine Zeit. Mit quietschenden Reifen fahren die Ambulanzen wieder vom Hof. In der Ferne ist das Stakkato feuernder Kampfhubschrauber zu hören. Wenn es abebbt, sind gesungene Verse des Korans zu hören, die wie eine Schleier aus Musik über der Stadt liegen.

Es ist ein Zeichen der Trauer, dass die Muezzine den Koran aus ihren Lautsprechern schallen lassen. Es wirkt, als hätten sie damit die Hintergrundmusik für einen Kriegsfilm aufgelegt.

Der Sprecher der Gesundheitsbehörde des Gazastreifens steht mitten im Getümmel, ein Handy am Ohr, zwei in der anderen Hand. Zeitungen, Radiostationen, Fernsehsender aus aller Welt rufen an, um zu fragen, wie die Lage ist. "Es fehlt an allem", ruft Khaled Radi in seine Telefone. Das Schifa-Krankenhaus habe allein in den vergangenen Stunden an die 50 Schwerverletzten aufgenommen, 16 in höchst kritischem Zustand. "Leute, deren Gehirn bloßliegt, Männer mit multiplen Amputationen." Immer wieder fielen die Generatoren aus, Medikamente und Betäubungsmittel seien seit Wochen Mangelware im Gazastreifen. "Wir können nichts für diese Leute tun, wir müssen sie erst einmal liegenlassen."

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